Soziale Kompetenzen: Schule leistet zu wenig! Was Schüler wirklich lernen sollten

Differenzialrechnung, Romantik, Kinetik - Deutschlands Abiturienten haben ein spezifisches Fachwissen, wenn sie die Schule verlassen. Leider mangelt es oft an sozialen Kompetenzen, die im späteren Beruf enorm wichtig sind.

Schule: Auch soziale Kompetenzen sind wichtig für die Zeit nach der SchuleGerade Soft Skills qualifizieren Schüler und Schulabgänger für eine erfolgreiche berufliche Zukunft. | © Sonya Etchison/Shutterstock

Die im Frühjahr 2014 veröffentlichte Sondererhebung des fünften Pisa-Schulvergleichstest zeigte, dass 20 Prozent der deutschen Schüler mit dem Lösen alltäglicher Probleme überfordert sind. Dabei sind es gerade die Soft Skills, wie digitale und soziale Kompetenzen, die Schüler und Schulabgänger neben dem Fachwissen für eine erfolgreiche berufliche Zukunft qualifizieren.

Deshalb beschäftigten wir uns damit, welche Fähigkeiten jeder Schüler bis zu seinem Abitur sicher beherrschen sollte und was Sie als Eltern tun können, damit Ihre Kinder auf das Leben nach der Schule vorbereitet werden.

Soziale Kompetenzen – in und außerhalb der Schule

1. Selbstständiges Arbeiten

Bei Google, in Online-Datenbanken und Foren findet man heute mit den richtigen Suchbegriffen und ein paar Klicks eine Antwort auf fast jede Frage. In der Schulzeit können Kinder dafür und bei anderen Schwierigkeiten noch Eltern oder Lehrer um Rat bitten; an der Uni und vor allem im Berufsleben wird zu Recht erwartet, dass jeder eigenständig arbeitet. Schüler müssen daher nicht nur lernen, zu recherchieren und die Ergebnisse einfach per Copy & Paste zu übernehmen, sondern auch, Fragen selbst zu beantworten, Antworten kritisch zu hinterfragen und sich etwas zuzutrauen.

Sie als Eltern können Ihre Kinder auf dem Weg zum selbstständigen Arbeiten schon früh unterstützen. Seien Sie z. B. bei den Hausaufgaben nur in der Nähe und greifen Sie nur ein, wenn eine dringliche Frage aufkommt. Erklären Sie Ihren Kindern in diesem Zusammenhang und auch beim Lernen für Klassenarbeiten, wo sie bei Fragen recherchieren können, welche Hilfsmittel es gibt und wie das Internet sinnvoll genutzt werden kann. In unserem kostenlosen Eltern-Ratgeber "Lernen im Internet" finden Sie einige Tipps und Checklisten für das Lernen mit Apps, Online-Plattformen, Internet-Videos und Co.

Darüber hinaus können Sie aber auch außerhalb des Schul- und Lernalltags die Selbstständigkeit Ihrer Kinder fördern: Lassen Sie sie zum Beispiel einfach mal selbst im Restaurant das Essen für die ganze Familie bestellen oder geben Sie die Aufgabe, die Fahrkarte für den Zoo-Ausflug zu kaufen. Bei kleineren Kindern sollten Sie das natürlich erst einmal zusammen machen und sich dann nach und nach bei gewissen Aufgaben zurücknehmen – learning by doing ist nicht umsonst eine sehr effektive Lernmethode. Weitere kreative Lernmethoden für Schüler 

2. In der Kürze liegt die Würze

Im Berufsalltag kommt es darauf an, schnell Lösungen zu finden und zu kommunizieren. Schüler müssen daher lernen, zentrale Fragen zu stellen und präzise Antworten zu liefern. In Klassenzimmern kommt es jedoch ab und an zu nicht enden wollenden Diskussionen ohne Ziel, Punkt und Fazit. Das kann zwar sehr lehrreich sein, sollte aber nie dem Selbstzweck dienen. Ähnlich verhält es sich mit Hausaufgaben und Klassenarbeiten: Je mehr geschrieben wird, desto besser. Förderlich ist es da schon, wenn ein begrenzter Antwort-Platz zur Verfügung steht, der nicht überschritten werden darf.

Leider geht es in der schulischen Ausbildung hinsichtlich der Quantität zu oft noch um Mindestanforderungen: Die Hausaufgabe soll mindestens auf fünf Seiten bearbeitet werden, der Aufsatz aus mindestens zehn Sätzen bestehen. In der Uni geht es dann so weiter. Erst bei der Bachelor-Arbeit gibt es Begrenzungen. Und damit tun sich dann viele der jungen Erwachsenen schwer.

Später, wenn es um Präsentationen in der Firma geht, oder eine Zusammenfassung für den Vorgesetzten verfasst werden soll, heißt es: maximal zehn Charts, maximal eine DIN-A4-Seite. Höchste Zeit also, schon zu Schulzeiten statt Mindestanforderungen für die Länge, Maximalwerte zu lehren. Mindestanforderungen sollte es hingegen nur für die Qualität der Arbeit geben.

Auch Sie als Eltern können dabei unterstützen und diese Kompetenz auch außerhalb der Schule fördern: Trainieren Sie mit Ihren Kindern das Zusammenfassen von wesentlichen Informationen. Das muss nicht nur im schulischen Rahmen geschehen: Ein Werbeflyer, ein Zeitungsartikel oder ein Film eignet sich ebenso gut für kurze Zusammenfassungen wie ein Text aus dem Schulbuch.

3. Teamwork: gemeinsam erfolgreich zum Ziel

Natürlich gibt es Schulen, die besonderen Wert auf kooperative Lernformen und Teamwork legen. Allerdings beurteilt das heutige Bildungssystem dennoch in erster Linie Einzelleistungen der Schüler und entlässt nach dem Abschluss eine Masse an Individualisten.

In der Berufswelt werden Einsteiger mit dieser Strategie Schwierigkeiten haben: Wer nicht in der Lage ist, in einer Gruppe zu arbeiten, ein Team zu leiten, Erfolge zu teilen und Niederlagen gemeinsam zu verarbeiten, wird schnell an seine Grenzen stoßen. Es ist vor allem der Sportunterricht, der diese soziale Kompetenz in der Schule begünstigt.

Fördern Sie deshalb die Kooperationsfähigkeit Ihres Kindes auch außerhalb der Schule: Freizeitaktivitäten wie Mannschaftssportarten oder das Spielen eines Musikinstrumentes in einem Orchester stärken die Team-, die Kommunikations- und Konfliktfähigkeit Ihres Kindes und somit seine sozialen Kompetenzen, die auch für die Schule wichtig sind.

4. Soziales Engagement für ein gutes Miteinander

Hilfsbereitschaft und Toleranz, auch gegenüber anderen Kulturen, gehören heute zu den Schlüsselqualifikationen eines jeden Berufseinsteigers. An diese Werte sollten Sie Ihre Kinder schon früh heranführen, damit diese im Erwachsenenalter selbstverständlich werden.

Je nach Interesse Ihrer Kinder können Sie z. B. eine ehrenamtliche Tätigkeit vorschlagen, die wichtige soziale Kompetenzen auch außerhalb der Schule vermittelt: Vielleicht hat Ihr Kind Freude daran, beim Kindergottesdienst oder bei Ferienprogrammen für jüngere Kinder zu helfen. Auch im Sportverein lernt Ihr Kind, auf Schwächere Rücksicht zu nehmen, im Team zu arbeiten und sich für andere einzusetzen.

5. Selbstorganisation – die Voraussetzung für effektives Lernen und Arbeiten

Sich den Lernstoff oder die Arbeit auf dem Schreibtisch so zu organisieren, dass man sie erfolgreich bewältigen kann, ist eine der wichtigsten Kompetenzen im Arbeitsalltag. Von der To-do-Liste bis hin zu hilfreichen Werkzeugen des Projektmanagements – Schule sollte heute unbedingt Strategien vermitteln, mit denen die Kinder lernen, selbstständig zu arbeiten. Dazu gehört auch die Fähigkeit, Aufgaben zu priorisieren und zu lernen, das Pausen, Feierabend, Wochenenden und Urlaub wichtig für den Ausgleich sind.

Alternativen Schulen wie Montessori oder Waldorf legen auf das Thema selbstbestimmtes Lernen viel Wert. 

Unterstützen Sie Ihr Kind dabei, sich selbst zu organisieren: Ein aufgeräumter, übersichtlicher Schreibtisch gehört ebenso dazu, wie einen Zeitplan erstellen zu können und unterschiedliche Lerntechniken zu beherrschen – und dann natürlich auch nach erledigten Aufgaben, den Nachmittag bzw. Abend mit einem leckeren Eis und einem tollen Gesellschaftsspiel ausklingen zu lassen.

6. Effektives Lernen – ein Leben lang

Karteikarten mit Vokabeln oder Matheformeln, bunt markierte Texte, die den Blick auf das Wesentliche lenken – wer verschiedene Lernstrategien passend zu seinem Lerntypen beherrscht, ist in der Schule, an der Uni und im Berufsalltag klar im Vorteil. Bringen Sie doch mal mit Gedächtnisspielen oder einem Lernstoff-Quiz Abwechslung in den Lernalltag Ihres Kindes. Ausführliche Informationen zum Thema bietet der Artikel "Erfolgreiches Lernen - die wichtigsten Voraussetzungen".

Denn das Lernen sollte und wird mit der Schule oder dem Studium nicht aufhören: Das Stichwort heißt hier „lebenslanges Lernen“ – die Schule muss deshalb auch auf das auf das spätere Leben vorbereiten und darf soziale Kompetenzen nicht völlig außen vor lassen: Denn am Ende kommt den jungen Erwachsenen nicht nur der Schulstoff im Beruf zugute, sondern vor allem die verschiedenen Lerntechniken und Strategien, sich Wissen anzueignen. Daher ist es sehr wichtig, Kindern schon früh den Spaß am effektiven Lernen zu vermitteln.

7. Respekt und Achtung zeigen

In der schnelllebigen heutigen Gesellschaft scheint manchmal sogar die Zeit zu fehlen, um „bitte“ und „danke“ zu sagen. Umso wichtiger ist es daher, dass Eltern ihren Kindern einen respektvollen und höflichen Umgang mit dem Gegenüber vorleben. Allein die Schule für diese sozialen Kompetenzen verantwortlich zu machen, reicht lange nicht aus.

Ermutigen Sie Ihre Kinder deshalb ruhig mal, im Bus der älteren Dame den Sitzplatz anzubieten. So lernen sie, Aufgaben zu übernehmen, sich in andere hineinzuversetzen und die eigenen Interessen auch mal zurückzustellen. Letzteres sollte natürlich nicht durchgehend der Fall sein: Ein gesundes Selbstbewusstsein ist ebenso wichtig wie die Fähigkeit, zurückzustecken.

Wichtige Kompetenzen in Zeiten digitaler Medien

Die Schüler von heute sind die erste Generation, die mit den Neuen Medien wie dem Internet und seinen unzähligen Möglichkeiten aufwachsen. Besonders in den vergangenen Jahren hat die Bedeutung des Computers im Alltag und im Berufsleben stark zugenommen – ein Leben ohne Internet und PC ist heute bereits unvorstellbar. Egal ob Powerpoint-Präsentation im Schulreferat, Rücksprachen mit dem Uni-Professor oder Kundenkontakte im Job: Ein wachsender Teil des täglichen Lebens spielt sich am Computer ab.

Es ist daher neben der Vermittlung sozialer Kompetenzen unerlässlich, die Schüler auch außerhalb der Schule mit den Neuen Medien vertraut zu machen und ihre digitalen Kompetenzen zu schulen. Wir haben für Sie deshalb an dieser Stelle drei wichtige digitale Kompetenzen aufgegriffen, die schon in der Schulzeit sehr wichtig werden:

Eine E-Mail schreiben

Jeder kann E-Mails schreiben, doch hapert es oft an der Verständlichkeit. Gewünscht sind Mails mit klarem Adressaten, klarem Betreff, klaren Fragen, klarem Zeithorizont, klaren Aufgaben – manchmal ist weniger eben doch mehr. Trotz aller Knappheit: Eine offizielle E-Mail muss ebenso korrekt und höflich formuliert sein wie ein Brief. Vor allem durch Chats und Instant Messaging ist die schriftliche Mündlichkeit unter Schülern jedoch weit verbreitet. Sensibilisieren Sie Ihre Kinder für den richtigen Ton je nach Adressat oder Anlass. Für die Freundin oder den Verwandten kann man auch mal salopper formulieren, der Lehrerin oder dem Lehrer sollte man aber höflicher begegnen. Fragen Sie doch mal, ob Ihre Kinder vielleicht selbst die Unterschiede kennen. Erarbeiten Sie gemeinsam eine Checkliste mit Do’s und Dont’s, die Sie ausgedruckt neben den Computer legen – so ist sie beim E-Mail schreiben griffbereit.

Powerpoint – Arbeitsergebnisse gekonnt präsentieren

Informationen jeglicher Art werden überall in der akademischen und in der Geschäftswelt mit Powerpoint vorgestellt. So praktisch das Tool ist – der richtige Umgang will gelernt sein. Deshalb sollten Kinder und Jugendliche lernen, anschauliche und gut strukturierte Präsentationen zu erstellen.

Lassen Sie sich doch das Referat von Ihrem Kind vortragen und achten Sie besonders auf die Präsentation des Ganzen: Sie sollte lediglich ein unterstützendes Element sein. Zu viel Text, Bilder oder Zahlen lenken die Aufmerksamkeit vom Redner ab, zu viele Effekte verwirren den Zuhörer. Stattdessen sollte der Fokus auf den wichtigsten Informationen liegen, nicht darauf, die mündliche Präsentation zu überlagern.

Social Networks verantwortungsvoll und kritisch nutzen

Viele Schulabgänger sind sich der Allmacht der sozialen Netzwerke nicht bewusst: Facebook- oder Twitterposts über den letzten Arbeitgeber, den letzten Urlaub oder eine wilde Party sind für viele sichtbar. So liest die Personalabteilung von den Feierexzessen und der Freundeskreis vom letzten Meeting. Ihrem Kind soziale Netzwerke oder gar das Internet gleich komplett zu verbieten, ist auf Dauer jedoch keine Lösung. Vielmehr sollten Sie Ihrem Kind klarmachen, welche Auswirkungen sein Handeln im Internet hat. Soll wirklich die ganze Welt durch einen Facebook-Post erfahren, dass man die Mathelehrerin doof findet? Ist es in Ordnung, Bilder ohne Einverständnis der abgebildeten Personen öffentlich ins Netz zu stellen? Wertvolle Tipps für Eltern und Kinder finden Sie auch im Artikel über Medienkompetenz und im Ratgeber Lernen im Internet.

Inspiriert wurde die Liste von Guy Kawasaki, der 2006 eine ähnliche Liste geschrieben hat.

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