Gymnasium! Oder nicht? Die richtige Schulform wählen

Josef Kraus, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes, erklärt, warum das Gymnasium nicht der einzige Weg zum Erfolg ist, und worauf es wirklich ankommt, wenn Eltern sich fragen: "Welche Schule ist die richtige?"

Schule: Schulwahl: Welche Schule ist die richtige? Warum es nicht immer das Gymnasium sein mussMehrere Wege führen zum Ziel: Das Gymnasium ist nicht immer die einzig richtige Schule | © Coloures-pic - Fotolia.com

Mit einem Abitur sind, selbst ohne Studium, die Karriereaussichten deutlich besser*. Trotzdem kritisieren Sie, Herr Kraus, dass so viele Eltern ihre Kinder auf das Gymnasium schicken. Warum?

Der Mensch beginnt nicht mit dem Abitur – es kann keine Abitur-Vollkaskogarantie geben! Mit einem Abitur sind die beruflichen Aussichten auch keineswegs besser: Wir haben in Deutschland ein hervorragendes System der beruflichen Bildung, und wir haben bereits einen eklatanten Fachkräftemangel.

Eltern möchten ihrem Kind aber natürlich nichts verbauen. Deshalb schicken einige von ihnen ihr Kind auch entgegen des Rates des Lehrers auf ein Gymnasium (siehe Zeit.de). Bei unserem Digitalen Elternabend haben Sie jedoch betont, dass nicht nach der vierten oder sechsten Klasse über die Zukunft eines Kindes entschieden wird. Wann denn dann?

Die Weichen können immer wieder neu gestellt werden. Das deutsche Bildungswesen ist in besonderer Weise vertikal durchlässig – ein Wechsel von einer Schulform zur anderen ist zu vielen Zeitpunkten möglich. Zum Beispiel haben über 40 Prozent der Studierberechtigten gar keinen Gymnasialabschluss, sondern sind auf anderen Schularten zum Abitur gekommen.

Wir haben viele so genannte zweite Wege, und bei manchen jungen Leuten platzt der Knoten eben erst später. Eltern haben also gute Gründe, bei der Frage, welche Schule ihre Kinder besuchen sollen, gelassen zu bleiben.

Wenn es also nicht unbedingt das Gymnasium sein muss, wie finden Eltern dann die richtige Schule für ihr Kind?

Unterschiedliche Schulformen haben unterschiedliche Profile und führen zu unterschiedlichen Abschlüssen. Das Bildungsziel des Gymnasiums zum Beispiel ist eben die Hinführung zur Studierfähigkeit, genauer: zur allgemeinen Hochschulreife. Die Basis dafür ist ein breiter Fächerkanon, zu dem unter anderem mindestens zwei Fremdsprachen gehören. Andere Schulformen sind praktischer ausgerichtet. 

Sehr wichtig ist die Einschätzung der Grundschullehrer. Sie kennen ein Kind sehr gut, und ihr Urteil, ob ein Kind etwa für das Gymnasium geeignet ist, hat eine hohe Aussagekraft. Ansonsten sind die Leistungen eines Kindes vor allem in den Fächern Deutsch und Mathematik der Grundschule sehr aussagekräftig. → Mehr dazu: Die richtige Schule finden – In 3 Schritten zur Traumschule

Sie appellieren an die Eltern, entspannter mit Noten und Zeugnissen umzugehen. Woher kommt Ihrer Ansicht nach der „Akademisierungswahn“?

Hier spielen die aus meiner Sicht unsinnigen Forderungen der OECD und von Stiftungen wie der Bertelsmann Stiftung eine unrühmliche Rolle. Diese Einrichtungen wollen uns glauben machen, wir bräuchten in Deutschland mehr Abiturienten und Akademiker. Das ist Quatsch. Aber leider bleibt das in den Köpfen mancher Eltern haften. → Mehr dazu: Wenn Kinder beurteilt werden – vom Umgang mit Zeugnissen und Noten

Auch wenn sich Eltern und Kinder für eine Schulform – also zum Beispiel Realschule oder Gymnasium – entschieden haben, sind viele Eltern unsicher, welche Schule in der näheren Umgebung die richtige ist.

Jede Schule bietet ein eigenes Profil an. Eltern sollten sich im Internet darüber informieren. Nahezu jede Schule hat heute einen Internet-Auftritt. Außerdem bieten alle weiterführenden Schulen Informationsveranstaltungen und Tage der offenen Tür für Eltern an. Diese Termine sollte man unbedingt wahrnehmen, dann fällt die Entscheidung leichter.

Halten Sie eine Montessori- oder Waldorfschule für eine Alternative zu einer „regulären“ allgemeinbildenden Schule?

Diese Schulen haben bislang keinerlei Beweis erbracht, dass ihre Schüler bei Leistungstests besser abschneiden. Eltern müssen es sich gut überlegen, ob sie ihre Kinder dorthin schicken. Denn üblicherweise müssen Schüler dieser Schulen, wenn sie einen Abschluss haben wollen, als so genannte externe Prüflinge an Abschlussprüfungen einer staatlichen oder staatlich anerkannten Schule teilnehmen.

Anm. d. Red.: Das sieht Henning Kullak-Ublick ganz anders - in diesem Artikel räumt er auf mit vielen Vorurteilen: Waldorfschule: Das erwartet Kinder und Eltern

Was sind Alarmsignale, bei denen Eltern über einen Schulwechsel nachdenken sollten?
 
Wenn das Kind trotz eifrigen Lernens und großen Lernaufwandes nicht zu befriedigenden oder wenigstens solide ausreichenden Ergebnissen kommt. Wenn Kinder überfordert sind, ist das für sie eine permanente Frustration. Unter diesen Bedingungen erbringt ein Kind dann oft nicht einmal mehr die Leistung, zu der es fähig wäre.

scoyo: Zum Schluss noch eine etwas allgemeinere Frage: Deutschland hinkt bei mehreren EU-Bildungszielen weit hinterher, unter anderem bei der Abiturientenquote und dem Anteil der Hochschulabsolventen. Wie zukunftsfähig ist unser dreigliedriges Schulsystem?

Wir haben kein dreigliedriges, sondern ein vielfach gegliedertes Schulwesen. Wenn man die hochdifferenzierten Förderschulen und vor allem die Vielfalt der berufsbildenden Schulen anschaut, dann wird das klar. Wir sollten auch endlich aufhören, andere Länder zum Vorbild zu nehmen. Was bringt es, wenn etwa Finnland angeblich tolle PISA-Ergebnisse und über 60 Prozent Abiturientenquote hat, am Ende aber über 20 Prozent arbeitslose Jugendliche herauskommen? Deutschland, die Schweiz und Österreich haben die niedrigsten Abiturientenquoten, zweifelsohne aber auch die besten Wirtschaftsdaten und eben auch die niedrigsten Quoten an arbeitslosen Jugendlichen. So einfach ist das.

→ Alle Tipps und Ratgeber zur Schulwahl hier im scoyo ELTERN! Magazin

Josef Kraus, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbands

Josef Kraus© Josef KrausJosef Kraus ist seit 1987 Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Seit 20 Jahren leitet er zudem ein Gymnasium in Bayern. Als Autor veröffentlichte er unter anderem das Buch „Helikopter-Eltern: Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung“. In schulpolitischen Debatten gilt Josef Kraus als Verfechter einer klar strukturierten Schullandschaft, eines wissensorientierten Unterrichts, eines altersgerechten Leistungsprinzips, zentraler Abschlussprüfungen bei allen Schulabschlüssen und eines umfassenden Verständnisses einer Bildung, bei der auch kulturelle und übernützliche Aspekte eine wichtige Rolle spielen. Kraus: „Schulen ohne Zeugnisse – das ist naive Romantik. Schule kann nicht ohne eindeutige Leistungsbilanzen existieren, sonst befände sie sich in einem Elfenbeinturm.“

Website: www.lehrerverband.de

Mehr zur Frage: Gymnasium - oder nicht?

Auf Zeit.de ist am 21. Dezember 2015 ein Artikel erschienen mit dem Titel: "Lernen vom Scheitern: Jeder zehnte Sechstklässler muss das Gymnasium verlassen. Warum wählen so viele Familien die falsche Schule?"

Interessante Auszüge (zum ganzen Artikel):

  • Stadtteilschule oder Gymnasium - Für viele Eltern geben soziale Faktoren den Ausschlag: Auf welche Schule gehen die Freunde? Auf welche die Geschwister? Dagegen ist selten etwas einzuwenden. Aber oft spielen auch Mythen eine Rolle, Vermutungen darüber, welche Schulen und welche Schulformen wie gut sind. Mit der Wirklichkeit hat das meist wenig zu tun.
  • Die Frau aus der Schulbehörde sagt: "(...) Der Druck auf dem Gymnasium ist hoch in den ersten beiden Jahren. Ich würde Ihnen dringend raten, die Einschätzung der Grundschullehrer ernst zu nehmen, ob Ihr Kind das schaffen kann."
  • Mehr als die Hälfte der Eltern melden ihre Kinder im fünften Schuljahr an einem Gymnasium an, jeder vierte unter ihnen tut das gegen den ausdrücklichen Rat der Grundschullehrer. Wer Eltern nach ihren Beweggründen fragt, hört, dass die Grundschullehrer ihr Kind einfach nicht einschätzen könnten; dass die Freunde auch aufs Gymnasium gingen; dass Großeltern und Nachbarn das eben erwarteten. Und oft, dass man es ja mal ausprobieren könne, ob das Kind es nicht doch am Gymnasium schaffe.
  • Wie schlimm ist der Schulwechsel für die Kinder? Es gibt unter Lehrern sehr unterschiedliche Meinungen dazu. Einige sagen, die enttäuschten Seelen brauchten nach zwei Jahren des Versagens mindestens sechs Monate, um wieder Zutrauen in die eigene Leistungsfähigkeit zu gewinnen. Andere halten das für übertrieben. In dem Alter tue ein Wechsel vielen sogar gut. "Wie war es denn bei euch?", fragt Stöck die Schüler der 8e. "Ich hab gedacht, ich bin doof", sagt ein Junge. "Man ist dann ja der Außenseiter auf dem Gymnasium, der Versager, der zu dumm ist." 
  • Eltern sollten sich womöglich vor allem eins klarmachen: Die Wahl der weiterführenden Schule ist bei Weitem keine so lebensprägende Entscheidung mehr, wie sie es vor einigen Jahren noch war. 

In dem Artikel "Glücklich ohne Gymnasium" von Magazin Schule werden Alternativen zum Gymnasium ausführlich vorgestellt: magazin-schule.de

* z. B. Schindler, Steffen: „Öffnungsprozesse im Sekundarschulbereich und die Entwicklung von Bildungsungleichheit“, S. 158 (PDF, 11 Seiten, 346 KB)

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