Bildung 4.0: Werden digitale Tools und Programme den Lehrer ersetzen?

Werden Schüler bald nur noch von Robotern betreut? Und wie wirkt sich Künstliche Intelligenz auf den Unterricht aus? scoyo-CEO Daniel Bialecki zeigt in seiner Kolumne, was die Digitalisierung für den Lehrerberuf bedeuten kann.

Ratgeber: Kolumne: Bildung 4.0 - Werden digitale Tools und Programme den Lehrer ersetzen?
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In Deutschland schreitet der Einsatz digitaler Technologien im Unterricht nur zögerlich voran. Es fehlt an Konzepten und Vorreitern und, wie ich denke, an der Lust und dem Glauben, dass aus Weiterentwicklung positive Veränderungen erreicht werden können. Denn oftmals grassiert die Angst, dass Systemintelligenzen den Menschen auch in diesem Bereich in naher Zukunft ersetzen können. Doch das ist eine sehr deutsche Perspektive. Sie ist ein Sinnbild der Angstgesellschaft und Technikfeindlichkeit in Deutschland.

Es steht außer Frage, dass wir in den nächsten Jahrzehnten viel zu wenig Lehrer in Deutschland haben und die Anforderung an Lehrer aufgrund dessen wesentlich komplexer werden. In Zukunft wird es deshalb umso wichtiger sein, die Wirksamkeit eines jeden einzelnen Lehrers zu verbessern und gegebenenfalls seine Reichweite zu vergrößern. Genau hier können digitale Technologien ansetzen und den Lehrer unterstützen. Das wird aber bei weitem nicht dazu führen, dass Lehrer langfristig durch Technologie ersetzt werden.

Digitales Lernen verändert die Art und Weise der Wissensvermittlung

Digitale Technologien können Lehrern auf zwei unterschiedlichen Ebenen unter die Arme greifen: Die eine Ebene des digitalen Lernens ist die naheliegende, bei der man die technologischen Möglichkeiten dazu nutzt, den Unterrichtsstoff in der Schule und zuhause tiefer, besser und reichhaltiger zu präsentieren bzw. aufzubereiten. Beispielsweise durch den Einsatz einer VR Brille im Biologieunterricht, mithilfe derer sich Kinder im Körper frei bewegen können, um die Prozesse besser zu verstehen. Dadurch erhalten die Kinder einen deutlich lebendigeren Zugang zum Stoff als es bisher der Fall ist.

Das bedeutet allerdings nicht, dass digitales Lernen in einem solchen Kontext der Heilsbringer ist oder gar einen Systemsturz zur Folge hat, der vorgibt, dass x Prozent der Lehreinheiten mit solchen Tools abgehalten werden müssen oder gar ganze Lehrkräfte durch sie ersetzt werden. Vielmehr sollten Lehrer entscheiden, in welchen Situationen es sinnvoll ist, auf ein solch erweitertes Lernen zurückzugreifen. Das kann dann so weit führen, dass reines Wissen, nicht mehr in der Schule, sondern zuhause erworben wird. Kinder könnten sich die Grundlagen dann in ihrem Tempo so oft anschauen, wie sie es möchten und sich in das Thema einarbeiten (Flipped-Classroom-Konzept). In der Schule kann der Lehrer dann wiederum eine Verknüpfung zu vorhandenem Wissen und zum Alltag der Kinder herstellen, das Thema spannend vertiefen sowie auf spezifische Nachfragen eingehen. Für all das ist im jetzigen System leider nur selten Zeit vorhanden.

Digitales Lernen führt zu größeren Individualisierungsmöglichkeiten im Lernprozess

Das wiederum führt zur zweiten Ebene des digitalen Lernens, die vor allem den individuellen Aspekt des Lernens betrifft. Auch hier kann man nämlich die Vorteile des technologischen Fortschritts gewinnbringend einsetzen.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Lehrer in der Grundschule mit extrem unterschiedlichen Kindern und einem sehr breiten Spektrum an Leistungsvermögen konfrontiert werden. Der dort vorherrschende Frontalunterricht ist deshalb eigentlich total irrsinnig. Um eine optimale Lernumgebung für jedes einzelne Kind zu schaffen, bräuchte man deutlich mehr Lehrer, um die Kinder individuell zu fördern und das Leistungsniveau anzugleichen. Mit Blick auf den flächendeckenden Lehrermangel in Deutschland ist das eine sehr utopische Vorstellung. Ein Paradoxon, dass sich augenscheinlich nicht auflösen lässt.

Ratgeber: Kolumne: Bildung 4.0 - Werden digitale Tools und Programme den Lehrer ersetzen?Mit der Hilfe von digitalen Tools können Lehrer ihren Unterricht völlig neu gestalten. | © David/ Fotolia.comAn dieser Stelle kommt digitales Lernen ins Spiel. Denn mithilfe digitaler Tools können Lehrer es schaffen, auf die unterschiedlichen Ausprägungen der Kompetenzen der Kinder einzugehen. Wird das Kompetenzniveau eines Kindes digital erfasst – beispielsweise mithilfe eines digitalen Lernprogramms –, kann das digitale System Rückschlüsse ziehen und im Anschluss dem Kind das richtige Aufgabenniveau zuweisen.

Damit leistet es etwas, das der Lehrer verständlicherweise nicht leisten kann: Individualisierungsmöglichkeiten durch intelligentes, algorithmus-gestütztes Lernen. Gleichzeitig kann die eingesetzte KI sehr individuelle Analysen zu möglichen Schwachstellen liefern, die der Lehrer für eine zielgerichtete Betreuung einsetzen kann. Eltern und Kinder können diese dann am Nachmittag fortführen, weil eine sehr transparente Kompetenzanalyse stattgefunden hat. Der Lehrer hat im Unterricht außerdem mehr Zeit, sich solchen Kindern zu widmen, die besondere individuelle Förderung benötigen. Die Interaktion einer menschlichen und einer Systemintelligenz ermöglicht dem Lehrer somit sowohl leistungsschwächere als auch leistungsstärkere Kinder gleichzeitig individuell zu fördern und damit die Heterogenität im gesamten Unterricht zu verbessern.

Vom Lehrer zum Mentor

Die oben beschrieben Szenarien führen zu der Konsequenz, dass die Digitalisierung das Anforderungsprofil der Lehrer verändern wird. Der Lehrer ist künftig kein reiner Wissensvermittler mehr, sondern wird zum Mentor. Er vertieft, was nicht verstanden wurde und baut eine stärkere Beziehung zu den Kindern auf. Er fördert ihre soziale Kompetenz. Dann ist ein Lehrer auch mehr als die bloße Summe seiner Teile. Er ist eine Bezugsperson für die Kinder: Ein Ratgeber, ein Mentor, ein Kritiker, ein Motivator. Kurzum ein Mensch. Und dass Menschlichkeit jemals von digitalen Tools, geschweige denn Robotern auf emphatische Weise imitiert werden kann, darf bezweifelt werden.

Fazit

Digitales Lernen ist also weder ein Allheilmittel, noch wird es den Lehrer in Zukunft in Deutschland ersetzen. Ganz im Gegenteil: digitales Lernen wird erst dann wirklich nützlich, wenn man die Symbiose aus Systemintelligenz und menschlicher Intelligenz zu nutzen weiß und sinnvoll miteinander verbindet. Erst wenn man versteht, dass digitale Tools nicht aus reinem Selbstzweck, sondern für neue und bessere Lehr- und Lernkonzepte eingesetzt werden müssen, in denen Lehrer eine nach wie vor wichtige, aber durchaus veränderte Rolle einnehmen, haben technologische Neuerung im Unterricht ihre Daseinsberechtigung. Dann ist digitales Lernen eine sinnvolle Ergänzung im Unterricht und kann den pädagogischen Alltag von Lehrern, Schülern sowie Eltern sinnvoll und nachhaltig unterstützen.

Über den Autor

Ratgeber: Kolumne: Bildung 4.0 – Wie die Zukunft des Lernens aussehen könnte - Teil 1: Warum die Schule im digitalen Zeitalter zu einem Ort des Lernens werden mussDaniel Bialecki ist seit 20 Jahren im Bereich der digitalen Wissensvermittlung tätig und beschäftigt sich seitdem damit, wie richtig gute Bildung im digitalen Zeitalter aussehen kann. Seit über 10 Jahren konzentriert sich der Dreifach-Vater speziell auf erfolgreiche Lernprozesse von Kindern im Zusammenspiel mit deren Eltern und Lehrern. Gemeinsam mit Pädagogen und renommierten Geschichtenentwicklern baute er von 2007 bis 2009 die virtuelle Lernumgebung von scoyo mit auf. Seit 2014 ist er scoyo-Geschäftsführer.

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