Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen. Auch in den Sommerferien

Lernen in den Sommerferien? Na klar! Mit den Tipps unseres Kolumnisten bereiten sich Ihre Kinder nicht nur auf das nächste Schuljahr vor, sondern gleich auf die große Karriere im gehobenen Management.

Eltern-Ratgeber: Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen
Wenn die Kinder auf dem Rücksitz noch lachen, sind Sie noch nicht weit genug gefahren. | © Jasmin Merdan\fotolia.com

Eine Kolumne von Christian Hanne, Blog Familienbetrieb.

Nächste Woche gehen Sie los: die Sommerferien! Nach und nach freuen sich Schülerinnen und Schüler in ganz Deutschland über sechs Wochen schulfrei. Sechs Wochen lang keine Hausaufgaben, Referate und Klassenarbeiten. Stattdessen sechs Wochen lang faulenzen, rumgammeln und abhängen. Allerdings haben immer mehr Eltern anderes im Sinn, was die Freizeitgestaltung ihrer Kinder in den Sommerferien angeht. Laut einer aktuellen repräsentativen forsa-Umfrage im Auftrag von scoyo müssen fast 60 Prozent der Schülerinnen und Schüler in den Ferien lernen!​

Viele Lehrer und Erzieher mögen zwar die Köpfe über so viel Lernwahn schütteln, ich dagegen halte mit der Autorität eines nach einem Semester abgebrochenen Pädagogik-Studiums das Lernen in den Sommerferien für essenziell. In diesen neoliberalen Zeiten müssen wir unsere Kinder fit für den globalisierten Arbeitsmarkt machen, wo sie später mit asiatischen High-Potentials, die von klein auf von überehrgeizigen Tiger Moms verbissen auf Hochleistung gedrillt werden, um die besten Jobs konkurrieren.

Sie stimmen mir sicherlich zu, dass es geradezu fahrlässig wäre, die Sommerferien nicht zum Lernen zu nutzen. Außer Sie wollen Ihre Kinder auf direktem Weg in die Arbeitslosigkeit und Armut schicken. Allerdings sollten Ihre Kinder ihre Zeit in den Ferien nicht mit alltagsfernen Nichtigkeiten wie Algebra, unregelmäßigen Verben oder dem chemischen Periodensystem vergeuden. Stattdessen sollten sie wichtige Kompetenzen erlernen, die sie später beruflich voranbringen werden und ihnen eine steile Karriere ermöglichen. Dazu eignen sich die folgenden fünf Lektionen ganz hervorragend.

Eltern-Ratgeber. Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernenBei diesem Gesichtsausdruck haben Sie das Ziel fast erreicht. | © Waldemar Dąbrow\fotolia.com

Lektion 1: Meeting-Qualen durch Autoreisen simulieren

Das Berufsleben ist durch eine Vielzahl nervtötender Meetings gekennzeichnet, bei denen man stundenlang in schlecht durchlüfteten Räumen auf engstem Platz zusammengepfercht sitzt und keine Chance hat, die Flucht zu ergreifen. Wer darauf nicht frühzeitig vorbereitet wird, entwickelt in solchen Meetings schnell suizidale Gedanken und setzt sie womöglich an Ort und Stelle in die Tat um.

Die Sommerferien eignen sich glücklicherweise ganz hervorragend, damit Ihre Kinder lernen, mit solchen Situationen fertig zu werden. Wählen Sie dazu ein Urlaubsziel, das mindestens 1.800 Kilometer entfernt ist. Für die Autofahrt zu Ihrer Urlaubsdestination nutzen Sie vorzugsweise Autobahnen mit erhöhtem Staurisiko und bei Außentemperaturen von über 30 Grad schalten Sie konsequent die Klimaanlage ab. Planen Sie maximal zwei fünfzehnminütige Pausen ein, in denen Sie Ihren Kindern abgestandenes Wasser und alte Kekse reichen.
Wenn Ihre Kinder über mehrere Jahre diese Reisetorturen ertragen mussten, werden sie sich genügend Ausdauer, Sitzfleisch und Gleichmut antrainiert haben, um später mit Leichtigkeit die Grenzerfahrung mehrstündiger Meetings zu überstehen.

Kinder, die auf den Urlaubsfahrten immer mit ihren Geschwistern auf der Rückbank zusammengequetscht wurden, haben zusätzlich noch die notwendige Selbstbeherrschung erlernt, die verhindert, seinem Sitznachbarn einfach eine reinzuhauen. Eine Fähigkeit, die bei beruflichen Meetings von größter Wichtigkeit ist.

Lektion 2: Durch YouTube-Binge-Watching auf Präsentationsfolter vorbereiten

Immanenter Bestandteil der eben beschriebenen Meetings sind qualvolle Vorträge. Öde Inhalte, mangelhafte Rhetorikfähigkeiten und ästhetisch fragwürdige PowerPoint-Präsentationen gehen dabei eine unheilvolle Allianz ein, so dass sich die Zuhörerschaft aus Selbstschutz in einen wachkomatösen Dornröschenschlaf an der Grenze zum Hirntod versetzt.

Nutzen Sie die Sommerferien, damit Ihre Kinder lernen mit solchen Präsentationen, die eigentlich durch die Genfer Menschenrechtskonventionen als unerlaubte Folterpraxis verboten werden müssten, umzugehen: Durch ausufernden Medienkonsum. Dank Privatfernsehen, Streamingdiensten, YouTube, SnapChat und Musical.ly gibt es heutzutage glücklicherweise unerschöpfliche Möglichkeiten der Rund-um-die-Uhr-Dauerberieselung und dem Niveau sind nach unten keine Grenzen gesetzt.

Ermutigen Sie Ihre Kinder in den Sommerferien so viel Zeit wie möglich vor ihren mobilen Endgeräten zu verbringen und dabei kann kein Beauty-, Prank- oder Challenge-Video dümmlich genug sein. Wenn Ihre Kinder ‚BibisBeautyPalace‘, ‚Julien Bam‘ und ‚Gronkh‘ in 24-Stunden-Dauerschleife überlebt haben, sind sie später gewappnet, die inhaltsfreien mit Word-Art-Grafiken aufgepeppten PowerPoint-Vorträge ihres Chefs zur Unternehmensstrategie der nächsten zehn Jahre auszuhalten.

Eltern-Ratgeber: Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernenRosmarin-Lavendel oder Tomate-Basilikum. Andere Geschmacksrichtungen sind tabu. | © Aliaksei Lasevich\fotolia.com

Lektion 3: Kulinarische Expertise durch Hipster-Eis entwickeln

Wer beruflich erfolgreich sein will, muss sozialen Verpflichtungen nachkommen und sich zu Arbeitsessen treffen. Da ist es wichtig, sich auf dem kulinarischen Parkett sicher zu bewegen. Sie möchten sicherlich nicht, dass Ihre Kinder, wenn sie groß sind, Ei Benedict mit in Pastinakensaft gebeizter Makrele auf gedämpftem Schwarzkümmelbrötchen verschmähen und den Eindruck erwecken, sie entstammen einer Gelsenkirchener Grubenarbeiterfamilie, für die Currywurst mit Pommes-Schranke als Höhepunkt der Haute Cuisine gilt. Dann ist es mit der Karriere schneller vorbei, als Sie Kobe Beef von Tajima Rindern mit frischem Wasabi und Yuzusaft-Sojasauce sagen können.

Diesem Schicksal können Ihre Kinder entgehen, indem sie frühzeitig ausgefallene Zutatenkombinationen und exotische Geschmäcke kennenlernen. Gehen Sie dazu in den Sommerferien jeden Tag mit Ihren Kindern in eine Hipster-Eisdiele, wo Gurken- und Meloneneis zum Mainstream experimentierscheuer Spießbürger zählt. Ordinäre Sorten wie Vanille-, Schoko- oder Erdbeereis sind dabei für Ihre Kinder absolutes Tabu. Stattdessen dürfen sie eine unbegrenzte Anzahl an Kugeln von Sorten wie Rosmarin-Lavendel, Tomate-Basilikum, Himbeer-Balsamico und für Fortgeschrittene Räucherlachs oder Meerrettich auswählen. Wenn Ihre Kinder gelernt haben, sich bei diesen geschmacklichen Verirrungen nicht zu übergeben, werden sie als Erwachsene ohne mit der Wimper zu zucken asiatische Schwalbennestsuppe und sardischen Madenkäse essen und dabei wichtige geschäftliche Abschlüsse tätigen (zum Beispiel die Übernahme einer Eismanufaktur, die sich auf Gänseleber- und Ochsenzungen-Eis spezialisiert hat).

Eltern-Ratgeber: Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernenDie Arschbombe muss perfektioniert werden. Da heißt es: Üben, üben, üben. | © famveldman\fotolia.com

Lektion 4: Mit der Arschbombe in den Chefsessel springen

Menschen, die eine erfolgreiche berufliche Karriere hinlegen, verfügen über eine ganz besondere Fähigkeit: Sie können sich gut verkaufen. Und das häufig bei totaler inhaltlicher Ahnungslosigkeit, denn sie sind ganz hervorragende Poser. So sorgen sie dafür, dass sie bei Beförderungen und Gehaltserhöhungen nie übersehen werden, bis sie selbst irgendwann Chef sind. (Wodurch ultimativ sichergestellt ist, dass sie bei Gehaltserhöhungen nicht übersehen werden.)

Die Sommerferien sind die beste Zeit für Ihre Kinder, diese Kompetenz des Posens zu erlernen. Gehen Sie dazu mit Ihren Kindern täglich ins Freibad, wo diese die Perfektionierung einer Arschbombe trainieren müssen. Die Arschbombe ist nämlich das ultimative Poser Instrument: Durch lautes Platschen erzielt man maximale Aufmerksamkeit, im Umkreis von 30 Metern bekommen es alle mit, weil sie nassgespritzt werden, und besonders viel können muss man dazu auch nicht. Außer mit dem Arsch voran in ein Schwimmbecken hüpfen, was wahrlich nicht die intellektuellen Fähigkeiten eines promovierten Altphilologen erfordert.

Nachdem Ihre Kinder über Jahre hinweg in den Sommerferien ihre Arschbomben perfektioniert haben, verfügen sie über die Poser-Disposition, die ihnen eine glänzende Karriere in einem internationalen Konzern ermöglicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass DAX-Vorstände nicht fachlich brillieren, sondern einfach die besten Arschbomber in ihrem Unternehmen sind. Das können eines Tages Ihre Kinder sein!

Lektion 5: Langeweile durch Handyverbot ertragen

Im Beruf muss man häufig stumpfsinnige Aufgaben erledigen, an inhaltsleeren Besprechungen teilnehmen und ausschweifende sinnfreie Motivationsansprachen des Chefs über sich ergehen lassen. Für berufliches Vorankommen ist es daher immens wichtig, Langeweile ertragen zu können.

Die sechswöchigen Sommerferien bieten genügend Zeit, damit Ihre Kinder lernen, sich zu langweilen. Verzichten Sie im Urlaub auf jegliche außergewöhnlichen Freizeitaktivitäten, sondern verbringen Sie tagein tagaus mit Ihren Kindern am Strand, am Badesee oder am Hotel-Pool. Damit ersparen Sie sich nicht nur langwierige Recherchen über lokale Touristenattraktionen, sondern entlasten auch die Urlaubskasse, so dass Sie sich zusätzlich eine Woche in einem 5-Sterne-Wellness-Hotel leisten können. (Allerdings ohne Ihre Kinder, was den Erholungsfaktor erheblich erhöhen wird.)

Im fortgeschrittenen Langeweile-Kurs können Sie noch einen Schritt weitergehen und Ihren Kindern in der letzten Ferienwoche die Benutzung von Smartphones, Tablets und Fernsehgeräten verbieten (Vorausgesetzt, sie haben die YouTube-Binge-Watchling-Lektion erfolgreich absolviert.), damit sie mit der ultimativen Langeweile konfrontiert werden. (Dadurch lernen Sie dann ebenfalls etwas, nämlich den Hass Ihrer Kinder zu ertragen.)

Haben Ihre Kinder diese Langeweile-Tortur überstanden, steht einer glänzenden Karriere im gehobenen Managements eines börsennotierten Konzerns nichts im Wege. Und für das neue Schuljahr nach den Sommerferien sind sie ebenfalls bestens vorbereitet.

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Über den Autor

Christian Hanne vom Blog Familienbetrieb

Christian Hanne, Jahrgang 1975, ist im Westerwald aufgewachsen und hat als Kind zu viel von Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und ihren beiden Kindern in Berlin-Moabit. Auf seinem Blog "Familienbetrieb", auf Twitter und Facebook schreibt er über den ganz normalen Alltagswahnsinn. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.

Im September ist sein Buch "Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith" im Seitenstraßenverlag erschienen. In zwölf gar nicht mal so kurzen Kurzgeschichten sinniert er darüber, wie Schwangerschaft, Marathongeburten und nachtaktive Babys eine moderne, gleichberechtigte Partnerschaft auf die Probe stellen.

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