Mein Kind will nicht mehr in den Kindergarten gehen

Drei Jahre ist die Tochter unserer Leserin gern in den Kindergarten gegangen. Doch seit kurzer Zeit weint sie und will nicht mehr hin - die Erzieher sagen, es sei nichts vorgefallen. Unsere Expertin Susanne Egert gibt Rat.

Elternfrage - Mein Kind will nicht in den Kindergarten und weint
Manchmal kann sich für Kinder plötzlich alles verändern

Elternfrage zum Thema "Kind will nicht mehr in den Kindergarten"

Drei Jahre ist meine Tochter ohne Probleme in den Kindergarten gegangen. Sie hat nie geweint, es gab keinerlei Probleme. Seit vorletzter Woche weint sie und möchte nicht mehr gehen. Abends vor dem Schlafengehen sagt sie schon, dass sie nicht in den Kindergarten möchte. Ich weiss nicht, was ich machen soll. Hatte schon ein Gespräch mit den Erzieherinnen, aber im Kindergarten sei nichts vorgefallen, sagte man mir.

Was kann ich tun?

Unsere Expertin Susanne Egert, Psychologin, antwortet:

Susanne Egert Psychologin© Susanne EgertZunächst mal schauen Sie zum Glück nicht über das veränderte Verhalten Ihres Kindes hinweg, sondern Sie machen sich auf die Suche nach einem Grund, warum Ihr Kind plötzlich nicht mehr in den Kindergarten will.

Menschen tun nichts ohne Grund, auch Ihr Kind hat seine Gründe für die Veränderung, die es offensichtlich belastet. Auch wenn die Erwachsenen nichts bemerkt haben, das Ursache sein könnte, so nehmen die Kinder das manchmal völlig anders, vielleicht sogar entgegengesetzt, wahr. Und nur das ist entscheidend! Es kommt immer darauf an, wie der betreffende Mensch die Dinge empfindet – auch wenn 80 Millionen Deutsche dieselbe Sache anders sehen würden.

Der erste Schritt ist daher, sich zu fragen, ob sich im Kindergarten, in der Familie oder einem anderen wichtigen Lebensbereich des Kindes etwas Wesentliches verändert hat.

Z.B. ein neues Kind oder eine neue Erzieherin im Kindergarten. Geänderte Regeln und geänderte Abläufe, höhere Ansprüche an die Kinder, weil sie jetzt nicht mehr zu den "Kleinen" gehören, können ein Kind irritieren, denn feste Strukturen geben Halt. Vielleicht macht ihr aber auch ein neues Kind Angst, das handgreiflich wird oder Ihrer Tochter sogar gedroht hat.

Manchmal schnappen die Kinder etwas aus einem Erwachsenengespräch auf und interpretieren es falsch, reimen sich etwas zusammen. Sie machen sich dann Sorgen, entwickeln Ängste, von denen die Eltern nichts ahnen. Z. B. wenn die Oma gestorben ist und die Eltern reden darüber, sie sei "friedlich eingeschlafen". Das Kind hört unbemerkt zu und will plötzlich abends oder zum Mittagsschlaf in der Kita nicht ins Bett, will nicht schlafen und wehrt sich mit Händen und Füßen – weil es nämlich Angst hat vor dem Einschlafen. "Einschlafen wie die Oma, und dann nicht wieder aufwachen". Nicht selten nehmen Kinder wörtlich, was sie gehört haben und befürchten dann schreckliche Dinge.

Manchmal wollen Kinder nicht von zu Hause weg, weil sie befürchten, dass dann etwas Schlimmes passiert: dass das Geschwisterkind das tolle Legobauwerk kaputt macht oder dass es etwas verpasst, wenn ein Geschwisterkind "bei Mama bleiben darf", vom leckeren Essen nichts abzubekommen usw. In der Kita muss das Kind sich gegenüber anderen Kindern behaupten, ein Spielzeug verteidigen, sich einigen, sich einfügen, tun was die Erzieherinnen sagen. Das kann alles ganz schön anstrengend sein für ein kleines Kind! Aber Sie merken schon: Es wäre ein großes Ratespiel mit vielen möglichen Varianten. 

Deshalb verlässt man sich besser nicht auf die Quiz-Show, sondern versucht im Gespräch herauszuhören, wo der 'Hase im Pfeffer' liegt. 

So bekommen Sie leichter heraus, warum Ihr Kind nicht in den Kindergarten will:

Durch eine spielerische Situation kann man dem Kind geschickt entlocken, was es bedrückt: Lassen Sie eine Handpuppe oder ein Kuscheltier mit dem Kind sprechen oder spielen dem Kind mit mehreren Handpuppen eine mögliche Kindergartensituation vor. Sie können auch Spielfiguren nehmen: Playmobil, Lego, Schleichtiere – egal was. Hauptsache Ihr Kind spricht darauf an. Oft ist es leichter für die Kinder "jemand anderen" über das reden zu lassen, was es bedrückt. Vielleicht steigt Ihr Kind auch in das Spiel ein und nimmt sich ebenfalls eine Handpuppe o.ä. - dann werden Sie ziemlich sicher erfahren, was das Kind bekümmert.

(Dazu möchten Sie vielleicht meinen Artikel "Vom Wirr-Warr der Gefühle" lesen, den Sie auch hier im socyo ELTERN! Magazin finden.)

Ein kleiner Text, der Ihnen Anregungen geben soll, wie Sie so ein Gespräch mit Ihrem Kind beginnen könnten:

Eine Kuscheltierhandpuppe nähert sich dem Kind ein bisschen schüchtern, schleicht sich an das Kind heran, geht dann aber immer wieder ein wenig zurück. Schließlich dicht beim Kind (mit leiser freundlicher und etwas schüchtern-ängstlicher Stimme) :  "Haaalloooo, Duhuuu, wer bist Du denn? Wohnst Du auch hier? …… Ich heiße Teddy und bin ein kleiner Bär….Meine Mama ist auf der Suche nach Futter und hat gesagt, ich soll hier warten. Hab ich aber gar keine Lust zu. Mag nicht gern allein sein. Und Du? Morgen will mich meine Mama irgendwohin bringen, wo andere Bären sind. Mit denen soll ich dann spielen. Aber ich kenn die gar nicht. Das hat einen komischen Namen 'Kinder….", hab ich vergessen. Kennst Du so was?" Wenn das Kind nickt oder selbst anfängt zu erzählen, erzählt das Kuscheltier weiter: "Wie is'n das da? Was macht man denn da? Sind die da nett? ..Hauen die kleinere Kinder?...Sind da auch böse Kinder?"  … Falls das Kind nickt, fahren Sie fort in der Art: "Wie ist das denn bei Dir? - Die Erzieherinnen  passen gut auf die Kinder auf, bei denen kann man sich auch Hilfe holen, oder? "                                

So können Sie nach und nach alle Möglichkeiten, die Ihnen einfallen, anspielen. Dabei sollten Sie sich vom Kind leiten lassen und immer da genauer nachfragen, wo das Kind auffällig reagiert. So werden Sie Hinweise darauf bekommen, was Ihr Kind so ängstigt und können dann tröstend oder ermutigend auf Ihre Tochter eingehen und gemeinsam Ideen entwickeln, wie es weitergehen soll, nötigenfalls konkrete Schritte unternehmen.

Wichtig ist dann, dass Ihr Kind erlebt, wie man das Problem lösen kann, so dass es sich wieder sicher fühlt! Und das kleine Tierchen kann ja öfter mal vorbeischauen, um zu hören, wie es Ihrem Kind geht – schließlich hat es ganz ähnliche Probleme …

Viel Erfolg dabei wünscht Ihnen

Ihre Susanne Egert

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