Keep cool: Krisenzeiten als Familie meistern

Fordernde Situationen wie die Corona-Krise bringen den Familien-Alltag durcheinander. Und verursachen Stress. Wie man sich dem entziehen kann, erklärt Monica Blotevogel vom UKE.

Luftballon als Smiley
| © Unsplash

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Morgens keine Eile beim Frühstück, keine gehetzte Suche nach Turnbeutel oder Matheheft, und trotzdem liegt eine gewisse Spannung in der Luft. Nach mehr als zehn Tagen Abstand von Arbeitsplatz und Schul-Alltag, macht sich das Fehlen von gewohnten sozialen Kontakten wie Freunden und Arbeitskollegen bemerkbar. Das kann selbst die krisenfestesten Familienstrukturen auf die Probe stellen.

Für Kinder im Grundschulalter, die erste Schritte in Richtung Unabhängigkeit machen, kann die lange Trennung von Freunden und dem sozialen Lernumfeld der Schule schwer sein. Dort können sie sich ganz anders ausprobieren als zuhause.

Für Eltern kommen Sorgen und Ängste hinzu, die nicht nur mit der Pandemie zusammenhängen. Wie wird sich diese Situation auf die soziale und akademische Entwicklung unserer Kinder auswirken? Wie verlässlich sind Arbeitsstellen und ökonomische Sicherheit, die vor zwei Wochen noch selbstverständlich waren?

Wir betreten als Familien auf engem Raum, im Homeoffice, beim Homeschooling und bei Besorgungen fürs tägliche Leben ein Kapitel, das für jede Familiengeschichte einen besonderen Stellenwert haben wird. 

1. Jede Familie hat eine individuelle Krisenausrüstung

Jede Familie entwickelt unter Stressbelastung eigene Strategien, um ihr standzuhalten. Während manche ein Gefühl von Sicherheit herstellen, indem sie Unterstützung bei Freunden suchen, rücken andere enger zusammen.

In der Schifffahrt gilt es, eine bestimmte Ausrüstung für ein möglichst sicheres Überstehen von Stürmen an Bord zu haben – und auch für Familien gibt es eine Checkliste, die bei der Navigation durch Krisenzeiten helfen können.

In Krisenzeiten werden drei bestimmte Aspekte elterlicher Kompetenzen besonders gefordert: 

Autonomie, z.B.: Inwieweit schaffen wir es, trotz Einschränkungen für einen strukturierten Familienalltag zu sorgen? Wie und wo holen wir uns Unterstützung, wenn es mal brenzlig wird? Inwieweit können Mütter, Väter und Kinder auch mal Zeit für sich verbringen?

Selbstwirksamkeit, z.B.: Wie gut können wir als Eltern unseren eigenen Stress in dieser Phase bewältigen? Und wie können wir unseren Kindern helfen, mit ihren Ängsten, Sorgen und Frustration umzugehen?

Soziale Verbundenheit, z.B.: Wie gut gelingt es uns, unter diesen besonderen Bedingungen mit Spannung und Konflikten umzugehen? Welche Beziehungen zu Außenstehenden geben uns als Eltern, unseren Kindern oder der ganzen Familie Kraft? Hinzu kommt: Wie können wir diese Beziehungen in Zeiten von Kontaktbeschränkungen leben?

Der Grad, in dem diese „Ausrüstung“ vorhanden ist, hängt natürlich von vielen Faktoren ab, auf die wir teilweise selbst keinen Einfluss haben. Es kann jedoch hilfreich sein, sich als Elternteil Zeit für eine Bestandsaufnahme zu nehmen; oft sind wir uns über die Dinge, die wir bereits tun, um für Stabilität zu sorgen, gar nicht bewusst.

Und wenn es Bereiche gibt, die einer Wartung bedürfen, kommt man dadurch vielleicht schneller auf Lösungsmöglichkeiten. Selbst bei einer vollständigen Krisenausrüstung sind unsere Möglichkeiten, uns vor dem Stress zu schützen, begrenzt.

Ein gewisses Maß an Stress ist zudem sinnvoll und wichtig, um sich in einer neuen Situation zurecht zu finden. Dieser zusätzliche Antrieb kann sogar dabei helfen, selbstwirksam zu handeln und gut für sich und seine Kinder zu sorgen. 

2. Stress-Signale bei Kindern erkennen  

Während es wichtig ist, auf Ihr eigenes Bauchgefühl zu vertrauen, kann es auch hilfreich sein, seine Aufmerksamkeit für die Warnsignale von Stress-Überlastung ein wenig zu schärfen: So kann Kindern frühzeitig dabei geholfen werden, ihren Stress abzubauen. Zu den Warnsignalen, dass ein Kind im Grundschulalter überlastet sein könnte, gehören Veränderungen wie:

  • Häufigeres Weinen als vorher 
  • Stärkere Reizbarkeit als vorher 
  • Einnässen nachts oder tagsüber 
  • Probleme, ein- oder durchzuschlafen 
  • Häufigere Kopf-, Bauch- oder andere Schmerzen 
  • Weniger Freude an Dingen, die vorher Spaß gemacht haben 
  • Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme, die vorher nicht bestanden haben  
  • Ausgeprägte Sorgen oder Ängste, von denen sich Kinder nicht leicht ablenken lassen

Ängste und Sorgen sind in Situationen wie der Corona-Krise normal und gesund, denn sie helfen uns dabei, aktiv damit umzugehen. Wenn Kinder allerdings deswegen deutlich weniger Spielraum für die Dinge haben, die ihnen Freude und Kraft bringen und somit vor Stress schützen, brauchen sie mehr Sicherheit von außen. 

Junge verdeckt sich die Augen© Unsplash

3. Halt für die Eltern

Sorgen um die Kinder stehen für Eltern oft so sehr im Vordergrund, dass eines der besten Mittel, Kinder vor Stressüberlastung zu schützen, dahinter verschwindet: die Sorge der Erwachsenen für sich selbst und füreinander, wenn sie zu zweit sind.

Nicht umsonst wird im Flugzeug darauf hingewiesen, dass Eltern zuerst ihre eigene Sauerstoffmaske aufsetzen sollen, bevor sie sich um ihre Kinder kümmern. Elterliche Selbstfürsorge und Wohlbefinden sind nicht nur ein starker Schutzfaktor für Kinder, sondern auch entwicklungsfördernd.

Wie Sie mit Ihren eigenen Ängsten, Sorgen oder Frustration umgehen, bestimmt zu einem großen Anteil, wie Kinder die Lage wahrnehmen und bewältigen. Denn auch hier gilt: Kinder nehmen sich ein Vorbild an ihren Eltern.

Es darf aber natürlich nicht ungesagt bleiben, dass der Stress, den wir als Eltern erleben, auch mit den Anforderungen des „durchgehend Ansprechbarseins“ für die Kinder zusammenhängen kann. Umso mehr Grund, möglichst gut für sich zu sorgen, damit Sie die Kraft haben, mit Konflikten, die mit dem dichten Beisammensein - ohne Urlaubsgefühl und mit zusätzlichen Pflichten - vorhersehbar sind, umzugehen. 

4. Kindern Sicherheit vermitteln

Unter Stressbelastung suchen wir Menschen instinktiv Rücksicherung bei anderen, denn wir sind dazu veranlagt, in Gruppen zu überleben. Stimmen, Mimik und Gestik vermitteln blitzschnell Information über Befinden. Nonverbale Kommunikation signalisiert nicht nur, wie es anderen geht, sondern es verstärkt auch unser Gefühl für uns selbst – sowohl im Sinne der Beruhigung als auch der Alarmierung.

Indem Sie gut für sich selbst sorgen, können Sie ein starkes Gegenüber für ihr Kind sein. Besonders bei enger räumlicher Nähe ist es wichtig, sich nicht gegenseitig mit Stress anzustecken. Ängste, Sorgen oder Wut, die Kinder zurzeit empfinden können, lassen sich in belastbaren Beziehungen auffangen und „halten“. Das kann sowohl eine tröstende Anerkennung von Ängsten bedeuten, als auch eine empathische Bestätigung, dass die lange Zeit fern von Freunden und Schule frustrierend ist und wütend macht. 

5. Stress-Reaktionen sind etwas Natürliches, keine Schwäche

Es ist völlig normal, sich unter den aktuellen Bedingungen angespannter, reizbarer oder wiederum weniger leistungsfähig zu fühlen, als sonst. Neue Situationen wie die jetzige fordern von uns allen mehr Wachsamkeit und Handlungsbereitschaft, als der normale Alltag es tut.

Das hat eine biologische Komponente, die uns Menschen seit jeher geholfen hat, gut für uns selbst und andere zu sorgen. Unter Stress-Belastung setzt der Körper vermehrt Hormone frei, die Fokus, Kraft und allgemeine Leistungsfähigkeit steigern.

Längere, nicht-alltägliche Stressbelastung geht allerdings auf Kosten des Körpers. Dessen natürliche Fähigkeit, Stress zu regulieren und Leistungsfähigkeit zu erhalten, kann auf Dauer überfordert werden. Das wirkt sich genauso bei Erwachsenen wie bei Kindern aus:

„Wenn wir körperlich, geistig und seelisch stark herausgefordert werden, bleibt manchmal nicht mehr viel Kraft für Empathie, Geduld und die Zurückhaltung von impulsiven Reaktionen über.“

Bunter Luftballon liegt auf dunklem Untergrund© Unsplash

Wenn Sie bei sich selbst bemerken, dass Ihre übliche Belastbarkeit nachlässt, denken Sie vielleicht dran, dass das eine ganz normale, natürliche Reaktion auf außergewöhnliche Umstände ist. Und dass es zum Glück viele Möglichkeiten gibt, dem Körper beim Stress-Abbau zu helfen. Sicherlich tun Sie bereits einiges dafür, wir geben hier noch ein paar Tipps für den Stress-Abbau im Alltag mit Kindern. 

6. Stress abbauen – 3 Tipps

Bewegung hilft sofort: Alles, was die Muskeln aktiviert und das Herz in Gang bringt, kurbelt die natürliche Stressregulationsfähigkeit des Körpers an. Was macht Ihnen als Familie am ehesten Freude? Tanzen, Seilspringen, Dehnübungen und Wettrennen an der frischen Luft?

Ausatmen baut Stress ab: Mit Seifenblasen, Ballons oder Feder-Wettrennen über den Küchentisch können im Stress manchmal leichter fallen, als eine achtsame Atemübung. Zusammen singen sorgt schnell für eine Abstimmung untereinander, die Kraft gibt und Entlastung verschafft. 

Kreativer Ausdruck hilft, Stress und belastende Gefühle zu verarbeiten: In Zeiten, in denen sehr bedacht und vorsichtig agiert werden muss, kann es extra Mühe kosten, auch mal über normale oder schöne Dinge zu reden. Wenn man Kinder neugierig nach Bildern fragt, die ihnen Kraft geben, kommt oft Erstaunliches zustande. Und wenn Sie gemeinsam malen, staunen Sie vielleicht selbst darüber, welche Kraftquellen Sie mit ihren Kindern teilen. 

7. Soziale Verbindungen geben Sicherheit

Zurzeit ist es wichtiger denn je, Kontakt zu anderen zu pflegen – egal ob durch Skype, Briefe oder einem Spaziergang mit 2 Metern Abstand. Wir Menschen sind soziale Wesen, die auf die Rückversicherung anderer angewiesen sind, um in schwierigen Zeiten ein Gefühl von Sicherheit zu bewahren.

Und natürlich auch, um uns gegenseitig konkret zu helfen, wenn wir an unsere Grenzen kommen. Zu den wertvollen Erfahrungen, die wir aus dieser Krise mitnehmen können, gehört vielleicht eine erneute Wertschätzung für die Beziehungen in unseren Leben, die uns Kraft und Zuversicht geben. 

Über den Autor:

Monica Blotevogel - Zuständig für das CORESZON  am UKE Hamburg© Monica Blotevogel Monica Blotevogel leitet das Präventionsprojekt CORESZON (Community Resilience Network) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Aus der langjährigen therapeutischen Zusammenarbeit mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien hat sie viel darüber gelernt, wie Gemeinschaften in schwierigen Zeiten ihre Resilienz zum Einsatz bringen. Hieraus entstand das Projekt CORESZON – ein Netzwerk für Resilienz, das unterschiedlichste Perspektiven auf seelische Gesundheit zusammenbringt und in praktisches Wissen übersetzt.  
 

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