scoyo ELTERN! Blog Award 2017: Unser geheimer Elternheld

Um der Elternvielfalt gerecht zu werden, gab es beim scoyo ELTERN! Blog Award 2017 das erste Mal eine Sonderkategorie für Nicht-Blogger: Der "Geheime Elternheld". Nun hat die Jury die Gewinnerin gewählt.

Unsere Lieblinge: Elternblogs & Blog Award: scoyo ELTERN! Blog Award 2017: Unser geheimer Elternheld

Im Netz tummeln sich unzählige Mütter und Väter, die auf ihren Elternblogs aus dem Alltag erzählen, schwere und glückliche Momente teilen, wertvollen Rat geben, Bastelanleitungen vorstellen, Rezepte teilen und nicht zuletzt politisch Stellung beziehen #Vereinbarkeit #Gleichberechtigung #Regenbogenfamilie .... Sie können Eltern helfen, im Dschungel der vielen Ratgeber ihren eigenen Weg zu suchen, Trost, Zuspruch und Gleichgesinnte zu finden, oder einfach eine zündende Idee. Das wollten wir auch in diesem Jahr wieder mit unserem scoyo ELTERN! Blog Award honorieren.

Doch auch Eltern ohne Blog haben berührende Geschichten zu erzählen, spannende Ideen, starke Meinungen. Um ihnen eine Plattform zu geben, konnten sich in diesem Jahr auch Nicht-Blogger mit einem Beitrag bewerben: in unserer Sonderkategorie "Geheimer Elternheld". Neben Ruhm und Ehre winkte dem Gewinner ein 750 Euro-Reisegutschein von ReNatour. Die Jury hatte es nicht leicht, das Rennen um Platz 1 war denkbar knapp. Aber ein Text hat schlussendlich besonders überzeugt. Hier ist der Gewinner-Text von Viktoria*, unser "Geheimer Elternheld" 2017:

Vielleicht in eineinhalb Packungen Wattepads

#Frühchen, # Geschwisterkind

"Mama, Mama, es schneit!" Meine Große schaut mich mit riesigen, erwartungsvollen Augen an. Verdammt! Wieso schneit es im Oktober? Ich weiß, worauf sie anspielt, aber ich hoffe so sehr, sie spricht es nicht aus. "Ist jetzt Winter?" Klos im Hals. "Darf meine Schwester heute nach Hause?" "Nein, mein Schatz, es ist leider noch nicht Winter… Ich glaub, das Wetter hat sich geirrt." Enttäuscht lässt sie ihren Kopf hängen und trottet in ihr Zimmer. Ich könnte heulen.

Nein, deine kleine Schwester, deine sehr, sehr kleine Schwester darf noch immer nicht nach Hause. Obwohl du schon so lange auf sie wartest. Fünf Wochen schon und kein Ende in Sicht. Irgendwann hat jemand gesagt, dass sie zu Weihnachten hoffentlich zu Hause sein wird – und das ist ja bekanntlich im Winter, wenn es schneit.

Unvorstellbar wie lange dieses Warten in Kinderzeit sein muss. Ich selber rechne in Wattepads. Drei brauche ich täglich zur Narbenpflege. Ganz groß steht auf der Packung 100 Stück, also vielleicht, hoffentlich, Mitte der nächsten Packung… Dann wäre beinahe ihr eigentlicher Geburtstermin. Dann? Vielleicht. Hoffentlich. Bitte!!! Ich trau mich gar nicht daran zu denken. Wir sollen dankbar sein für jeden Tag, an dem es keine Komplikationen gibt, haben die Ärzte gesagt. Sie musste in der 28. Schwangerschaftswoche geholt werden, wog nicht einmal ein Kilo.

Unsere Lieblinge: Elternblogs & Blog Award: scoyo ELTERN! Blog Award 2017: Unser geheimer Elternheld - Hand in Hand

Dabei hat alles so schön angefangen.

Dieses Mal kaum Übelkeit. Ich war topfit, alles tadellos. Nachdem uns schon vorher klar war, wie fürchterlich Warten sein kann, haben wir beschlossen, unsere Große – damals 3 ½- noch nicht allzu früh einzuweihen. Als sie dann aber immer mehr daran zweifelte, dass in meinem Bauch nur zu viel Essen sei, erklärte sie uns tagelang wie sehr sie sich eine Schwester wünsche. Wie toll das wäre und was sie nicht alles machen und mit ihr teilen würde… Dann diese grenzenlose Kinderfreude, als wir ihr endlich sagten: "Ja, du hast recht, da ist jetzt wirklich ein Baby drinnen…" In der Sekunde hat sie begonnen alles vorzubereiten "Mama, wo ist eigentlich mein altes Gitterbett? Und mein Kinderwagen und und und…"

Und dann das. Eben waren wir noch im Urlaub. Strand, Sonne, Kinderparadies. Der Babybauch hat Küsschen und Gutenachtgeschichten erzählt bekommen. Und dann. Mama ist heute müde. Mama ist heute komisch. Mama geht heute zum Arzt. Mama ist jetzt im Krankenhaus. Mama muss da länger bleiben. Damit das Baby nicht zu früh kommt, das ist ja noch viel zu klein. Das Baby ist jetzt doch schon da. Aber eigentlich bräuchte es noch Mamas Bauch, deswegen muss es jetzt noch eine Weile in einem kleinen Häuschen liegen, in dem es genauso warm und kuschelig ist, wie in Mamas Bauch. Versteh das mal ein Kind! Mama weg. Schwester da, aber auch weg. Papa auch ständig weg. Im Kinderbuch stand: Ja, die Großeltern kommen und dann fahren alle gemeinsam ins Krankenhaus und nach ein paar Tagen alle gemeinsam nach Hause…So war das eigentlich abgemacht.

Als mich die Große zum ersten Mal im Krankenhaus besucht, habe ich das Gefühl, sie ist mindestens ein Jahr älter geworden.

So ernst hab ich sie noch nie gesehen. Unsicher lächelnd steht sie an Omas Hand in der Tür. Mein Gesundheitszustand erlaubt es mir nicht, ihr entgegenzulaufen. Ich zerspringe fast. Endlich wagt sie sich an mein Bett und ich kann sie drücken und abbusseln. Und sie zeigt mir ihre neue Puppe – mit Schuhen und Haarbürste! Und schenkt mir einen Smiley-Keks, den schönsten, den es beim Bäcker gegeben hat. Einen kurzen Augenblick vergessen wir alles. Vergessen, wo wir eigentlich sind und warum. Dann wird sie wieder ernst: „Mama, wo ist meine Schwester?" "Die ist in einem besonderen Raum, weil sie noch so viel Hilfe braucht. Möchtest du sie sehen?" Kopfnicken. "Gut, dann gehen wir gemeinsam. …Mein Schatz, der Raum schaut aber ein wenig komisch aus, schreck dich nicht. Fast ein bisschen wie ein Raumschiff. Da sind überall Anzeigen und Kabeln und vieles piepst, aber das ist nicht schlimm…Und dass sie in so einem kleinen Häuschen liegt, das weißt du ja schon, oder?" "Das heißt Brutkasten, Mama." Aja.


Dann die Zeit des absoluten Wahnsinns. Erst zerspringt mein Herz, weil ich im Krankenhaus am anderen Ende der Stadt sein muss und meine Große kaum sehe. Dann zerspringt mein Herz, weil ich aus dem Krankenhaus entlassen werde, während unsere kleine, große Kämpferin weiterhin auf der Intensivstation bleiben muss. Nähere Gedanken, wie es mit ihr weitergehen wird, erlaube ich mir nicht. Ich genieße jede Sekunde, die ich mit ihr verbringen darf, beim Wickeln, Waschen, Füttern und am Allermeisten beim Kuscheln. Verlasse ich die Station, muss ich Herz von Hirn trennen sonst würde ich ohnmächtig von dem Schmerz, meine Kleine hier täglich zurücklassen zu müssen. So entsteht immer wieder das Gefühl, nicht wirklich wach zu sein. Wie in großer Höhe. Teile meines Körpers sind taub. Schritte wie in Zeitlupe. Tunnelblick. Alles unfassbar.

Unfassbar, wie stark dieses Minimenschlein schon ist.

Unfassbar, mit welcher Willensstärke sieregelmäßig ihre Atemunterstützung herauszupft, später die Magensonde. Unfassbar, wie wir Eltern jonglieren und funktionieren. Unfassbar und absolut überwältigend, mit welcher Liebe und Hingabe wir von unserer Familie und unseren Freunden unterstützt werden. Unfassbar, wie die Große mit der
ganzen Situation umgeht, wie entzückend und kooperativ sie ist – fast mehr, als ich es von einem Kind in diesem Alter möchte.

Bald ist das Kinderzimmer zu Hause zur Neo-intensiv umgebastelt. Mit Pflaster wird die grüne Schnur an der Puppennase befestigt. Die Magensonde. An der Wand hängt die Desinfektionslösung. Oma ist die liebe Schwester Bettina. Die, die der kleinen Schwester immer die süßesten Bodies anzieht, um ihr eine Freude zu machen. Die, die den Brutkasten mit den schönsten Decken dekoriert. Die, die das Bild der großen Schwester auf den Brutkasten gehängt hat. Und vor allem die, die hat erlaubt, dass die Große die Kleine zum allerersten Mal auf den Arm nehmen darf. Ein Liegestuhl, links ein Polster, rechts ein Polster und dazwischen strahlend schön der pure Schwesternstolz und das ganz, ganz große Glück. Mama und Papa mit glänzenden Augen. Zum ersten Mal ertappen wir uns unausgesprochen bei dem Gedanken, dass dieser Krankenhauswahnsinn vielleicht wirklich einmal ein Ende hat. Vielleicht sind wir vier irgendwann einmal wirklich einfach nur ganz normal zu Hause…

Fünf Monate später.

Heimweg von der Kindergruppe. Meine Große sitzt trotzend am Gehsteig und schimpft mit mir. Ich hab ihren Roller vergessen. Die Kleine brüllt mittlerweile im Wagen, weil sie Hunger hat. Wir sind schon viel zu lange unterwegs. Ich schau auf die Uhr am Handy. Besteht die Chance, dass mein Mann schon kommt und mir eine der beiden abnimmt? …oder besser beide. Vielleicht, mit ganz viel Glück…

Ich versuche, die Große zum Weitergehen zu überreden, während ich die Kleine aus dem Wagen nehme und in die Trage gebe. Den zwei Pensionistinnen, die des Wegs kommen, ist dieses Ding mit den langen Bändern gar nicht geheuer. Ob das da nicht runterfällt? Und überhaupt. Ob das so gut ist für die Knochen? Also früher… Langsam öffnen sich die Fenster des Wohnhauses nebenan. Zufällig wird jetzt hier geraucht, Blumen werden gegossen. Zwei Jungs fordern lautstark meine Große zu noch größerem Protest auf. Sie könnte ja spucken… Na toll, wir
können offensichtlich dem Nachmittagsfernsehen Konkurrenz machen.

Dann kommt noch eine ältere Dame des Wegs. Ich binde gerade hüpfend die Trage mit dem brüllenden Baby zu. Das große Kind liegt nun am Weg und brüllt auch – zumindest die Spuck-Aufforderung hat noch nicht gefruchtet. Die Dame lächelt erleuchtet und engelsgleich und wartet geduldig bis ich wieder eine Hand frei habe. Dann überreicht mir einen Zettel, auf dem steht "Verzweifle nicht! Es gibt noch Hoffnung"… Jetzt brülle ich – vor Lachen.

Danke an alle TeilnehmerInnen

Wir möchte uns hier noch einmal ganz herzlich bei allen bedanken, die sich getraut und sich mit einem Beitrag um den Titel"Geheimer Elternheld" beworben haben. Wir waren gerührt, erfreut, haben gelacht und geweint, mitgefühlt und mitgefiebert. Danke, dass ihr eure Geschichten mit uns geteilt habt!

Die Gewinnerinnen des scoyo ELTERN! Blog Awards findet ihr hier.

 

*Die Autorin möchte anonym bleiben.

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