Waldorfschule: Das erwartet Kinder und Eltern

An Waldorfschulen wird die ganze Zeit getanzt, Eltern müssen ständig Einsatz zeigen und das Abitur kann man nur an wenigen Schulen machen. Klischees oder Realität? Waldorfpädagoge und Autor Henning Kullak-Ublick räumt auf.

Herr Kullak-Ublick, was kann die Waldorfschule Ihrer Meinung nach besser als andere Schulen?

Schule: Waldorfschule: Das erwartet Kinder und ElternWaldorfschulen können mehr als Eurythmie | © Henning Kullak-Ublick

Kullak-Ublick: Waldorfschulen nehmen den Menschen mit all seinen unterschiedlichen Eigenschaften ernst: Lernen an der Waldorfschule bedeutet, dass sich die Kinder gleichermaßen als Handelnde, Wahrnehmende und eigenständig Denkende kennen lernen. Die Lernwege nehmen wir genauso wichtig wie die Ergebnisse. Damit möchten wir erreichen, dass die Kinder und Jugendlichen nicht nur Wissen reproduzieren können, sondern es auch in Beziehung zu anderen Dingen, also zum Beispiel zur Gesellschaft oder ihren Erfahrungen, setzen und sich ein eigenes Urteil bilden können. In den unteren Klassen sprechen wir besonders die Phantasie und die Geschicklichkeit der Kinder an und legen damit die Grundlage für ein lebenslanges Lernen, das sich an die unterschiedlichsten Situationen anpassen kann.

Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen Waldorfschulen und staatlichen Regelschulen?

Tipps, Tricks und Checklisten zur Schulwahl finden Sie auch in unserem kostenlosen Ratgeber:

Waldorfschulen sind wie alle freien Schulen nicht an die staatlichen Lehrpläne gebunden. Das erlaubt ihnen, eigene methodische und didaktische Schwerpunkte zu setzen und elastischer auf die konkreten Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler einzugehen.

An der Waldorfschule steht das kognitive, also eher intellektuelle Lernen in einer bewussten Balance mit dem Erwerb kreativ-künstlerischer und praktisch-handwerklicher Fähigkeiten. Das gilt für jedes Fach, aber natürlich drückt es sich auch in der Palette der angebotenen Fächer aus. Es ist die praktische Umsetzung der Forderung, mit Kopf, Herz und Hand zu lernen, wie sie beispielsweise die neuere Hirnforschung erhebt.

Eine Besonderheit der Waldorfschule ist der Unterricht in so genannten Epochen, also der Konzentration auf ein Fach beziehungsweise Thema über mehrere Wochen. Während dieser Epochen schreiben sich die Schüler ihre Schulbücher selbst und erarbeiten sich ein Portfolio, das ihre eigenen Lernfortschritte genau abbildet.

Außerdem lernen alle Kinder vom ersten Schuljahr an eine, spätestens ab dem zweiten Schuljahr zwei Fremdsprachen.

Die Schülerinnen und Schüler lernen unabhängig von ihrem angestrebten Schulabschluss in stabilen Klassengemeinschaften, sitzenbleiben können sie nicht. Das stellt hohe Anforderungen an die Lehrkräfte, die den Unterricht so gestalten, dass er Kinder mit unterschiedlichen Stärken und Lernständen anspricht.

Da Noten als Druckmittel zum Lernen bei uns entfallen, muss der Unterricht interessant und lebendig sein, um die Aktivität der Schüler zu wecken. Dafür bilden wir unsere Lehrerinnen und Lehrer an Seminaren und Hochschulen aus. Am Schuljahresende bekommen die Schüler detaillierte Berichtszeugnisse, die ihre individuellen Lernfortschritte festhalten.

Eine große Rolle spielen auch das Theater und die so genannten Jahresarbeiten, bei denen die Schülerinnen und Schüler im achten und zwölften Schuljahr eigenständig an einem Thema arbeiten und das vor der gesamten Schule in Wort, Schrift und als praktisches Ergebnis präsentieren. Vom 9. Schuljahr an gibt es in jedem Jahr mindestens ein längeres Praktikum.

Welchem Zweck dient eigentlich das waldorfeigene Schulfach Eurythmie?

Eurythmie ist eine Bewegungskunst, bei der Sprache und Musik nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten in Gesten, Bewegungsabläufe und Choreografien umgesetzt werden. Man unterscheidet zwischen der therapeutischen, der pädagogischen und der Bühneneurythmie. Wie jede Kunst hilft auch die Eurythmie dabei, Leib, Seele und Geist in einen schöpferischen Gleichklang zu bringen. Namentanzen kommt dabei übrigens nicht vor – höchstens mal zum Spaß, weil dieses Klischee einfach so herrlich albern ist.

Gibt es typische „Waldorf-Kinder“, für die sich die Waldorfschule besonders eignet? In welchen Fällen würden Sie vom Besuch einer Waldorfschule eher abraten?

Ist Waldorfpädagogik das richtige für Ihr Kind? Finden Sie es heraus – mit unserer kostenlosen Checkliste zur Schulwahl 

Nein, die Waldorfschule ist für alle Kinder geeignet. Allerdings sollten die Eltern das pädagogische Konzept im Grundsatz bejahen, sonst kann es später zu Konflikten kommen.

Eltern sollten sich das besondere Profil einer Schule anschauen und dann entscheiden, ob das mit ihren Erwartungen und den Bedürfnissen ihrer Kinder zusammenpasst.

Vom Besuch einer Waldrofschule abraten würde ich, wenn die Eltern eigentlich gar keine Waldorfpädagogik wollen oder glauben, man könne dort lernen, ohne sich anzustrengen.

(Die scoyo-Checkliste "Schulwahl" hilft, sich als Familie klar darüber zu werden, welche Ansprüche man eigentlich an die zukünfige Schule stellt – und diese dann mit der Realität beim Schulbesuch zu vergleichen. Mehr Infos dazu: In 3 Schritten die richtige Schule finden)

Die meisten Waldorfschulen haben mehr Anmeldungen als Plätze. Nach welchen Kriterien werden die Schülerinnen und Schüler ausgewählt?

Das ist schwierig zu beantworten, weil es immer von den Bedingungen der einzelnen Klasse abhängt. Wenn beispielsweise ein deutlicher Jungenüberhang da ist, hat ein Mädchen vielleicht bessere Chancen – und umgekehrt. Ein Merkmal ist sicherlich, ob man davon ausgehen kann, dass die Eltern – oder später die Schülerinnen und Schüler selbst – ungefähr wissen, worauf sie sich einlassen.

Josef Kraus, der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, hat im Interview gesagt, Eltern müssten es sich gut überlegen, ob sie ihre Kinder auf eine Waldorfschule schicken, da die Schüler den Schulabschluss als externe Prüflinge an staatlichen Schulen ablegen müssten. Wie schwierig ist es für Waldorfschüler, den mittleren Abschluss oder das Abitur zu machen?

Da irrt Herr Kraus – das gilt schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Waldorfschüler erlangen die gleichen staatlichen Abschlüsse wie alle anderen Schüler auch, aber die Prüfungen werden von ihren eigenen Lehrerinnen oder Lehrern abgenommen. Da es sich allerdings um einen hoheitlichen Akt des Staates handelt, arbeiten die Waldorfschulen bei den Prüfungen mit staatlichen Schulen ihres Ortes zusammen, die dann den Staat vertreten. Das klappt bis auf seltenste Ausnahmen sehr gut. Fast alle Waldorfschüler erreichen den mittleren oder höheren Schulabschluss. Die Abiturienten werden im letzten Schuljahr gezielt auf die Prüfungen vorbereitet, was sich bundesweit in mindestens gleichen, oft überdurchschnittlich guten Prüfungsergebnissen ausdrückt.

In welcher Klassenstufe entscheiden sich die Kinder auf der Waldorfschule, welchen Schulabschluss sie ansteuern? Und wie geht es weiter, wenn die Entscheidung gefallen ist?

Das geschieht in der Regel nicht vor dem Ende des zehnten Schuljahres, manchmal noch später. In einigen Bundesländern haben die Waldorfschulen gymnasiale Oberstufen eingerichtet, was sich auf die Unterrichtsstruktur auswirkt, aber wir begrüßen durchaus, wenn auch Schüler, die nicht auf das Abitur zusteuern, eine möglichst umfassende Schulbildung erlangen und bis zum zwölften Schuljahr in der Schule bleiben können. Aus unserer Sicht ist das – im Unterschied zur Selektion nach Noten – ein Menschenrecht. Einige Waldorfschulen haben auch berufsbildende Zweige, aber das sind bisher Ausnahmen.

Herr Kraus bemängelt außerdem, dass Waldorfschulen bislang keinerlei Beweis erbracht hätten, dass ihre Schüler bei Leistungstests besser abschneiden würden. Wie sehen Sie das?

Spricht da vielleicht der Lobbyist der Gymnasien? Das wäre ja sein gutes Recht, aber ich möchte doch die Frage dagegen stellen, nach welchen Kriterien man Leistung überhaupt messen will. Wenn es einer Schule, die keine Selektion nach Noten vornimmt, gelingt, fast alle Schüler zu einem mittleren oder höheren Schulabschluss zu bringen – und das mit guten bis sehr guten Durchschnittsnoten – kann sie auch mit Bezug auf standardisierte Leistungen so schlecht nicht sein. Uns interessiert aber viel mehr, ob die Kinder und Jugendlichen ihr individuelles Leistungspotenzial ausschöpfen. Da muss man sehr viel genauer hingucken und in individuelle Förderungen investieren. Unser Maßstab liegt um einiges höher als bei standardisierten Tests.

Viele Eltern stehen der Waldorfschule positiv gegenüber, befürchten aber, dass sie sehr viel Elternarbeit leisten müssen, wenn sie ihr Kind an einer Waldorfschule anmelden. Was entgegnen Sie ihnen?

So lange in Deutschland die Meinung vorherrscht, Schule sei etwas, wo man seine Kinder abgibt und nachher wieder als „Gelernte“ abholt, mag das stimmen. Das Interessante ist nur, dass es wirklich Spaß macht, mit anderen an einer Schule zusammenzuarbeiten, bei der es auf individuelle Initiative ankommt. Natürlich muss niemand mehr tun, als seine privaten oder beruflichen Möglichkeiten es zulassen, aber wer sich engagieren will, ist willkommen und wird bald merken, dass es einen Unterschied macht – nicht zuletzt, weil sich die Kinder freuen.

An vielen Waldorfschulen gibt es kaum Kinder mit Migrationshintergrund, die Eltern sind außerdem im Schnitt gebildeter und wohlhabender als an staatlichen Schulen. Woran liegt das?

Das liegt zum einen daran, dass man ja erst einmal auf die Idee kommen muss, etwas anderes als alle anderen zu wollen. Das fällt Einwandererfamilien, die sich assimilieren wollen, oft schwer. Ähnliches gilt für bildungsferne Familien. In erster Linie hat das aber einen politischen Hintergrund: Schulen in freier Trägerschaft werden in Deutschland gesetzlich benachteiligt. Die Eltern zahlen doppelt, nämlich einmal über die Steuern, mit denen sie auch die staatlichen Schulen finanzieren, und dann über die Schulgelder, die aus einer Schulgesetzgebung folgen, die pädagogische Initiative durch zu geringe Finanzhilfen bestraft. Freie Schulen werden in eine private Ecke geschoben, wo jedenfalls die Waldorfschulen überhaupt nicht sein wollen.

Eine Lösung wäre, dass alle Eltern umfassend über die Schulen ihrer Umgebung informiert würden; außerdem sollte das Schulgeld für finanziell schlechter gestellte Familien vom Staat übernommen werden.

Zum Schluss das Finanzielle: Waldorfschulen sind ja Privatschulen. Wie teuer ist der Schulbesuch?

Die durchschnittlichen Elternbeiträge für Schulgeld und Investitionen liegen bei monatlich 160 Euro. Von dieser Zahl kann es aber, je nach Region und politischen Vorgaben, erhebliche Abweichungen geben. Die Eltern und Lehrer bilden an Waldorfschulen Solidargemeinschaften, um auch Kindern, deren Eltern das reguläre Schulgeld nicht aufbringen können, den Schulbesuch zu ermöglichen.

Über Herrn Kullak-Ublick

Hennig Kullak-Ublick ist Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen in Deutschland und der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung. Um Eltern bei der Schulwahl zu unterstützen, hat der erfahrene Waldorflehrer 2014 das Buch „Jedes Kind ein Könner: Fragen und Antworten zur Waldorfpädagogik“ veröffentlicht. 

Bewertung

Bewerten Sie diesen Artikel:
4,5 von 5 Sternen (25 Bewertungen)
Sie haben diesen Artikel bewertet. Vielen Dank für Ihr Feedback.

Kommentare