Spaß am Lernen – Experten fordern mehr Freude am Lernen

Laut Bildungsexperten ist Spaß am Lernen die entscheidende Voraussetzung für den Schulerfolg. Lesen Sie hier, woran es an Deutschlands Schulen mangelt.

Schule: Kind verliert den Spaß am LernenKind verliert den Spaß am Lernen | © iStock.com/ejwhite

Wer Spaß am Lernen hat, der speichert neues Wissen viel einfacher und bekommt bessere Noten – dieser Zusammenhang ist für jeden einleuchtend. Denn was man gerne macht, macht man meistens auch gut.

Aber motivieren Lehrer und Unterricht heutzutage wirklich nachhaltig und legen so den Grundstein für gute Leistungen? Wir wollten wissen, wie viel Spaß Schülern das Lernen für die Schule und in der Schule macht. Dafür haben wir 860 Schülerinnen und Schüler sowie 1.005 Eltern durch unabhängige Marktforschungsinstitute befragen lassen.

Das Ergebnis unserer Studie: Die meisten Kinder haben zumindest manchmal Spaß am Lernen. Doch die Unlust, zu lernen, wächst mit zunehmendem Alter der Schüler.

Nur ein Drittel der Schüler hat Spaß am Lernen

Die große Mehrheit der befragten Schüler, nämlich 52 Prozent, steht dem Büffeln mit gemischten Gefühlen gegenüber. Die positiven und negativen Ausschläge: Nur ein Drittel der Schüler gab an, dass ihnen das Lernen immer Spaß bringt, 15 Prozent hingegen haben überhaupt keinen Spaß am Lernen für die Schule. Generell gilt: Je länger Kinder die Schulbank drücken, desto weniger Freude haben sie am Lernen. Während so nur acht Prozent der Sechsjährigen „eher selten“ Spaß am Lernen haben, sind es bei den 13-Jährigen schon 27 Prozent. Ein für uns erschreckendes Ergebnis.

Kein Spaß bedeutet weniger Lernerfolg

Dass nicht jedem Kind beim Lösen von Matheaufgaben oder ähnlichem ein Lächeln auf den Lippen liegt, leuchtet ein. Mit „Spaß“ am Lernen ist aber nicht unbedingt Vergnügen und Lachen gemeint, „vielmehr meint der Begriff Motivation und Begeisterung“, so Daniel Bialecki, Geschäftsführer von scoyo. Und beides sind essenzielle Voraussetzungen für den Lernerfolg.

Die Bildungsunternehmerin Béa Beste, Gründerin von Tollabox, vergleicht das Phänomen des Lernspaßes dabei mit einer Art Flowgefühl, „das sich ergibt, wenn wir einer Tätigkeit nachgehen, die knapp unter der Überforderungsgrenze läuft. Es interessiert uns, wir können etwas erreichen, wir sind gut dabei und vertiefen uns in der Aktivität.“ Doch die Freude nimmt ab, je länger die Kinder zur Schule gehen. Die Folgen sind fatal: „In vielen Familien ist der Begriff Lernen inzwischen negativ besetzt“, meint Bialecki. Nicht selten kommt es so zum Streit zwischen Eltern und Kindern, was für die Lernmotivation der Kinder alles andere als förderlich ist.

Die Einschätzungen der Experten

Aber soll Lernen in der Schule überhaupt Spaß machen? Oder ist Lernen grundsätzlich eher unangenehm? Wir haben fünf renommierte Lernexperten und Praktiker mit den Ergebnissen der Studie konfrontiert und sie um ihre Einschätzung gebeten.

Für Michael Fritz, Lernforscher am ZNL TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm, ist der Spaß eine der wichtigsten Voraussetzungen für effektives Lernen: „Lernen, das auf Dauer keinen Spaß macht, ist zwecklos. Lernsituationen sollten deshalb so angelegt sein, dass sie dem Lernenden mindestens am Schluss das Gefühl von Erfolg, von Können und damit auch von Freude und Spaß geben.“

Diese positive Grundstimmung komme heutzutage in der Schule zu kurz, findet auch Prof. Dr. Martin Korte aus der Abteilung für Zelluläre Neurobiologie vom Institut für Zoologie an der TU Braunschweig. Das Problem liegt für Korte hierbei vor allem am Lerndruck und dem straffen Zeitplan der Schulen: „Wenn alle unter Druck lernen müssen, weil der Lehrer den Lernstoff durchbringen muss, die Schüler dem Lernstoff aber hinterher hecheln und die Eltern auch nicht mehr richtig nachkommen, dann vergeht einem der Spaß am Lernen.“

Dass diese Situation frustrierend ist, bestätigt auch Elsbeth Stern, Psychologin und Professorin der Lehr-Lern-Forschung an der ETH Zürich. Kindern fehle das Kompetenzerleben: „Sie machen keine Fortschritte und das frustriert sie.“ Hier seien nun die Lehrkräfte am Zug, deren Aufgabe es ist, „den Stoff und die Aufgaben so zu gliedern, dass die Schüler Lernfortschritte machen. Das motiviert Schüler, selbst wenn sie den Stoff nicht übermäßig interessant finden“, so Stern.

Das Bildungssystem als „Spaßbremse“ – was sagen die Lehrer?

Die Forschung schreibt dem Spaß am Lernen also eine wichtige Erfolgsfunktion zu. Doch wie sehen dies die Lehrer, die täglich mit Kindern arbeiten? Dem Gymnasiallehrer, Autor und Bildungsexperten Michael Felten ist vor allem wichtig, dass Lernfortschritte erkannt werden: „Lernen darf nicht nur vom momentanen Empfinden des Lernenden her gedacht werden, sondern auch von seinem individuellen und gesellschaftlichen Ziel. Anzustreben wären also Freude am Erkunden, Vergnügen beim Tüfteln, die Lust am Durchbeißen und Durchhalten sowie das Glück des Könnens.“ Und genau da sollten Lehrer ansetzen.

Die Bildungsunternehmerin Beste blickt kritisch auf die Bildungsstrukturen in Deutschland. Sie bezeichnet das Bildungssystem in Deutschland sogar als ein System von Spaßbremsen. Beste wünscht sich, dass das Potenzial des einzelnen Kindes stärker in den Vordergrund gestellt und mit positiven Erlebnissen gefördert wird: „Was fehlt, ist der Chancenblick – zu gucken, wo kann ich das Beste aus den Menschen herauskitzeln, wobei empfinden sie Freude.“

Druck und Frust statt Spaß und Motivation

Alarmierend an unserer Studie ist, dass der Spaß am Lernen immer mehr abnimmt, je älter die Schüler werden. Dass dieses Ergebnis keine pubertäre Meckerei ist, sondern der Lebens- und Lernwelt der Kinder entsprechen, bestätigt Neurologe Michael Fritz: „Je jünger Kinder sind, desto häufiger haben sie Erfolgserlebnisse und empfinden ihre Umgebung als ihnen wohlgesonnen.“ Aber mit zunehmenden Alter erhöht sich der Druck: „Spätestens ab Klasse 5 und 6 erleben sich immer mehr Kinder immer öfter in Situationen, in denen ihre Umgebung ihnen mitteilt: Du kriegst es nicht hin. Das demotiviert und frustriert, macht lustlos und vor allem keinen Spaß.“

Die Ursachen sieht der Lernforscher im Druck des Lehrplans, das Curriculum zu erfüllen, anstatt Zeit für die Förderung und Unterstützung des Einzelnen einzurichten: „Die Bedingungen gehen nicht auf das Leistungsvermögen, die Ausgangssituation und die Entwicklung des Individuums ein. Das Gehirn lernt dann, dass sich Anstrengung nicht lohnt.“ Im Fokus stehen also nicht die Kinder, sondern äußere Faktoren.

Multimediales Lernen – modern und motivierend

Das schulische Lernen bewegt sich also in einem Spannungsfeld zwischen Spaß und Pflicht. Wo kann die Lösung liegen, welches Lernen würden sich Kinder selbst verordnen? Wir haben gefragt: „Was müsste passieren, damit Lernen mehr Spaß macht?“ Die Antwort: Knapp 45 Prozent aller Kinder sagen, dass sie am liebsten mit elektronischen Medien lernen. Ein Drittel der Schüler gab an, dass sie Lerninhalte am besten behalten, wenn der Lernstoff in eine spannende Geschichte oder Erzählweise verpackt wird. Diese Aussage zieht sich durch alle Altersgruppen.

Je älter die Kinder sind, desto mehr schätzen sie Gruppenarbeit: Viele sagen, dass sie am besten lernen, indem sie anderen den Lernstoff erklären. Für die Schule wünschen sie sich mehr Projektwochen (40,7 Prozent), keine Noten und keine Hausaufgaben mehr (40 Prozent). Vor allem Jungs sind begeistert vom digitalen Lernen und wünschen sich, „mehr Aufgaben mit dem Computer zu lösen“ (40 Prozent). Der Wunsch nach mehr Computereinsatz steigt dabei tendenziell mit dem Alter.

Daniel Bialecki beobachtet die Begeisterung gegenüber digitalen Lernformen seit vielen Jahren über alle Altersklassen hinweg und schwärmt von den vielfältigen Möglichkeiten, Lernstoff digital zu gestalten: „Digitale Medien sind dynamisch und nicht statisch. Mit Animationen und Tönen sprechen sie mehrere Sinne gleichzeitig an. Bei einem digitalen Medium kann man zum Beispiel um die Erde fliegen, fremde Tiere beobachten usw. Was mehr Sinne anspricht, macht erfahrungsgemäß mehr Spaß.“

Lernmotivation – der Schlüssel zum Schulerfolg

Frustfrei lernen und Erfolge zu haben – das ist der Schlüssel zum dauerhaften Schulerfolg. Professor Korte betont den Spaß am Lernen ausdrücklich und fasst seine Forschungserkenntnisse wie folgt zusammen: „In dem Moment, wo einem das Lernen Spaß macht, geht es wie von selbst. Es hat einen Erlebnischarakter. Dann kann sich das Gehirn leichter erinnern, und das zieht einen positiven Rattenschwanz nach sich: Die Kinder müssen weniger nacharbeiten, sie arbeiten besser mit, die ganze Unterrichtsatmosphäre wird anders. Insofern kann man die Bedeutung von Spaß am Lernen gar nicht genug betonen.“

 

Alles rund um die Studie:

Bewertung

Bewerten Sie diesen Artikel:
4 von 5 Sternen (1 Bewertung)
Sie haben diesen Artikel bewertet. Vielen Dank für Ihr Feedback.

Kommentare