scoyo im Gespräch mit Sabine Czerny: Strafversetzt wegen zu guter Schulnoten

Weil ihre Schüler immer besser wurden, geriet Sabine Czerny in Konflikt mit der Schulbehörde. Mit scoyo spricht sie über den (Un-)Sinn von Schulnoten.

Schule: Machen Schulnoten Sinn?
Wenn aus Lernfreude Lernpensum wird, verlieren Kinder schnell die Lust am Lernen. | © iStock.com/skynesher

scoyo: Als Grundschullehrerin sprechen Sie sich gegen die Art und Weise der Benotung an deutschen Schulen aus. Wieso?

Czerny: Die Notengebung ist unfair und unsinnig, wir werden den Kindern und ihrem Leistungspotential damit nicht gerecht. Das hat zahlreiche Gründe und Aspekte. Einer davon ist, dass unsere Art der Leistungsmessung die Kinder zwingt,  zum haargenau gleichen Zeitpunkt das Gleiche zu können, obwohl sie beispielsweise nachweislich Entwicklungsunterschiede von bis zu zwei Jahren haben. Ist es einem Kind bereits einem Tag nach der Probe möglich, die Leistung zu erbringen, ist das nichts mehr wert. Auch werden Noten immer relativ innerhalb einer Gruppe vergeben, so dass es zwangsläufig immer „schlechte“ Schüler gibt. So werden Unterschiede in der Leistungsfähigkeit der Kinder suggeriert, die in dieser Weise nicht da sind, aber durch die hervorgerufene Verteilung die Selektion rechtfertigen. Unser Schulsystem ist nicht leistungsorientiert, es ist einzig zeitpunktorientiert  – das macht den ganzen Druck und Stress, dem unsere Kinder ausgesetzt sind. Zudem verhindert unser falscher und veralteter Lern- und Leistungsbegriff eine echte individuelle Förderung der Kinder. Wo ist in unserem Schulsystem denn Zeit und Raum um individuelle Begabungen, Kreativität und soziale Kompetenzen auszubilden?

scoyo: Welche Konsequenzen resultieren aus dem starken Leistungsdruck, der bereits auf Kinder in der Grundschule ausgeübt wird?

Czerny: Zahlreiche. Beispielsweise: Die Kinder verlieren die Lust am Lernen, weil aus Lernfreude Lernpensum wird. Viele Kinder halten sich schon in sehr jungen Jahren für unfähig und dumm, sie resignieren und geben sich und das Lernen auf. Im Unterricht selbst ist oft wichtiger, was präsentiert wurde, und nicht ob die SchülerInnen wirklich verstanden haben. Eigene Ideen werden erstickt und Kinder dazu erzogen, Kriterien zu erfüllen. Kinder werden sich selbst entfremdet, weil sie sich ständig an Urteilen von außen ausrichten müssen.

scoyo: Wie sollte eine Schule aussehen, die keine Bildungsverlierer produziert?

Czerny: Unsere Schulen müssen dem Kind und seiner Individualität gerecht werden.  Meines Erachtens profitieren alle Schüler vom Reichtum der Vielfalt in einem gemeinsamen sinnvoll arrangierten Unterricht. Ebenso wichtig – und das fehlt derzeit noch fast völlig - brauchen sie aber Zeiträume, in denen sie selbstständig arbeiten und sich ihren Neigungen und Interessen zuwenden können. In jedem Fall darf nicht mehr selektiert werden, denn das würde den Schwerpunkt wieder auf das Prüfen statt auf das Lernen legen. Die dann herrschende Leistungsdarstellung muss ermöglichen, der Individualität des Einzelnen und seinem differenzierten Leistungspotential adäquat Ausdruck verleihen zu können.

scoyo: Was raten Sie Eltern, deren Kinder in der Schule unter schlechten Noten leiden?

Czerny: In unserem derzeitigen Schulsystem gibt es nicht wirklich eine Lösung – aufgrund des Systems gibt es immer Verlierer und so wird es immer den Kampf um das „Besser sein“ in den entscheidenden, eng gesetzten Bereichen geben, statt sich wirklich um jedes Kind an sich und seine Begabungen und Neigungen kümmern zu können. Die einzige Lösung besteht darin, sich dafür einzusetzen, das Schulsystem zu ändern, damit endlich alle Kinder eine hohe Bildung erhalten, echte Leistung erbringen und individuell gefördert werden können.

Sabine Czerny

Schule: Sabine Czerny im scoyo-Interview über SchulnotenSabine Czerny im scoyo-Interview | © Sabine CzernySabine Czerny wurde 1972 in der Nähe von München geboren und ist seit über zehn Jahren an bayerischen Grundschulen tätig. Für sie ist Lehrerin kein Beruf, sondern eine Berufung. Daher war es ihr immer ein großes Anliegen, sich neben dem Schuldienst weiterzubilden – unter anderem in den Bereichen Pädagogik und Psychologie.

Getreu ihrem Motto „Ich kenne kein Kind, das nicht lernen will“ gestaltet sie ihren Unterricht mit viel Leidenschaft, Engagement und neuesten Kenntnissen aus der Lernforschung. Und das seit Jahren mit großem Erfolg: Ihre Schüler haben nicht nur Spaß am Lernen, sondern schreiben dadurch auch bessere Schulnoten. Eine Tatsache, für die sie von den Schulbehörden nicht belobigt oder befördert wurde, sondern strafversetzt, bedroht und boykottiert.

Für ihren Einsatz erhielt sie 2009 das Karl-Steinbauer-Zeichen für Zivilcourage.

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