Der große Wahn(sinn) um Schule – worauf es wirklich ankommt

Für Cornelia Lütge steht fest: Schule ist der Job von Kindern, nicht von Eltern! Doch Lockerlassen geht nur, wenn das Schulsystem die Kinder auf ihrem ganz persönlichen Weg begleitet. Hier beginnt der Haken. Dabei ist die Lösung längst da.

Schulsystem: Der große Wahn(sinn) um Schule – worauf es wirklich ankommt

"Von der ersten Klasse an habe ich nur das Nötigste zur Schule beigetragen", so Cornelia Lütge, zweifache Mutter aus Niedersachsen und Autorin beim internationalen Lifestyle-Blog ohfamoos.com.

Damit meint sie: Fragen sinnvoll beantwortet (wie und nie was), gelobt für Können und bestärkt, wenns mal eng wurde. Und mit abnehmender Tendenz an Sportsachen und Brotdosen erinnert.

Fast nie hat sie Schulranzen getragen und bei den Hausaufgaben daneben gesessen. Ihre Mädchen mussten sich von Anfang an um ihre schulischen Aufgaben selber kümmern. "Die Anforderungen wachsen schließlich entwicklungsgemäß", sagt sie und betont: "Wer komplizierte Aufbauanleitungen dekodieren, sich komplexe Kür-Übungen ausdenken sowie an Verabredungen denken kann, der kann auch die Schule meistern. Mit den zu erwartenden Ups and Downs."

12.01.2016, Kolumne von Cornelia Lütge:

Warum? Kinder können das! 

Erwachsene sind auch nicht immer in Top-Form! Meine Zweitgeborene (10) freut sich schon auf den Schulwechsel im kommenden Sommer. Sie hofft, ihrer großen Schwester (fast 14) folgen zu dürfen. Die besucht die 8. Klasse einer integrierten Gesamtschule. "Toni lernt da so coole Sachen", heißt es. Dabei stöhnt die Große manchmal: "Es wäre doch viel einfacher, wenn die Lehrer uns öfter sagen würden, was wir wie tun müssen. Aber wir müssen ja immer Verantwortung für uns übernehmen!" Gut so!

Integrierte Gesamtschule (IGS)

An einer integrierten Gesamtschule erleben Schüler das gemeinsame Lernen und den sozialen Umgang miteinander und werden entsprechend ihrem individuellen Leistungsvermögen unterrichtet sowie vor allem gefördert. Eine Differenzierung nach Leistungsfähigkeit findet ab Klasse 9 in Hauptfächern durch Förder-, Grund- und Erweiterungskurse statt. So kann ein Schüler bspw. im Erweiterungskurs in Chemie zu den Besten gehören, wegen schwächerer Kenntnisse in Englisch den Förderkurs besuchen. Ab Klasse 9 dokumentieren Noten die Leistungserfolge, bis dahin ausführliche und differenzierte Lernentwicklungsberichte. Eine Wiederholung von Klassen ist für die Schüler selten notwendig; sie können in einen leichteren Kurs wechseln. An einer IGS können alle drei gängigen Schulabschlüsse absolviert werden. Die IGS-Roydorf zeichnet sich durch ein an der Persönlichkeitsentwicklung der Schüler ausgerichtetes Konzept sowie ein starkes Miteinander aus. Z. B. stehen die Klassenfahrten dort unter dem Motto, Einzelne und die Gruppe zu entwickeln – da geht’s dann zum Waldeinsatz statt zum Städtetrip.

Was wäre ein Abi ohne Verantwortungs-Kompetenz? Gerade jüngere Geschwister haben gute Chancen ...

Ein Ort des Lernens ist ein Ort der persönlichen Entwicklung. Eine Schule, die sich dies auf die Fahne schreibt, hat PISA notwendigerweise im Hinterkopf.

Viele Schulen setzen ihren Bildungsauftrag so um, wie viele Eltern es zunehmend fordern: Die Vermittlung von Wissen ist Mittel zum Zweck, nämlich Können zu entwickeln, selbstständig zu denken, bereitwillig Verantwortung zu übernehmen sowie zu begreifen, dass die Kinder als Teil einer Gemeinschaft das eigene und das Wohl Aller lernen zu berücksichtigen.

Längst weiß man, dass Bildung, die darauf setzt, Stärken zu erkennen und Leidenschaften zu entdecken dazu führt, dass Schüler für die die Wahl und die Ausübung eines Berufes besser gewappnet sind und ihren Alltag später besser managen können. Sie entdecken und entwickeln dann ihr volles Potenzial, bleiben motiviert und übernehmen Verantwortung für ihr lebenslanges Lernen

Letzteres ist heute eine der herausragenden Schlüsselqualifikationen. Eine Fokussierung auf Noten, Leistungswettbewerb und stupides Auswendiglernen dagegen erstickt intrinsische Motivation und fördert die Einstellung, für Andere zu lernen.

Doch was passiert spätestens in der 3. Klasse der Grundschule? Am liebsten Abi, denken sich viele Eltern.

Sehr viele. Und immer mehr ziehen vor Gericht, um die gewünschte Schullaufbahn ihrer Kinder durchzusetzen!

Sie unterliegen damit wohl der öffentlichen Meinung, dass man ohne Abitur keine oder deutlich weniger Chancen hat. Auf einen ehrenwerten Beruf. Ein gutes Einkommen. Ein komfortables Leben. Und das, wo es Alternativen zum Gymnasium gibt, die ebenfalls zum Abitur führen. Sowie ehrenwerte Berufe, die nicht einer akademischen Ausbildung entspringen. Sind diese nicht so hoch angesehen?

So braucht es viel Fingerspitzengefühl von Eltern, älteren Geschwistern und Lehrern in dieser Zeit. Damit die Kids aus der sogenannten Schullaufbahnempfehlung nicht eine Wertigkeit ihrer Person ableiten.

► Mehr dazu: 

Werden Schüler in der Schule abgerichtet?

Wider besseren Wissens bilden Schulen zu funktionalisierten Menschen aus, so Gerald Hüther, einer der großen Kritiker des deutschen Schulsystems. Ein System aus Belohnung und Bestrafung "richte" Schüler so "ab", dass sie sich in einer gewünschten Weise verhalten. Aus der Sicht wirklichen Lernens sei das "hirntechnischer Unsinn", Quälerei und Vergeudung von Potenzial.

Und Richard David Precht sieht es so: Einheitslehrpläne verhinderten, dass Schülerinnen und Schüler eigene Stärken gut entdecken und ihre Begabungen entwickeln können. Er fordert ein interessengeleitetes Lernen – in Teams, die spielerisch miteinander konkurrieren. Sich selbst organisieren zu können, werde zunehmend wichtig. Das erfordere eine Persönlichkeit mit gut ausgeprägten Wertvorstellungen.

► Mehr dazu: Demokratische Schulen: Gebt den Kindern das Kommando!

Die Precht’sche Sicht teile ich zu 100% und sehe mit Freude, dass diese sich im Konzept "unserer" IGS wiederfindet.

Und was tut sich Gutes in der Schullandschaft?

Wem dient also Schule? Dem Menschen oder dem System? Ich habe mich auf die Suche nach weiteren Schul-Perlen gemacht und viele, erstaunliche Beispiele gefunden. Die Bosch-Stiftung zeichnet jedes Jahr Schulen aus, die sich nachweislich erfolgreich auf den Weg machen, ein Ort des Lernens und der Persönlichkeitsentwicklung zu sein.

Und die Initiative "Schule im Aufbruch" ist eine Bewegung von unten, die sich dafür einsetzt, dass jede Schule zu einem Lernort wird, an dem Schüler*innen ihre Talente entdecken und ihre Potenziale entfalten können. Bei aller Kritik am deutschen Schulsystem habe ich festgestellt: Es tut sich viel Gutes in der Schullandschaft.

Wer sich schlaulesen und -gucken möchte:

Richard David Precht und die Schule der Zukunft

Interessante Fallbeispiele für gute Schulen:

Die Klosterschule hat den Unterricht systematisch verbessert, sie geht konstruktiv mit der Vielfalt ihrer Schüler um und arbeitet an einer Feedback-Kultur bei der Leistungsbeurteilung. Deshalb bekommt sie nun den Deutschen Schulpreis verliehen. 

► Mehr Infos zur Klosterschule und zum Deutschen Schulpreis 2015

Vom Gymnasium zur Anne-Frank-Schule: "Am Gymnasium galt sie als Streberin. Aber gelernt hat die 14-Jährige mit der Zahnspange dort nicht viel. 'Wir mussten viel auswendig lernen, in drei Tagen 120 Vokabeln pauken.' Die hatte sie nach den Tests schnell wieder vergessen. Für Caro war das nichts. Sie will, wie sie sagt, 'den Dingen auf den Grund gehen.' Deshalb wollte Caro auch auf eine andere Schule wechseln, aber das war gar nicht so einfach. Ihre Noten waren zu gut. Also verweigerte Caro konsequent Leistung, versuchte Fünfen zu kassieren. 'Ich war so froh, als ich endlich auf die Anne-Frank-Schule gehen konnte.'"

► Mehr Infos zur Anne-Frank-Schule und zum Deutschen Schulpreis 2013

"Schule im Aufbruch" ist eine Initiative, die sich dafür einsetzt, dass jede Schule zu einem wirklichen Lernort wird. Die  "Bewegung von unten" steht Machern an Schulen mit Inspiration, Austausch und Wissen zur Seite.

► Mehr Infos zur Initiative "Schule im Aubruch"

Über die Autorin

Kolumne - Cornelia Lütge von oh famoos über das Schulsystem© Cornelia LütgeCornelia Lütge ist eine urbane Landratte. Gelebt hat sie in Weltstädten wie Hamburg und Los Angeles, gereist nach Südafrika, Australien, Canada und Mecklenburg-Vorpommern. Um nach 19 Umzügen auf dem platten Land vor den Toren Hamburgs mit Mann und zwei Töchtern anzukommen. Das ewige Fernweh bleibt: Namibia, China und Alaska stehen auf ihrer Reiseliste. Als Volkswirtschaftlerin hat sie wie zufällig zunächst in der Werbung und im internationalen Marketing Karriere gemacht, dann das Kostüm an den Nagel gehängt. Seit 10 Jahren widmet sie sich, menschen- und geschichtenverliebt, dem glücklicheren Arbeiten. Als Coach tobt sie damit ihren hoffnungsvollen Hang zum Weltverbessern aus. "Das Schreiben ist meine Schokolade im Job", sagt sie, "geschriebene Gedanken haben etwas Verbindliches. Hanseaten mögen das." Gastfreundschaft, Miteinander und Weltoffenheit setzte ihr Vater dem preussischen der Mutter entgegen. Ein scheinbar sprödes "Moin" und lange Tafeln finden wohl da ihren Ursprung. Bei aller Umtriebigkeit liebt sie den Rückzug. Dazu reitet und läuft sie (mit Musik in den Ohren) in der Marsch. Gerne öfter als bisher.

► Mehr Infos bei ohfamoos.com

Kolumne von Eltern für Eltern 

Im Wechsel schreiben Blogger und Journalisten über Themen, die Eltern bewegen. Lesen Sie hier Geschichten und Beispiele aus der wunderbar chaotischen Welt des Lernens und Lebens. Alle Kolumnen ansehen.

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