Schulschließung vs. Lernfortschritt – das sagen Lehrer

Die Schulschließungen beschäftigen momentan Eltern, Kinder und Lehrende – wie soll jetzt gelernt werden und was sind die Folgen von heterogenem Lernverhalten? Wir haben verschiedene LehrerInnen und Schulleitende gefragt.

Bücher und Notizen auf Schreibtisch
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Seit einer Woche sind in Deutschland und anderen Ländern die Schulen geschlossen – und das wird einige Wochen so bleiben. Ein Ausnahmezustand, wie ihn weder Eltern und Kinder, noch Lehrer und Schulleiter je erlebt haben. Viele Eltern fragen sich, was das für den Lernfortschritt der ihrer Kinder bedeutet.Wir haben Lehrer verschiedener Schulformen darauf angesprochen und wollten wissen, welche  Nachwirkungen die Schulschließungen auf Leistungsstände haben werden, wie Lehrer den Unterricht kompensieren und wie man seinen Kindern jetzt beim Lernen kann.

1. Wie wirken sich Schulschließungen und Quarantäne (mehrmals hintereinander möglich und in Kombination mit Schließung) auf die Lernfortschritte der einzelnen Kinder und langfristig gesehen auf die ganze Klasse aus?

Saskia Niechzial, liniert.kariert, Grundschule:

Das ist unser täglich Brot als Lehrkraft. Das Bild von einheitlich könnenden und einheitlich wissenden Kindern ist utopisch. In (Grund)schulen sitzt eine enorme Bandbreite an Kinderpersönlichkeiten. Es ist für uns nichts Neues, differenziert damit umzugehen.

Abgesehen davon ergeben sich weitere Unterschiede vor allem jetzt eigentlich nur genau dann, wenn vorausgesetzt wird, dass die Schüler*innen während der Schließzeiten allein und/oder mit Hilfe der Eltern neue Lerninhalte erarbeiten und voranbringen sollen. Denn dann sind die Kinder, deren Eltern sie nicht einfach unterstützen können (Sprachbarrieren, Wissensbarrieren, Weiterarbeit in systemrelevanten Berufen, Home-Office, viele Geschwister o.ä.) in einem extremen Nachtteil.

Dies ist im Sinne der in Deutschland ohnehin brüchigen Bildungsgerechtigkeit nicht zu verantworten. In Grundschulen würde ich mich also eher auf Wiederholung und Festigung bereits bekannter Inhalte fokussieren. Im besten Fall verschafft das leistungsschwächeren Kindern endlich mal etwas Luft sicherer zu werden, ohne dass sofort der nächste Lerninhalt folgt. So sieht es der Kultusminister in Niedersachsen übrigens auch.

Lehrerin, Realschule:

Im Falle einer oder sogar häufigeren Schulschließung, verbunden mit Quarantäne, wird der Unterrichtstoff über verschiedene digitale Medien vermittelt. Schwache Schüler sind da schwer zu motivieren, sich die Themen so zu erarbeiten, dass der Stoff sitzt, alleine erst recht nicht.

Gute Schüler schaffen das Aufgabenpensum in der Regel in kurzer Zeit, das Erlernte wird beherrscht, und müsste nicht einmal wiederholt werden. Das hat allerdings für uns Lehrer die Folge, dass bei einer Wiederöffnung der Schule, die Schere zwischen Stoff beherrschen bei guten Schülern und bestenfalls  den Stoff- abgeschrieben -haben (wenn überhaupt) bei schwachen Schülern, sehr weit auseinander klafft.

Wiederholt dann die Lehrkraft gezwungenermaßen den Stoff, langweilen sich gute Schüler, schwache Schüler werden sich schwer tun, die Themen so komprimiert zusammengefasst, aufzunehmen. Umso schwieriger wird das ganze, je länger die Schließungen dauerten. Da ist Unruhe im Klassenzimmer vorprogrammiert, weil sich die guten Schüler langweilen, wenn die anderen Themen wiederholen und aufarbeiten.

Lehrerin, Realschule:

Zum aktuellen Zeitpunkt lassen sich hier nur Vermutungen anstellen. Die Lernfortschritte differieren in den kommenden Monaten sicherlich bei den Schülern, d. h. ich kann als Lehrer nicht, wie üblich, davon ausgehen, dass die Kinder zum Zeitpunkt X einen bestimmten Lerninhalt beherrschen. Ziel wird es sein, dass am Ende des Schuljahres alle Schüler in der Klasse zumindest die Lerninhalte beherrschen, auf die im folgenden Schuljahr aufgebaut wird.

Leere SchuleDie Schulen bleiben vorerst geschlossen. | © Unsplash

2. Was passiert mit dem Unterricht, wenn die Schüler unterschiedliche Wissensstände haben?

Schulleiterin, Realschule, Bayern:

Während der Schulschließung bekommen zunächst alle Schüler dieselben Aufgaben zur Bearbeitung. Falls auf digitalem Wege auch die Rücksendung mit Kontrolle der Aufgaben und Korrektur möglich ist, dann können die Lehrkräfte auch differenzierte Aufgaben stellen.

In Bayern sind meine Lehrkräfte auch angewiesen auch telefonisch für die Schüler erreichbar zu sein (8-13 Uhr). In individuellen Telefongesprächen kann Unterrichtsstoff erklärt werden. Auch ist denkbar, dass Leistungsgruppen gebildet werden und dann Videokonferenzen stattfinden.

Lehrer, Gymnasium, Berlin:

Das ist ja sonst auch so, gute Lehrkräfte differenzieren.

3. Was können Lehrer tun um heterogene Lernfortschritte auszugleichen?

Saskia Niechzial, liniert.kariert, Grundschule:

In unseren Klassen sitzt das Kind mit Förderschwerpunkt im Bereich der geistigen Entwicklung neben dem hochbegabten Kind. Und wir müssen damit umgehen. Jeden Tag. Corona ändert daran erstmal nichts. Nur jetzt wird plötzlich klar, wie wenig unser Schulsystem als solches unterschiedliche Lernstände toleriert. Alle sollen möglichst zur gleichen Zeit alles können. Und wir strampeln uns ab, um das zu gewährleisten.

Wir differenzieren das Material. Arbeiten für alles unterschiedliche Niveaustufen aus. Hier noch eine Förderstunde. Da nochmal Extra-Übungen, damit zum Datum des Tests alle auf einem Stand sind. Ein nie zu erreichender Zustand.

Fakt ist aber, sollte diese Auszeit nun dazu führen, dass sich noch extreme Lernfortschritte manifestieren, dann ist jede Lehrkraft gefragt, wenn es wieder losgeht. Sollen dann die in die Röhre schauen, die keine Hilfe hatten?

Wir sind in einem Ausnahmezustand. Eine auf die Situation angepasste Kürzung des Lehrplans wäre zum Beispiel eine Möglichkeit. Oder für die verbleibenden Schulwochen einfach weniger Tests und die Noten stärker am täglichen Unterricht ausrichten. Wir müssen jetzt flexibel sein.

Schulleitern, Realschule, Bayern:

Unterschiedliche Aufgaben, individuelle Beschulung, Motivation, Aufgaben mehrmals zu lösen, Unterrichtseinheiten zum Wiederholen.

4. Welche digitalen Mittel nutzen Lehrer um den Unterrichts-Ausfall zu kompensieren?

Lehrerin, Realschule:

Unsere Schule besitzt einen schuleigenen Blog, der durch mehrere Passwörter geschützt ist und somit nicht öffentlich zugänglich ist. Jeder Schüler kann seine Klasse und das betreffende Fach aufrufen. Zur Zeit findet Unterricht nach Stundenplan statt. Dies bedeutet, die Lehrer stellen die Unterrichtsmaterialien nach Stundenplan auf den Blog und die Kinder bearbeiten dann am betreffenden Tag die jeweiligen Arbeitsaufträge. Für Nachfragen findet sich ein Kommentarfeld. Als Unterrichtsmaterialien können digitale Arbeitsblätter, Links etc. eingestellt werden. Von den Schülern bearbeitete Aufträge werden an die E-Mailadresse des Lehrers zurückgesendet.

Lehrer, Gymnasium, Berlin:

Wir nutzen google classroom. Es ist Neuland und wir probieren es aus. Dort können Aufgaben gestellt werden.

Saskia Niechzial, liniert.kariert, Grundschule:

Messengerdienste dürfen per Datenschutz-Erlass von Lehrkräften nicht für den schulischen Gebrauch genutzt werden. Viele schicken Wochenpläne mit Aufgaben, Arbeitsblättern und anderen Arbeitsaufträgen. Kommunikation läuft über Plattformen wie zum Beispiel mebis, iServ oder via E-Mail. Ich selbst schreibe meinen Kindern E-Mails, berichte von meinem Alltag, schicke Beschäftigungs- und Lernideen, die aber nicht direkt bewertungsrelevant für die nächsten Themen sind. Zum Beispiel sind motivierende Konzentrationsübungen sinnvoll.

Leerer Sportplatz © Unsplash

5. Wie können digitale Lernangebote (lernen von zu Hause aus) Lehrern und Schülern dabei helfen?

Saskia Niechzial, liniert.kariert, Grundschule:

Ich bin eine große Verfechterin vom Einsatz digitaler Medien in den Schulen. Die Grundschule wird dabei ja gern noch sehr vernachlässigt. Aber ich habe an unserer Schule den Einsatz von iPads vorangebracht. Das hilft jetzt sehr. An weiterführenden Schulen ist man da schon deutlich weiter und kann Kinder hier digital schon anders versorgen.

Lehrerin, Realschule:

Digitale Lernangebote können sehr sinnvoll sein, gerade wenn ein schwacher Schüler Nachholbedarf hat und nicht verstandenes aufarbeiten muss.

6. Bundeskanzlerin Merkel sagte, dass sich ca. 60%-70% der Deutschen mit dem Corona-Virus infizieren werden. Zusätzlich zur normalen Grippe. Das könnte mehr Vertretungsstunden und krankheitsbedingten Lehrermangel bedeuten. Wie bewerkstelligen Schulen das?

Saskia Niechzial, liniert.kariert, Grundschule:

Das kann man nur im Akutfall wirklich sagen. Ausfälle von Lehrkräften sind immer ein großes Problem. Auch jenseits von Corona. Weil einfach (zum Beispiel vor allem in Grundschulen) ein deutlicher Lehrkraftmangel herrscht.

Schulleiterin, Realschule, Bayern:

Vermehrten Unterricht fangen wir zunächst über Mehrarbeit der Lehrer auf. Der Fokus wird auf den Hauptfächern liegen. Nebenfächer müssen dann wegfallen oder werden in digitalen Lerneinheiten vermittelt, dafür ist weniger Lehrereinsatz notwendig.

Lehrerin, Realschule:

Tritt Frau Merkels Befürchtung ein, und es gibt viele Vertretungen und reichlich Lehrerausfall, muss meiner Meinung nach dafür gesorgt werden, dass primär der Stoff in den Prüfungsfächern und Hauptfächern unterrichtet wird. Auch wenn das auf Kosten der Nebenfächer geht, die Schüler müssen auf Prüfungsniveau gebracht werden.

7. Was bedeutet das für die Endjahreszeugnisse – der Lehrplan ist ja straff?

Saskia Niechzial, liniert.kariert, Grundschule:

Das ist er. Leider. Und in meinen Augen viel zu straff. Ich denke, uns wird nichts anderes übrig bleiben, als anzuerkennen, dass in diesem Schuljahr manche Inhalte vielleicht in den Hintergrund rücken. Dazu muss sich jede Schule die Zeit nehmen, zu schauen, was ist wirklich wichtig und was kann einfach mal entfallen.

Schulleiterin, Realschule, Bayern:

Falls es sich nicht um die Abschlussklasse handelt, lassen sich die Anzahl der erforderlichen Noten auch etwas reduzieren, auch der Unterrichtsstoff, der in der Schule vermittelt wird, muss auf digitalem Weg zu den Schülern kommen.

Lehrerin, Realschule:

Die Jahreszeugnisse werden dieses Jahr bestimmt anders gestaltet werden müssen, nicht in jedem Fach ist das Jahrespensum zu schaffen. Auch hier finde ich, dass Nebenfächer eben etwas zurückstehen müssen, stofflich und auch in der Anzahl der einzubringenden schriftlichen Leistungsnachweise.

8. Wie schätzen Sie den Nutzen fundierter, digitaler Lernangebote für zu Hause?

Schulleiterin, Realschule, Bayern:

Fundierte digitale Lernangebote (am besten von den eigenen Lehrkräften) wären ideal und genial.

Saskia Niechzial, liniert.kariert, Grundschule:

Der Motivationsfaktor ist hoch. Und sie bieten individuelles Üben. Daher können didaktisch gut aufbereite Lernangebote gewinnbringend sein.

Lehrerin, Realschule:

Fundierte digitale Lernangebote können für lernschwache Schüle eine gute Möglichkeit sein, außerhalb des Unterrichts Lernstoff zu vertiefen, aufzuholen, oder zu wiederholen. Für Lehrkräfte könnten diese Lernangebote erleichternd sein, statt Themen mit Schülern im Unterricht wiederholen zu müssen, könnten bestimmte Themen als Hausaufgabe mithilfe dieser Medien erarbeitet werden.

Motivationsschild zum Lernen© Unsplash

9. Wie erreicht man trotz Corona-Frei die Lernziele für das Schuljahr?

Lehrerin, Realschule:

Meine Meinung ist, dass ich verstärkt Prioritäten bei den Lernzielen setzen muss. Die Lerninhalte, welche im nächsten Jahr Grundwissen sind oder auf die aufgebaut werden, müssen gesichert sein. Man sollte allerdings auch beachten, dass wir z. B. im Fach Deutsch (bspw. 6. Klasse) von insgesamt 15 Stunden Unterricht sprechen. Es gibt ausreichend Themen im Lernplan, welche selbst junge Schüler selbst erarbeiteten können. Darüber hinaus lassen sich in dieser Zeit auch prima Projektarbeiten oder Portfolioarbeiten umsetzen.

Lehrerin, Realschule:

Meiner Meinung nach kann man in einigen Fächern den Jahresstoff  deutlich reduzieren, oder über Referate, von Schülern ausgearbeitet und vorgestellt, vielleicht auch als mündliche Note bewertet, abdecken.  Zudem müssen Hauptfächer einfach Priorität haben, dieses Wissen brauchen die Schüler oft grundlegend in fortführenden Schulen bzw. Berufen.

Schulleiterin, Realschule, Bayern:

Mit gewissen Abstrichen (3 Wochen sind kein Problem, sofern nicht Ferien, sondern geführter digitaler Unterricht) werden die Lernziele wahrscheinlich trotzdem erreicht.

Saskia Niechzial, liniert.kariert, Grundschule:

Schwer zu sagen. Aber pragmatisch gesehen vermutlich gar nicht. Also jedenfalls nicht in Gänze. Ich denke, uns wird nichts anderes übrig bleiben, als anzuerkennen, dass in diesem Schuljahr manche Inhalte vielleicht in den Hintergrund rücken. Dazu muss sich jede Schule die Zeit nehmen, zu schauen, was wirklich wichtig ist und was einfach mal entfallen kann. Ich habe große Angst davor, dass, wenn die Schule wieder startet, mit hohem Druck der Erreichung der Lernziele nachgegangen wird. Zu Kosten der Schüler*innen.

10. Welche Tipps haben Sie als Lehrer für Eltern mit Kids in Schulschließung/Quarantäne?

Lehrerin, Realschule:

Eltern sollten mit ihren Kindern einen Tagesablauf festlegen. Sollte kein digitaler Unterricht nach Stundenplan, bei dem die Kinder die Arbeitsaufträge systematisch abarbeiten können, stattfinden oder kein Wochenplan vom Lehrer vorgegeben werden, so ist es hilfreich, wenn die Eltern Lernpläne mit den Kindern erstellen. Wichtig ist, dass die Schüler Struktur erhalten und systematisch die Arbeitsaufträge bearbeiten können.

Saskia Niechzial, liniert.kariert, Grundschule:

Überfordert euch und eure Kinder nicht. Die Situation ist schwierig und neu für uns alle. Viele Eltern müssen jetzt alles unter einem Dach managen. Die Beschulung der Kinder, ihren Job im Home-Office, Haushalt und so weiter. Ich finde, hier sollte entlastet werden und den Eltern und Kindern nicht zu viel zugemutet werden.

Das Lesen eines Buches und das Bearbeiten kreativer Aufgaben kann eine schöne Möglichkeit des häuslichen Deutschunterrichtes sein. Löwenzahnfilme geben Ideen für eigene Projekte im Bereich des häuslichen Sachunterrichts. Darüber hinaus kann man sich mit seinen Mitschüler*innen Briefe schreiben. Oder E-Mails.

Schulleiterin, Realschule, Bayern:

Homeoffice fest strukturieren: feste Arbeitszeiten am Vormittag, Wiederholungzeiten festlegen und einfordern, Zeit für Ängste der Kinder nehmen (individuell), echtes Interesse am Selbststudium der Kinder (Eltern müssen keine Hauslehrer werden), sollte es nicht klappen mit den digitalen Medien, Kontakt mit der Schule, mit den Lehrkräften aufnehmen, und zwar sehr schnell, nicht erst nach 2 Wochen.

Lehrerin, Realschule:

Corona-frei setzen viele gleich mit unterrichtsfrei, vor allem Schüler. Eltern sollten ihren Kindern ideale Bedingungen für das Arbeiten von zuhause aus ermöglichen. Was kann dabei helfen:

  • Arbeiten verteilen, auf vormittag und nachmittag, oder nur vormittags, dafür unterbrochen mit festen Pausen. 
  • Zeitliche Grenzen setzen, dann sind Schüler gezwungen, die Zeit gut zu nutzen, und zielgerichtet zu arbeiten.
  • Ablenkungen verhindern, die Schüler sollen konzentriert arbeiten können.
  • Zeitplan bzw. Stundenplan erstellen.

 

Louisa Eberhard - Autorin bei scoyoLouisa Eberhard lebt in Hamburg und studiert Sozialwissenschaften. Sie beschäftigt sich vorrangig mit den Themen Erziehung, Bildungswesen und Familienalltag.

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