Projekt Kinderuni - Schüler testen das Universitätsleben

Immatrikulation, Vorlesung, Mensaessen – Acht- bis Zwölfjährige werden zu Studenten, wenn Universitäten einen Tag lang ihre Hörsäle nur für Kinder öffnen. Ein Interview mit Ilka Siegmund, Projektleiterin der Kinderuni Ilmenau.

Schule: Projekt Kinderuni - Schüler testen das Universitätsleben Beim Projekt Kinderuni erleben Schulkinder das Universitätsgeschehen ganz nah | © Kinderuni IlmenauFür Grund- und Mittelstufenschüler ist die Universität noch weit entfernt. Anders ist das beim Projekt Kinderuni, bei dem Schulkinder das Universitätsgeschehen einmal ganz nah erleben dürfen. Das Projekt wurde 2002 erstmals von der Universität Tübingen angeboten. Mittlerweile nehmen über 70 Universitäten und Hochschulen teil.

Ein Tag an der Kinderuni Ilmenau

Die Technische Universität Ilmenau ist in diesem Jahr zum zehnten Mal dabei. Zwischen dem 5. und 21. November 2014 veranstalten dort Professoren und freiwillige Helfer ein buntes Programm nur für Nachwuchsstudenten. Die Anmeldephase für das Jahr 2014 ist leider vorbei, für 2015 stehen jedoch alle Türen offen.

Wenn der große Tag gekommen ist, strömen etwa 600 neugierige Acht- bis Zwölfjährige in die TU. Ein richtiger Studentenausweis verschafft dem jungen Besuch Zugang zum ganzen Campus. Dort bieten Studenten Führungen durch Labore und Studios an. Unter dem Motto „Ilmenau macht Kinder schlau“ halten Professoren Vorlesungen über Technik, Wirtschaft und Medien. Verschiedene Arbeitsgruppen veranstalten spannende Projekte, bei denen die Kinder mitmachen, ausprobieren und selber forschen können. Mittagessen gibt es, wie es sich für richtige Studenten gehört, in der Mensa der Universität.

Interview Projektleiterin Ilka Siegmund

Ilka Siegmund ist die Projektleiterin der TU Ilmenau. Im Interview mit scoyo berichtet sie über ihre Erfahrungen mit der Kinderuni und erklärt, warum ein Tag an der Universität für Schulkinder nützlich sein kann.

scoyo: Was für ein Gedanke steckt hinter dem Projekt Kinderuni? Welchen Nutzen hat das für die Kinder?

Ilka Siegmund: Vordergründig möchten wir den Kindern ein interessantes Erlebnis bieten, an dem sie sich erfreuen können. In einer spannenden Umgebung eröffnen wir den Kindern außerdem einen völlig neuen Zugang zum Lernen. Gleichzeitig können sie auf diese Weise bereits in jungen Jahren in das Leben an einer Universität hinein-schnuppern. Wir möchten mit der Kinderuni gern unseren Teil dazu beitragen, den wissenschaftlichen Nachwuchs bereits früh zu fördern.

scoyo: Wie sieht so eine Vorlesung für Kinder aus? Wie werden die Kinder motiviert, zuzuhören?

Ilka Siegmund: Die Vorlesungen werden von echten Universitätsprofessoren mit Unterstützung des Kinderuni-Teams erstellt, sodass sichergestellt werden kann, dass die Vorlesungen kindgerecht aufbereitet werden. Die Inhalte werden auf das Alter unserer kleinen Studenten abgestimmt, sodass weder Langeweile noch Unverständnis aufkommt. Wir legen außerdem großen Wert darauf, dass die Themen die Kinder ansprechen (Programmieren mit Minecraft, Umweltschutz, Spracherkennung bei Smartphones) und die Vorlesungen sehr interaktiv gestaltet werden. In den vergangenen Jahren zeigte sich, dass die Kinder sehr gern mitarbeiten, und so ist es Tradition geworden, sie mit Fragen und Spielen aktiv an der Vorlesung teilhaben zu lassen.

scoyo: Fällt es den Professoren schwer, eine Vorlesung für Kinder zu gestalten, wo sie doch normalerweise Studenten unterrichten?

Ilka Siegmund: Viele Professoren unterstützen das Projekt schon viele Jahre lang immer wieder mit spannenden und kindgerechten Vorlesungen. Natürlich gab es anfangs Bedenken, dass man die Zielgruppe schwer erreichen könnte. Eine völlig neue Herangehensweise musste her und die Professoren mussten ihren Vorlesungsstil an das neue Publikum anpassen. Inzwischen haben viele Professoren aber festgestellt, dass es Spaß macht, Kinder zu unterrichten, da sie aufgeschlossen und stets interessiert bei der Sache sind. Kinder lassen sich faszinieren und begeistern und das wiederum begeistert unsere Professoren an der Kinderuni.

scoyo: Ist es überhaupt möglich, durch „spezielle Kindervorlesungen“ das richtige Bild vom „Uni-Leben“ aufzuzeigen?

Ilka Siegmund: Wir wollen den Kindern mit unserer Veranstaltung einen Einblick in das Universitätsleben geben, müssen aber dennoch beachten, dass Kinder anders lernen, als es junge Erwachsene tun. Daher ist es natürlich unabdingbar, Vorlesungen zu konzipieren, die speziell an Kinder gerichtet sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass unsere Vorlesungen nicht trotzdem einen wahrheitsgemäßen Einblick bieten: Die Kinder bekommen Themen vermittelt, mit denen auch unsere Studierenden im Laufe ihres Studiums konfrontiert werden.

Hinzu kommt, dass wir einen kompletten Uni-Tag anbieten. Das heißt, neben den Vorlesungen gibt es einen Mensabesuch und vor allem umfangreiche Campusführungen. Hier können die Kinder in die Bibliothek oder in Forschungslabore, aber auch in die Studentenclubs.

Warum sollten Kinder in diesem Alter schon einen Einblick in den Studienalltag bekommen? Reicht es nicht, einen Schritt nach dem anderen zu gehen und erst einmal den Übergang auf die weiterführende Schule im Blick zu haben?

Ilka Siegmund: Unser Ziel ist nicht in erster Linie das „Anwerben“ zukünftiger Studenten. Die Kinder sollen bei uns die Möglichkeit bekommen, in einer völlig neuen Lernumgebung den Spaß am Forschen und Lernen zu entdecken. Wir möchten ihnen Denkanstöße mit auf den Weg geben und sie für Themen wie Technik und Naturwissenschaft begeistern. Zudem haben die Kinder hier die Möglichkeit, einmal eine Universität von innen zu sehen.

scoyo: Viele wissen nach dem Abitur nicht, was sie machen sollen. Warum fokussiert sich die Kinderuni auf das Alter von 8 bis 12 Jahren? Sind die Erinnerungen an die Kinderuni nach 6 bis 10 Jahren, wenn das Abitur gemacht wird, nicht verblasst?

Ilka Siegmund: Die Kinderuni möchte Kinder bereits in frühen Jahren an Themen wie Technik, Wirtschaft, Naturwissenschaft und den richtigen Umgang mit Medien heranführen. Die Neugier und die Motivation zu lernen und zu forschen sollen geweckt werden. Gerade in der 4. Klasse, also mit 9 oder 10 Jahren, fällt zum Beispiel die Entscheidung, welche Schulform man weiter belegen will. Gerade vor der „Null-Bock-Phase“ ab 13 oder 14 Jahren kann man noch Eindrücke schaffen, die länger halten.

scoyo: Melden sich die Kinder freiwillig an oder sind es eher die Eltern, die möchten, dass ihre Kinder teilnehmen?

Ilka Siegmund: Durch die „modernen“ und faszinierenden Themen sind es unserer Erfahrung nach meist die Kinder selbst, die die Kinderuni Ilmenau besuchen möchten. Viele Kinder sind sehr aufgeschlossen und möchten gern neue Dinge erkunden. Viele Schulen nehmen regelmäßig mit Schulklassen an der Kinderuni teil, da die Kinder das Erlebnis im Nachhinein meist sehr loben.

scoyo: Was erhoffen Sie sich persönlich von dem Projekt?

Ilka Siegmund: Zuerst einmal erhoffe ich mir viele leuchtende und staunende Kinderaugen. Dann ist wichtig, dass alles jeden Tag reibungslos abläuft, denn mit täglich mehr als 600 Kindern ist die Verantwortung sehr groß. Und wenn am Ende viele sagen, an einer Universität möchte ich auch später studieren, dann haben wir einiges erreicht.

An der Kinderuni Ilmenau teilnehmen

Die Kinderuni Ilmenau findet im November statt, die Anmeldephase ist leider schon abgeschlossen. Doch 2015 gibt‘s die nächste Gelegenheit. Mitmachen dürfen alle im Alter zwischen acht und zwölf Jahren, entweder mit ihrer Schulklasse, mit ihren Eltern oder allein. Dafür meldet man sich einfach per E-Mail oder telefonisch für seinen Wunschtermin an. An welchem Tag welches Programm stattfindet, kann man vorab im Internet einsehen. Die Teilnahme für Kinder und ihre Begleitpersonen ist übrigens kostenlos. Für den kleinen Hunger ist es trotzdem sinnvoll ein kleines Taschengeld dabei zu haben, damit man sich in der Mensa mit einem Snack versorgen kann.

Kinderuniversitäten in ganz Deutschland

Wie genau das Projekt Kinderuni umgesetzt wird, ist von den einzelnen Universitäten und Hochschulen abhängig. Zum Beispiel findet in Rostock einmal im Monat eine Vorlesung für Kinder statt. Die Universität Stendal veranstaltet jeden Samstag Vorlesungen ausschließlich für Schüler. In Darmstadt gibt es Workshops für Nachwuchsstudenten, die sogar mehrere Termine umfassen. Alle Informationen dazu, welche Kinderuni was, wie und wann anbietet, finden Sie hier.

Sie sind von dem Projekt Kinderuni begeistert?

Dann melden Sie sich gemeinsam mit Ihrem Kind an oder erzählen Sie der Schule Ihres Kindes von diesem Projekt.

Alle Infos zur Kinderuni Ilmenau gibt es hier! Auch scoyo unterstützt das Projekt mit einer Spende.

Falls es Ihnen gar nicht schnell genug gehen kann: Im Folgenden haben wir Kinderunis aufgelistet, die auch 2014 noch Veranstaltungen mit freien Plätzen anbieten:

Kinderuni Dortmund

Kinderuni Göttingen

Kinderuni Hannover

Kinderuni Kiel

Kinderuni Magdeburg

Kinderuni München

Kinderuni Münster

Kinderuni Landau

Kinderuni Ludwigshafen am Rhein

Kinderuni Rostock  

Kinderuni Stendal

Kinderuni Keplerstadt

Kinderuni Weimar

Kinderuni Wismar

Kinderuni Darmstadt (Januar 2015)

Kinderuni Bonn (Januar 2015)

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