Ein Tag am Meer – sieben pädagogisch wertvolle Aktivitäten für den Strand

Entwürdigend in die eiskalte Nordsee schreiten oder Tobsuchtsanfälle beim Strandmuschelabbau bewältigen: Unser Kolumnist Christian Hanne hat 7 Ideen für pädagogisch äußerst wertvolle Strandaktivitäten mit Kindern.

Ratgeber: Kolumne: Ein Tag am Meer - Sieben pädagogisch wertvolle Aktivitäten für den Strand
Kein Strandurlaub ohne einen aufblasbaren Flamingo, so viel ist klar | © ome3/Unsplash.com

In meiner letzten Kolumne an dieser Stelle kam ich zu dem Schluss, dass der beste Familienurlaub der ist, wenn die Kinder im Zeltlager sind, während Sie sich als Eltern am Strand oder am Pool entspannen. Das war selbstverständlich nur ein Spaß. Natürlich gibt es nichts Schöneres und Aufregenderes, als mit der ganzen Familie zusammen Urlaub zu machen. (Zumindest so lange Sie die Möglichkeit haben, den Kindern morgens Valium ins Müsli zu mischen und sich selbst ein paar rezeptfreie Aufheller einzuwerfen.)

Damit Ihnen und Ihren Kindern im Familienurlaub nicht irgendwann langweilig wird, was für Harmonie und Erholung eher schädlich ist, präsentiere ich Ihnen hier sieben Aktivitäten für einen phantastischen Tag am Meer. Die machen nicht nur eine Menge Spaß, sondern sind für Ihre Kinder auch pädagogisch sehr wertvoll.

1. Im Meer planschen

Wenn Sie mit der Familie den Strand erreicht und sich häuslich eingerichtet haben, wollen die Kinder ins Wasser gehen. Um ehrlich zu sein, wollen die Kinder schon ins Wasser gehen, während Sie sich noch am Strand häuslich einrichten, und werden Ihnen deswegen permanent die Ohren vollnölen.

„Ich will ins Wasser.“

„Gleich, wenn wir fertig sind.“

„Seid ihr jetzt fertig?“

„Noch ein paar Minütchen!“

„Wann gehen wir endlich ins Wasser?“

„Gleiheich!“ „Gehen wir jetzt ins Wasser?“

„SEI ENDLICH STILL ODER WIR FAHREN SOFORT WIEDER NACH HAUSE!!!“

Sind Sie dann endlich so weit, um ins Meer zu gehen, wird Ihr Kind vergnügt ins Wasser rennen und zwar egal, ob Sie Urlaub am Mittelmeer machen, wo die Wassertemperaturen bei fast 30 Grad liegen, oder an der Nordsee, wo das Meer gerne mal nur 15 Grad hat. Sie selbst werden dagegen im Tempo einer altersschwachen Schildkröte ins kühle Nass waten, sich Puls und Arme leicht benetzen, um sich an die Kälte zu gewöhnen, und bei jedem noch so kleinen Spritzer Wasser, den Sie abbekommen, ein Geschrei anstimmen, als würde Ihnen gerade der Blinddarm entnommen – ohne Narkose mit einem stumpfen Löffel von einem Metzger, der an der Abendschule ein paar Kurse in Allgemeiner Chirurgie belegt hat.

Für Sie ist dieses würdelose Schauspiel eher peinlich, aber für die Persönlichkeitsentwicklung Ihres Kindes ist es essenziell. Indem es lernt, dass es etwas besser kann als seine Eltern – außer Memory spielen – wird sein Selbstbewusstsein gestärkt. Da müssen Sie halt in Kauf nehmen, dass Sie sich am Strand bis auf die Knochen blamieren und für das nächste Jahr ein neues Urlaubsziel suchen müssen.

2. Sandburgen bauen

Ratgeber: Kolumne: Ein Tag am Meer - Sieben pädagogisch wertvolle Aktivitäten für den StrandWer braucht Neuschwanstein wenn es solch architektonisch wertvollen Gebäude gibt? | © fancycrave/Unsplash.comWas gibt es Schöneres im Urlaub, als gemeinsam mit den Kindern im Sand zu buddeln und riesige Burgen zu bauen. (Außer sich ein paar Piña Coladas, Mojitos und Caipirinha reinzupfeifen und die Sonne auf die Birne brutzeln zu lassen. Aber das ist keine sozial akzeptierte Freizeitbeschäftigung, wenn Sie mit minderjährigen Kindern im Urlaub sind.) Gemeinsam mit Ihren Kindern errichten Sie riesige Sandhaufen, graben Tunnel, bauen Türme, ziehen einen großen Graben und verzieren die Burg. Letzteres wird das Immunsystem Ihres Kindes stärken, sucht es als Dekoration nämlich Zigarettenstummel, Kronkorken und benutzte Taschentücher zusammen.

Außerdem ist das gemeinschaftliche Sandburgenbauen wichtig für die soziale Entwicklung Ihres Kindes. Es lernt, zu delegieren („Papa holt Wasser.) und zu motivieren („Mama muss schneller graben.“). Beides Fähigkeiten, die für eine spätere Karriere im gehobenen Management hilfreich sein werden.

3. Beach-Tennis spielen

Insbesondere wenn Ihr Kind viel Energie und einen großen Bewegungsdrang hat, können Sie mit ihm ab und an eine Runde Beach-Tennis spielen. Oder Pock-Pock, wie das Spiel bei uns genannt wurde, in Anlehnung an das Geräusch, das der Ball macht, wenn er mit der Holzkelle geschlagen wird. Wenn Ihr Kind allerdings motorisch und koordinativ einigermaßen normal entwickelt ist, spielen Sie eher Pock mit ihm, denn Kinder bis zum Alter von sechs bis sieben Jahren sind maximal einmal in der Lage, den Ball mit dem Schläger zu treffen. Das macht das Spiel auf den ersten Blick zwar etwas mühselig, aber es wirkt sich sehr positiv auf die Frustrationstoleranz Ihres Kindes aus, da es damit klarkommen muss, eine totale Null im Beach-Tennis zu sein. Für Sie selbst ist das Spiel ein sehr gutes Training für die Gesäß- und Oberschenkelmuskulatur – nicht, dass Sie es nötig hätten –, weil Sie sich immer wieder nach dem Ball bücken müssen. Ist Ihr Kind irgendwann des Beach-Tennis überdrüssig (oder zu mächtig), spielen Sie einfach eine Runde Federball, Indiaca oder Frisbee. Das ist für die Entwicklung der Frustrationstoleranz ebenso hilfreich.

4. Sandkuchen backen

Ratgeber: Kolumne: Ein Tag am Meer - Sieben pädagogisch wertvolle Aktivitäten für den StrandEin leckerer Sandkuchen. Einziger Trost bei diesem kargen Mahl: Dreck reinigt den Magen | © EME/pixabay.comWenn Ihre Oberschenkel vom Beach-Tennis richtig brennen und Sie sich kaum noch auf den Beinen halten können, sollten Sie es erstmal etwas ruhiger angehen. Backen Sie doch eine Runde Sandkuchen mit Ihrem Kind. Sie selbst werden das wahrscheinlich recht schnell langweilig finden, aber da kleine Kinder keinen Sinn für Monotonie haben, wird sich Ihr Nachwuchs stundenlang damit beschäftigen, kleine Küchlein aus Sand in industriellen Mengen zu produzieren.

Auch das Sandkuchenbacken ist pädagogisch sehr wertvoll. Zum Beispiel lernt Ihr Kind, konstruktiv zu kritisieren („Du kannst das nicht, Papa!“). Außerdem wird sein unternehmerischer Geist geweckt, indem Sie ihm einen Sandkuchen für 10.000 Luft-Euro abkaufen. Schließlich wird es einen kritischen Geist entwickeln, wenn Sie ihm vorspielen wollen, dass Sie den Sandkuchen aufessen (was Ihr Kind hervorragend für die inszenierte Social-Media-Welt stärkt).

„Nomnomnom, das ist aber lecker!“

„DU ISST DEN GAR NICHT WIRKLICH, MAMA!!!“

Danach wird Ihr Kind einen Tobsuchtsanfall bekommen und sich erst wieder beruhigen, wenn Sie tatsächlich einen der Sandkuchen verspeist haben. Dann wird es Zeit, etwas anderes mit Ihrem Kind zu unternehmen.

5. Strandgut sammeln

Ratgeber: Kolumne: Ein Tag am Meer - Sieben pädagogisch wertvolle Aktivitäten für den StrandFür Sie sind es Steine. Für Ihre Kinder sind es tausende unentdeckte Schätze, die alle mit nach Hause müssen! | © pixeldebris/Unsplash.comKinder sind bekanntlich Sucher und Sammler und da ist ein kleiner Strandspaziergang perfekt. Nur dürfen Sie das Ganze auf keinen Fall Strandspaziergang nennen, denn dann haben Kinder keinen Bock darauf. Wenn Sie aber sagen, dass Sie am Strand Golddublonen suchen wollen, sind Kinder sofort Feuer und Flamme. Sie werden aber nicht nur nach goldenen Münzen Ausschau halten, sondern auch Muscheln, Steine und alte Seeigel sammeln. Und zerquetschte Dosen, bunte Glasscherben, alte Plastikflaschen und einfach alles, was ihnen in die Augen kommt. Dabei lernt Ihr Kind eine weitere wichtige Sozialkompetenz: Das Abgeben.

„Papa, das schenk‘ ich dir.“ Mit diesen Worten überreicht es Ihnen den ganzen angehäuften Unrat, den Sie nach Hause tragen dürfen, wo Ihr Kind die Sachen dann zurückfordert. („Jetzt möchte ich wieder damit spielen.“) Möglicherweise war das Abgeben doch nur eine verkappte Form des Delegierens.

6. Strandmuschel abbauen

Das Ende des Strandtags bietet noch eine letzte wertvolle Aktivität für Ihr Kind: Das Abbauen der Strandmuschel. Sicherlich kennen Sie diese praktischen kleinen Zelte, die am Strand Schutz gegen Sonne und Wind bieten, und in die sich die Kinder gemütlich zurückziehen können, um zu lesen, etwas zu spielen oder ein wenig auszuruhen. (Also, für die drei Minuten am Tag, in denen sie nicht rumnölen, weil sie von Ihnen bespaßt werden wollen.)

Die modernen Strandmuscheln sind kinderleicht aufzubauen. Einfach aus der Tragetasche ziehen und – zack! – entfaltet sich die Dinger von alleine. Das Abbauen ist dagegen nicht ganz so einfach. Strandmuschel-Bedienungen werden weltweit von einer Gruppe dyslektischer Kinder aus einem thailändischem Fischerdorf getextet und danach mit Google Translator ins Isländische, dann ins Serbo-Kroatische, darauf in Suaheli und schließlich ins Deutsche übersetzt. Daher bieten Sie keinerlei Hilfe, wenn Sie Ihre Strandmuschel wieder zusammenfalten wollen. („Drehen Sie die Krone 3 und 4 zum inneren Teil des rechten Arms und lassen Sie den linken Arm los. Die Unterseite der Blätter rutschen oder benötigen Unterstützung.“)

Das Ganze ist auch nicht wirklich ein gemeinschaftliches Familienspiel, für Ihre Kinder aber dennoch sehr lehrreich. Beim Versuch, das Gestänge der Strandmuscheln in die vorhergesehene Richtung gegeneinander zu drehen, so dass ein kleines Bündel entsteht, das Sie in die Tragetasche stopfen können, werden Sie einen cholerischen Tobsuchtsanfall erleiden, gegen den Klaus Kinski wie ein friedfertiger und zurückhaltender Zeitgenosse wirkt. Dadurch erweitert Ihr Kind seinen Wortschatz ganz erheblich, was sich im neuen Schuljahr sicherlich positiv auf den obligatorischen „Mein schönstes Ferienerlebnis“-Aufsatz auswirkt.

7. Eis essen

Ratgeber: Kolumne: Ein Tag am Meer - Sieben pädagogisch wertvolle Aktivitäten für den StrandDas haben Sie sich verdient. Für den Beach Body ist es jetzt eh zu spät. Nächstes Jahr dann | © fancycrave/Unsplash.deAuf dem Heimweg sollten Sie dann der ganzen Familie ein großes Eis spendieren.
Das ist zwar keine lehrreiche Aktivität, aber lecker. Und Sie haben sich das nach dem Tag am Meer verdient!

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Über den Autor

Christian Hanne vom Blog Familienbetrieb Christian Hanne, Jahrgang 1975, ist im Westerwald aufgewachsen und hat als Kind zu viel von Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und ihren beiden Kindern in Berlin-Moabit. Auf seinem Blog „Familienbetrieb“, auf Twitter und Facebook schreibt er über den ganz normalen Alltagswahnsinn. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.

Im September ist sein Buch „Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“ im Seitenstraßenverlag erschienen. In zwölf gar nicht mal so kurzen Kurzgeschichten sinniert er darüber, wie Schwangerschaft, Marathongeburten und nachtaktive Babys eine moderne, gleichberechtigte Partnerschaft auf die Probe stellen.

 

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