Make das Amt der Elternvertreterin great again!

Viele würden eher eine wütende Kobra streicheln als ElternvertreterIn zu werden. scoyo-Kolumnist Christian Hanne verrät, warum es sehr schlau sein kann, diesen Job zu übernehmen. Der Schulabschluss des Kindes ist damit nämlich schon mal gesichert.

Ratgeber: Kolumne: Make das Amt der Elternvertreterin great again!
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In fast ganz Deutschland hat die Schule wieder angefangen, und wie Sie wissen, ist Schulanfangszeit Elternabendzeit. Schon normale Elternabende rangieren auf einer Beliebtheitsskala irgendwo zwischen „Sich einen rostigen Nagel ins Knie hämmern“ und „Ein Abend mit Donald Trump verbringen“. Aber der erste Elternabend im Schuljahr löst bei Eltern regelrechte Panik aus. Und das wegen eines einzigen Satzes. „Kommen wir nun zur Wahl der Elternvertreterinnen.“ (Anm.: Ich benutze in dieser Kolumne ausschließlich die weibliche Form, die Männer und alle anderen sind aber mitgemeint. Außer ich vergesse es und benutze die männliche Form. Dann sind die Frauen und alle anderen mitgemeint.)

Das ist der Moment, in dem alle Anwesenden mit starrem Blick ihre Schuhspitzen begutachten, penibel nicht vorhandene Fusseln von ihren Schultern entfernen und intensiv ihre Fingernägel betrachten. Spricht die Lehrerin sogar gezielt Eltern an, ob sie das Amt übernehmen möchten, werden die absurdesten Entschuldigungen vorgetragen. („Ich würde ja wirklich gerne, aber ich bin Antarktis-Forscherin und breche morgen zu einer zwölfmonatigen Expedition zum Südpol auf.“)

Vielleicht haben Sie sich ja auch schon selbst einmal mit einer fadenscheinigen Begründung vor der Elternvertreterinnen-Wahl gedrückt. Dann habe ich einen ganz verrückten Vorschlag: Übernehmen Sie doch einfach mal dieses Jahr das Amt der Elternvertreterin! Ja, Sie haben richtig gelesen, und nein, ich habe keinen Lack gesoffen. Ich meine das wirklich ernst. (So ernst, wie Sie das von mir kennen.) Schließlich ist die Arbeit der Elternvertreterinnen enorm wichtig für eine gute Zusammenarbeit von Lehrerinnen und Eltern, was schließlich auch den Kindern zugutekommt. Außerdem gibt es auch für Sie persönlich sechs sehr gute Gründe, warum Sie unbedingt Elternvertreterin werden sollten.

Pro-Elternvertreterin-Grund 1: Sie ernten Zuspruch und Liebe

Abgesehen von extrem masochistisch veranlagten Menschen lässt sich bekanntermaßen niemand freiwillig zur Elternvertreterin wählen. Daher wird Ihre Ankündigung, das Amt zu übernehmen, eine Reaktion hervorrufen, wie es seinerzeit Hans-Dietrich Genscher vermochte, als er vom Balkon der Prager Botschaft die berühmten Worte sprach: „Liebe Landsleute, wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Anreise …“ Und in den gleichen ekstatischen Jubel wie damals die des realen Sozialismus überdrüssigen DDR-Bürgerinnen werden die anderen Eltern ausbrechen. Ihre altruistische Bereitschaft, diesen Dienst für die Klassengemeinschaft zu übernehmen, durch die der Dalai Lama wie ein selbstsüchtiger Egoist wirkt, werden Sie in Sekundenschnelle zum beliebtesten Menschen der Erde. (Also, zumindest für die anwesenden Eltern.)

Insbesondere wenn Sie Versicherungsvertreterin, Finanzbeamtin oder Zahnärztin sind, können Sie sich durch die Wahl zur Elternvertreterin an dem für Sie seltenen Gefühl, gemocht zu werden, wärmen. Oder wenn Sie Kinder im Teenageralter haben, von denen Eltern ja nur wenig Zuneigung erfahren, können Sie sich ebenfalls über die Sympathiebekundungen der anderen Eltern freuen.

Pro-Elternvertreterin-Grund 2: Sie bekommen einen guten Draht zu den LehrerInnen

Ratgeber: Kolumne: Make das Amt der Elternvertreterin great again!Eine enge Beziehung zum Lehrer ist wertvoller als jeder Nachhilfeunterricht. | © rawpixel/ unsplash.comAls Elternvertreterin pflegen Sie einen engen Kontakt zur Klassenlehrkraft. Zum Beispiel, um einen Termin für einen Elternabend festzulegen, oder die Tagesordnung zu besprechen. Eine Mutter erzählte mir in diesem Zusammenhang einmal mit Leuchtem in den Augen: „Ich habe mich mit der Klassenlehrerin so gut verstanden, dass sie mir sogar ihre private Handynummer gegeben hat.“ Wenn Ihnen so etwas wichtig ist, lassen Sie sich zur Elternvertreterin wählen. (Wobei ich davon ausgehe, dass die Lehrerin damals der Mutter die Nummer eines Wegwerfhandys, wie Drogendealer sie benutzen, gegeben hat und es danach sofort entsorgt hat.)

Auch mit anderen LehrerInnen tauschen sich Elternvertreterinnen regelmäßig aus, zum Beispiel um kleinere Probleme mit anderen Eltern zu klären („Anna-Marias Eltern möchten, dass Sie ein Seminar in gewaltfreier Kommunikation besuchen, weil Sie ihrer Tochter eine 1- auf ihr Blumenbild gegeben haben.“). Wenn das alles gut funktioniert, bauen Sie ein belastbares und vertrauensvolles Verhältnis zum halben Kollegium auf.

Die guten Beziehungen, die Sie als Elternvertreterin zu allen LehrerInnen aufbauen, ist für die schulische Karriere Ihrer Kinder sehr förderlich. Vor allem wenn Ihre Brut stark versetzungsgefährdet ist. Denn keine Lehrerin mit auch nur einem Funken Verstand wird Ihr Kind sitzenbleiben lassen und das Risiko eingehen, dass im nächsten Jahr irgendeine Nervtröte Ihre Nachfolgerin wird und Sie pausenlos mit irgendwelchen Belanglosigkeiten belästigt.

Von daher: Werden Sie Elternvertreterin und der Schulabschluss Ihrer Kinder ist gebongt.

Pro-Elternvertreterin-Grund 3: Sie haben grenzenlose Macht

Es gibt so gut wie keine Position, die mit mehr Machtbefugnissen ausgestattet ist, als das Amt der Elternvertreterin. Okay, als Staatsführerin einer Atommacht haben Sie noch bisschen mehr Macht. (Aber allenfalls theoretisch, denn auch als britische Premierministerin oder amerikanische Präsidentin können Sie nicht einfach nach Lust und Laune mit Atomraketen rumballern, was insbesondere bei Nachbarschaftsstreitigkeiten sehr ärgerlich ist, weil Sie da nicht einfach das Haus nebenan in Schutt und Asche legen können.)

Aber zurück zu den Elternvertreterinnen. Hier gibt es nicht irgendeinen Checks-and-Balances-Unfug, der Sie an der Ausübung Ihrer Macht hindert. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit irgendeinem Spidermann-Gefasel von „Mit großer Macht kommt große Verantwortung.“ Sie werden doch nicht Elternvertreterin, um Ihre Machtbefugnisse durch so einen Kalenderspruch einschränken zu lassen.

Als Elternvertreterin sind Sie beispielsweise die Herrin der Agenda und können dafür sorgen, dass Themen mit erhöhtem Laberrisiko gar nicht erst auf die Tagesordnung kommen („Handynutzung auf der Klassenfahrt“). Oder indem Sie den Elternabend moderieren, können Sie lästige Fragen und Wortbeiträge einfach abwürgen. Und zum Schluss sagen Sie ganz flüssig und nachdrücklich: „Nun zum Punkt ‚Verschiedenes‘. Gibt es noch irgendetwas? Nein? Gut, dann machen wir Schluss für heute.“ Üben Sie das zuhause ein paar Mal, damit Sie zwischen den Fragen eine Pause von maximal einer tausendstel Sekunde machen, so dass niemand die Chance hat, irgendetwas vorzubringen.

Möglicherweise haben Sie Bedenken, dass bei so einem harten Regime die anderen Eltern irgendwann aufbegehren werden. Ich kann Ihnen versichern, dass diese das alles klaglos hinnehmen werden, aus unendlicher Dankbarkeit, das Amt der Elternvertreterin nicht selbst ausüben zu müssen.

Pro-Elternvertreterin-Grund 4: Sie müssen nichts selbst machen

Vielleicht haben Sie Angst vor der vielen Arbeit, die als Elternvertreterin auf Sie zukommt. Weihnachten ein Geschenk für die Klassenlehrerin besorgen und eine Karte schreiben, Geld für die Klassenkasse einsammeln, achtzehn Kuchen für das Sommerfest backen, weil sich nicht genügend Freiwillige gemeldet haben, und zum Ende des Schuljahres Blumen für die Lehrerin organisieren.

Aber das alles müssen Sie sich gar nicht aufhalsen. Im Gegenteil: Wenn Sie sich geschickt anstellen, werden Sie viel weniger machen müssen als die anderen Eltern. Sie müssen nur delegieren!

Unter den Eltern gibt es bestimmt eine Mutter mit einem DYI-Etsy-Shop, die Sie für das Weihnachtsgeschenk einspannen können, die Hobby-Haiku-Dichterin aus der Elternschaft lassen Sie die Weihnachtskarte verfassen, die Verwaltung der Klassenkasse übertragen Sie einer Bankangestellten unter den Eltern (vorzugsweise mit einem schwarzen Gurt in Karate, um mit Nachdruck an offene Beträge zu erinnern) und die Organisation des Kuchenbuffets für das Sommerfest drücken Sie der Mutter mit dem Backblog auf, die sich darüber sogar freut, weil sie dadurch die Blogbeiträge für das nächste halbe Jahr zusammenhat.

Sie sehen also, dass keine Arbeit an Ihnen hängen bleiben muss und Sie als Elternvertreterin weniger zu tun haben werden, als eine Führungskraft im mittleren Management, die alles wegdelegiert und nur noch damit beschäftigt ist, sich über ihre viele Arbeit zu beklagen. (Das müssen Sie selbstverständlich auch tun, damit niemand den Eindruck bekommt, das Amt der Elternvertreterin sei ein Zuckerschlecken.)

Pro-Elternvertreterin-Grund 5: Sie sammeln Karmapunkte

Ratgeber: Kolumne: Make das Amt der Elternvertreterin great again!Die gute Nachricht: Sie werden erstmal nichts mehr teilen müssen, um Karmapunkte zu sammeln. | © Stephanie Pombo/ pexels.comAls Elternvertreterin werden Sie nicht nur geliebt, verhindern das Sitzenbleiben Ihrer Kinder, können Macht ausüben und haben keine Arbeit, sondern Sie können auch noch etwas für Ihr Karmakonto tun. Vielleicht haben Sie in Ihrer Vergangenheit etwas Verwerfliches getan – zum Beispiel heimlich Schokolade aus dem Süßigkeitenschrank der Oma genascht – und befürchten, dafür im nächsten Leben als Schmeißfliege wiedergeboren zu werden.

In diesem Fall gibt es nichts Besseres für Sie, als Elternvertreterin zu werden. Da niemand diese Aufgabe übernehmen will, tun Sie Ihren Mitmenschen durch Ihre Wahl so viel Gutes, so oft können Sie älteren Seniorinnen gar nicht über die Straße helfen, um auf die gleiche Menge an Karmapunkten zu kommen.

Somit können Sie als Elternvertreterin ausschließen, nach Ihrem Tod als Schmeißfliege zurückzukehren. Oder haben Sie schon einmal eine Schmeißfliege getroffen, die früher mal Elternvertreterin war? Nein? Na, da sehen Sie.

Pro-Elternvertreterin-Grund 6: Einmal und nie wieder

Der überzeugendste Grund, sich zur Elternvertreterin wählen zu lassen, ist der, dass Sie dann ein stichhaltiges Argument haben, dass Sie die Aufgabe nicht wieder übernehmen müssen. Wenn nächstes Schuljahr wieder die Wahlen anstehen, können Sie erklären, Sie hätten aufgrund neuer beruflicher Herausforderungen sehr viel zu tun (Stichwort „Nordpol-Expedition“) und müssten daher das Amt leider, leider aufgeben. Aber Sie hätten das ja jetzt ein Jahr lang gemacht, da seien nun mal andere an der Reihe. Dem können die anderen Eltern kaum widersprechen.

Übrigens ist das Argument „Ich habe das schon gemacht, jetzt sind die anderen mal dran.“ auf Jahre und selbst bei Klassen- und Schulwechseln anwendbar. Falls Sie an der neuen Schule niemand kennt, können Sie natürlich auch einfach behaupten, jahrelang Elternvertreterin gewesen zu sein, obwohl Sie sich tatsächlich immer weggeduckt haben. Das erhöht dann allerdings die Wahrscheinlichkeit, im nächsten Leben eine Existenz als Schmeißfliege fristen zu müssen.

Vielleicht müssen Sie aber auch gar nicht Ihre Wiederwahl ablehnen. Wenn Sie ein besonders strenges Regime als Elternvertreterin geführt haben, findet sich bestimmt eine Freiwillige, die Ihre Nachfolge antreten will. Zum Beispiel wenn Sie die Verwaltung der Klassenkasse nicht an eine diplomierte Betriebswirtin delegiert haben, sondern Moskau Inkasso für Sie offene Beiträge eingetrieben hat. Ich garantiere Ihnen, dass im nächsten Schuljahr dann niemand auf die Idee kommt, Sie zur Wiederwahl vorzuschlagen.

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Sie sehen, es gibt sehr viele gute Gründe, sich zur Elternvertreterin wählen zu lassen. Wenn also demnächst beim Elternabend die Frage kommt „Möchte jemand Elternvertreterin werden?“, dann rufen Sie voller Begeisterung „Ja, ich will!“. Und wenn Sie besonders enthusiastisch sind, haben Sie vielleicht Glück und irgendjemand im Raum denkt, „Was stimmt mit der denn nicht“ und stellt sich selbst zur Wahl, um zu verhindern, dass irgendeine mental labile Soziopatin Elternvertreterin wird. Viel Glück!

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Über den Autor

Christian Hanne vom Blog Familienbetrieb Christian Hanne, Jahrgang 1975, ist im Westerwald aufgewachsen und hat als Kind zu viel von Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und ihren beiden Kindern in Berlin-Moabit. Auf seinem Blog „Familienbetrieb“, auf Twitter und Facebook schreibt er über den ganz normalen Alltagswahnsinn. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.

Im September ist sein Buch „Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“ im Seitenstraßenverlag erschienen. In zwölf gar nicht mal so kurzen Kurzgeschichten sinniert er darüber, wie Schwangerschaft, Marathongeburten und nachtaktive Babys eine moderne, gleichberechtigte Partnerschaft auf die Probe stellen.

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