Fresst das, ihr Dinos!

Die Diskussion darüber, ob Tablets schon in den Grundschulunterricht gehören, reißt nicht ab. Béa Beste hat da ihre ganz eigene Meinung und ist sich sicher: Die Digitalisierung ist hier überhaupt nicht das Problem.

13.04.2015, Kolumne "Die Elternflüsterer"

Liebe Eltern, lassen Sie uns erstmal gemeinsam schmunzeln über die Warnung meines Co-Elternflüsterers Christian Füller von letzter Woche (hier nachlesen: "Lernen mit Tablets: Hohe Wischkompetenz aber keine positiven Effekte fürs Lernen"). Sie müssen sowieso tapfer sein. Und Sie stehen ja eh immer zwischen den Fronten. Wie auch bei Ernährung, Schlaf, Nachhilfestunden, Empfehlungen für die weiterführende Schule, Klettern auf Bäume und drölfzig Millionen anderen Dingen, die Ihre Kinder betreffen. Es kommen immer irgendwelche Experten aus irgendwelchen Forschungslöchern heraus mit irgendwelchen apokalyptischen Warnungen, warum man Kinder genau vor den Dingen bewahren sollte, die am meisten angesagt sind. Und jetzt geht es um Tablets. Das macht mir gerade richtig Lust, den guten Christian zusammen mit seinen geliebten Dinos in Grund und Boden zu argumentieren. So richtig!

Die Digitalisierung ist nicht das Problem. Das Menschenbild ist es.

Aber mir geht es nicht um Tablets oder nicht, Technik oder nicht oder um die Digitalisierung als solche. Dies alles wird sich zunehmend in unserer Welt ausbreiten – ob die Dinos nun maulen, wiehern, grölen oder beleidigt schweigen. (Moment mal: Was taten die echten Dinos? Kurz mal googeln … Aha: Schreien. Zumindest der T-Rex.)

Was mich hier ärgert, ist die Haltung der Dinos zu Kindern. Diese Haltung geht ungefähr so:

  1. Kinder sind irgendwie depperte, unfertige Wesen, die die richtige Welt unmöglich erfassen können.
  2. Kindern steht der Sinn nach allem anderen als dem, was sie für eine gute Zukunft brauchen.
  3. Kinder sind per se faul und lernen nicht gern.
  4. … und wenn sie ein Gerät in die Hände bekommen, und sei es ein Mixer oder eine Bohrmaschine: Sie werden damit chatten und spielen! Nur nichts Vernünftiges anstellen.

Wenn ich diese Haltung heraushöre, liebe Eltern, könnte ich schreien wie der T-Rex. Weil sie diesen kleinen wunderbaren Menschen einfach nicht gerecht wird. Weil Kinder ab ihrem ersten Tag gern lernen, auf ihre Art. Durch „trial and error“. Weil sie durch Spielen und Ausprobieren die Welt erfassen, sich selbst und andere testen und weiterentwickeln. Und wenn die Erwachsenen diesen Trieb richtig aufgreifen, dann entwickeln die Kinder bislang ungeahnte Energien und nutzen Instrumente auf ihre Art, um … na richtig: zu lernen!

Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie digitales Lernen par excellence funktioniert.

Auf einer Bildungsreise habe ich eine Schule erlebt, die mit Sinn und Verstand digitales Lernen integriert: das Sydney Centre for Innovation in Learning, kurz SCIL. Durch ein umfassendes Lernprogramm und Methoden, die Kinder motivieren anstatt zu frustrieren, schafft diese Schule eine Atmosphäre der Freude am Lernen. Ich habe selten so viele Kinder in einem so großen Raum erlebt, die schlichtweg interessiert ihrer Neugier nachgehen. Kein Lärm, sondern Konzentration und Kommunikation. Dieses Bild bot sich mir dort nicht etwa in der Pause, sondern im Unterricht.

Lernen mit Tablets in der Schule: Sydney Centre for Innovation in Learning, kurz SCILSydney Centre for Innovation in Learning | © Béa Beste

Ein Beispiel: Warum sollen Kinder aus dem Unterricht heraus nicht Instant Messaging nutzen oder gar telefonieren? Ich habe dort erlebt, wie Schüler mitten in ihrer Arbeit entweder Familienmitglieder oder Spezialisten, die sie im Internet recherchiert haben, anskypen, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Zwölfjährige Knirpse, die am helllichten Vormittag mit Experten telefonierten, um bei ihren Projekten weiterzukommen: „Good morning, Mr. Soundso, wir haben Sie über Twitter angefragt, ob Sie uns Auskunft über das XYZ-Polymer geben können, das Sie erfunden haben, da brauchen wir noch etwas mehr Informationen …“ Wahrscheinlich genau so, wie Sie das in Ihrem Job auch machen, liebe Eltern.

Und ich habe selbst in dieser Schule erlebt, wie im Schulalltag für jedes Kind 30 Minuten Minecraft-Spielen eingeplant war – dazu ein 15-minütiges Debrief über Strategien und Gelerntes im Plenum der Jahrgangsgruppe. Ergänzend möchte ich hinzufügen, dass diese Schule kein Paradiesplatz außerhalb der Norm ist, sondern ein Bildungsort im Rahmen des australischen Nationalcurriculums, das jedes Jahr überdurchschnittliche Ergebnisse in den vorgeschriebenen Prüfungen erzielt.

Kann es sein, dass wir mehr von unseren Kindern lernen können als sie von uns?

Warum müssen wir davon ausgehen, dass Kinder immer automatisch auf alles Sinnlose draufspringen, das sich in einem Tablet befindet? Könnte es nicht eher sein, dass die Dinos einfach selbst so fossilisiert sind, dass sie gar nicht in der Lage sind, den Wert vieler Spiele, Apps und Chats überhaupt zu erfassen? Und dass sie Angst davor haben, sich mit den Kindern, diesen unbekannten Wesen, mal zusammen hinzusetzen und etwas von ihnen zu lernen? Da ist es doch viel leichter, den Kindern pauschal Unreife zu bescheinigen und das Thema so vom Tisch zu wischen – auf höchst kompetente Weise, versteht sich.

Eine Kolumne von scoyo-Elternflüsterer Béa Beste als Antwort auf die Zeilen von Christian Füller vom 6. April 2015: "Lernen mit Tablets: Hohe Wischkompetenz, aber keine positiven Effekt fürs Lernen"

Die Kolumne "Die Elternflüsterer"

Im Wechsel flüstern der Journalist Christian Füller und Bildungsunternehmerin Béa Beste den Eltern Geschichten und Beispiele aus der wunderbar chaotischen Welt des Lernens und Lebens ins Ohr. 

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Über Béa Beste

Béa Beste ist Die Elternflüsterin - Kolumne scoyo© Béa Beste

Béa Beste ist Bildungsunternehmerin und Mutter einer großen Tochter, die sich schon im Studium befindet. Im Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin plädierte Béa Beste als Expertin im Bereich „Wie wollen wir lernen?“ für eine Lernkultur der Potenzialentfaltung und mehr Heiterkeit in der Bildung. Béa gründete 2006 die bilingualen Phorms Schulen. Nach sechs Jahren als CEO ging sie 2011 auf Bildungsexpedition durch Indien, Australien, Indonesien und die USA. Inspiriert von internationalen Bildungsinnovationen entwickelte sie das Playducation Konzept: Was wäre, wenn sich Lernen wie Spielen anfühlt? Leider setzte sich das Produkt, die monatliche Tollabox mit Materialien und Ideen für Familien mit Kindern ab drei Jahren, nicht am Markt durch, sodass Béa derzeit neue Ideen entwickelt, um das Konzept digital umzusetzen. Sie führt den Kreativ-Blog der Tollabox als "Tollabea" weiter

Webseite: www.tollabea.de

Facebook: facebook.com/tollabea

Twitter: @TOLLABEA | twitter.com/TOLLABEA

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