Ferien = Lernpause! Oder doch nicht?

Der Sommer ist zum Freimachen und Faulenzen da, das hört man derzeit überall. Aber was ist an einer Lernwoche in den Ferien eigentlich auszusetzen? scoyo-Elternflüsterer Christian Füller geht dem auf den Grund.

Eltern-Ratgeber: Kolumne: Ferien=Lernpause! Oder doch nicht?
Lesen in den Ferien? Ja gerne! Aber sicher kein Schulbuch | © pexels

20.07.2015, Kolumne "Die Elternflüsterer" von Christian Füller

Sie überlegen, für Ihre Kinder etwas zum Lernen und Nacharbeiten mit in den Urlaub zu nehmen? Lassen Sie es sein! Machen Sie es wie ein Freund von mir, der gerade mit drei Jungs auf einem Bauernhof weilt, während Sie diese Zeilen lesen. Lassen Sie Schulbücher und Vokabelhefte zuhause!

Verzichten Sie am besten auch mal ein paar Tage auf Ihr Smartphone. Ihre Kinder brauchen jetzt keine Schulbücher, keine Formeln, Jahreszahlen oder Diktate, die brauchen Mama und/oder Papa. Und zwar die ganze Zeit: Auf die Berge klettern, Tiere füttern, Heu machen, in den See springen. Nix Pauken!

Halt! Sie wenden jetzt vielleicht ein, dass es nicht wenige Studien gibt, die uns Folgendes verraten:

  1. Sechs Wochen gar nichts für die Schule zu tun, das ist zwar prima für die Seele, kann jedoch leider auch schädlich sein – für die kognitiven Kompetenzen. Der Prozess des Vergessens nämlich setzt unaufhaltsam ein, und zwar schon ab der Sekunde, in der die Schultasche in die Ecke fliegt. Je länger die Ferien, desto größer sind die Lernverluste bei Ihren Lieblingen.
  2. Man kann dem leicht entgegenwirken, z. B. durch den Besuch einer Sommerschule. Jürgen Baumert und Petra Stanat, zwei sehr gute Pisa-Forscher, haben vor einiger Zeit einmal das Summer-Camp der Jacobs-Universität untersucht – und dabei herausgefunden: Die Schüler, die daran teilnahmen, lernten in drei Wochen Sommerschule so viel wie in einem halben Jahr „echter“ Schule. Ganz schön peinlich für die normale Schule und ihre Lernregime!

Aber was bedeutet das für uns Eltern?

Müssen wir jetzt etwa ohne unsere Kinder in den Urlaub fahren? Oder unsere Griechenland-Reise gleich ganz absagen – und den Nachwuchs zu den beiden ForscherInnen des Max-Planck-Instituts schicken? Nein, natürlich nicht!

Bevor die Pisa-Kritiker also wieder aufjaulen: Diese Zeilen sind kein Ratschlag zur Zwangsverschickung und kein Plädoyer dafür, auch noch die Ferien zu pädagogisieren. Aus dem Summer-Camp der Jacobs-Uni in Bremen können wir trotzdem viel lernen.

Wenn man die Kids in den Ferien nämlich nicht vollkommen wegdämmern lassen will, dann helfen diese einfachen Regeln:

  1. Begrenzen Sie das Lernen in den Ferien auf einen festen Zeitraum – und einen kurzen, zum Beispiel eine Woche. Der Rest ist absolut lernbefreite Zone!
  2. Lernen in den Ferien muss spannend sein und Spaß machen. Büffeln und eine Nachhilfe Marke „Friss oder Stirb“ gilt nicht. Das Summer-Camp der Pisa-Forscher, zum Beispiel, bestand vor allem aus Theaterspielen – es richtete sich an Zuwandererkinder, deren Zuwachs in Wortschatz und Grammatik untersucht werden sollte. Die Erfolge dieses Spaßprogramms waren enorm.
  3. Grundsätzlich gilt: Das Lernen in den Ferien sollten nicht Sie als Eltern besorgen. Geben Sie es in die vertrauten Hände von Profis – sei es der Experimentiernachmittag mit Museumspädagogen, die Vogelexpedition am Ferienort oder das Malen auf den Spuren von Expressionisten in einer Galerie. Versauen Sie sich und Ihren Kindern auf keinen Fall den Urlaub – indem Sie selbst den Studienrat spielen.

Eltern-Ratgeber: Kolumne: Ferien=Lernpause! Oder doch nicht?Marshmallows rösten über dem Lagerfeuer - vielleicht das schönste an langen Sommerabenden im Lerncamp | © pexelsUnd wer soll, bitteschön, jetzt in die Sommerschule gehen?

Auch hier bringt der Blick in die Studien zu Sommerschulen interessante Erkenntnisse. Knapp zusammengefasst:

  • Benachteiligte Kinder profitieren eher von Sprach-Schulen,
  • privilegierte eher von Matheclubs.
  • Am besten sollte man nur jene Schüler in Sommerschulen schicken, die das letzte Jahr ein bisschen wacklig waren – damit sie nicht gleich ins neue Schuljahr torkeln.

Oder wenn die Kids es wollen. Mein Freund, der grad in den Bergen unterwegs ist, hatte ein solches Erlebnis: Seine Söhne wollen beide in ein Summer-Camp fahren. Von sich aus. Sie sind richtig scharf drauf. Denn da geht’s nicht bloß ums Lernen. Die meisten Camps bieten ein ziemlich spannendes Rahmenprogramm an – den Jungs und Mädchen aus ganz Europa. Was man da alles lernen kann! 

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Über Christian Füller

Christian Füller ist neben Béa Beste der Elternflüsterer - Kolumne scoyo© Christian FüllerChristian Füller ist Journalist (u.a. FAS, Spiegel Online und Freitag) und Autor diverser Bücher über gute Schule und neues Lernen. Er hat sich dabei auch mit Eltern auseinandergesetzt. In „Ausweg Privatschulen“ (2010) gibt er Hinweise, welche private Schule sich lohnen könnte. In „Die Gute Schule“ (2009) analysiert er, warum Eltern so wahnsinnig wichtig fürs Lernen sind. Füller hat mit Jesper Juul über Eltern gestritten, die ihre Kinder immerzu nach ihrem Befinden befragen. Er hat bei Spiegel Online als ihr wichtigstes Prinzip „my kind first“ ausgemacht. Füller hat selbst zwei Kinder und hassliebt es immer noch, Elternvertreter zu sein.

Twitter: @ciffi | twitter.com/ciffi

Die Kolumne "Die Elternflüsterer"

Im Wechsel flüstern der Journalist Christian Füller und Bildungsunternehmerin Béa Beste den Eltern Geschichten und Beispiele aus der wunderbar chaotischen Welt des Lernens und Lebens ins Ohr. 

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