Hochsensibel: Mein Kind hat Superkräfte

Für hochsensible Kinder kann der Alltag in Kita und Schule sehr anstrengend sein. Mit der richtigen Unterstützung wird aus der ermüdenden Last aber eine Gabe, weiß Sylvia Sima, Mutter und Unternehmerin.

Kolumne: Hochsensibel: Mein Kind hat Superkräfte

Viele Menschen kämpfen im Frühling mit Heuschnupfen oder anderen Allergien. Bei meiner Tochter ist es die Wahrnehmung, die verrücktspielt – aber nicht nur im Frühling. Meine Tochter ist ein hochsensibles Kind – und damit ist sie nicht alleine. Laut Aron und Aron sind 15-20 Prozent der Bevölkerung hochsensibel. Hochsensible verarbeiten mehr von dem, was sie wahrnehmen. Denn anders als bei normalsensiblen Menschen gelangen mehr Reize ins Gehirn. Werden dann zu viele Reize wahrgenommen, führt dies zu einer Überbeanspruchung und in weiterer Folge zu Stress. (Hier finden Sie mehr zum Thema: Hochsensibilität – Was ist das überhaupt?)

Stressfaktor Hochsensibilität: Die Last der Superkräfte

Stresssituationen können ganz unterschiedlich sein: Meine Tochter hält z.B. das Zwitschern von Vögeln nur schlecht aus oder wird durch eine laute Umgebung mit vielen Stimmen, die durcheinandersprechen, überfordert. Aber auch wenn ein T-Shirt kratzt, wenn sie an Gruppenaktivitäten teilnehmen muss oder wenn sie in einer fremden Umgebung ist. Die Ausprägungen bei Hochsensibilität sind von Mensch zu Mensch verschieden und werden von persönlichen und sozialen Faktoren beeinflusst. Es gibt nicht DIE Hochsensibilität.

Hochsensible Kinder fallen nicht erst in der Schule auf, sondern schon im Kindergarten. Meine Tochter brauchte jeden Nachmittag nach dem Kindergarten eine Verschnaufpause, weil die Unruhe, der Lärm und die Eindrücke sie überforderten. Sie war erschöpft, blass und introvertiert. Und das nicht nur während der Eingewöhnung, sondern auch noch Monate später. Hochsensible Kinder nehmen jedes Geräusch, jeden Laut intensiver wahr.

Stress im Familienleben vermeiden

Hochsensible Kinder in der Schule

So ist es auch in der Schule: Oft wird sie wegen ihrer Andersartigkeit gehänselt, als Heulsuse bezeichnet und ausgelacht. Es kränkt sie, das weiß ich. Gerne zieht sie sich dann in ihr Schneckenhaus zurück, wird aber gleichzeitig impulsiver als sonst, unruhiger und kleinste Abweichungen vom Gewohnten führen zu Chaos und Wutausbrüchen. Zu Beginn kamen die Lehrer gar nicht auf die Idee, dass sie hochsensibel sein könnte – was auch daran liegt, dass ihr Verhalten schnell als "sozial noch nicht reif für die Schule" bis hin zu AD(H)S eingestuft wurde. Erst viele Gespräche und Aufklärungsarbeit führten dazu, dass meine Tochter ihren Platz in der Schule gefunden hat.

Die Lehrer haben nun  ihr großes Potential entdeckt und arbeiten ihre Stärke und ihre besondere Gabe heraus: Es wird immer hervorgehoben, wenn sie Kleinigkeiten und (zwischenmenschliche) Feinheiten wahrnimmt, die anderen entgangen sind. Oder wenn sie um Gerechtigkeit bemüht ist und sich für andere einsetzt. Ihre Vorsicht und Sorgfalt wird genauso geschätzt.

Meine Tipps: Was Hochsensiblen in der Schule hilft

Die Lehrer haben erkannt, dass sich meine Tochter in einem System befindet, das für ihre besonders intensive Art der Reizverarbeitung nicht gemacht ist und sie versuchen, ihr einen Raum zu geben, in dem sie sich entfalten kann. Sie darf so lernen, sich selbst mit ihrer Gabe anzunehmen und hat nicht das Gefühl, sich der Mehrheit anpassen zu müssen.

Was ihr in der Schule besonders hilft:

  • Empathische und feinfühlige Lehrer, die auf sie eingehen und sie annehmen
    • Im letzten Jahr entstand eine enge Bindung zu den Lehrern und sie hat sie als Bezugspersonen akzeptiert. Sie mag sie gerne. Und das ist bei ihr schon die halbe Miete.
  • Reizreduzierung und Entschleunigung
    • Eigenes Lerntempo, Wochenplanarbeit
    • Reizreduzierte Lernumgebung
    • Möglichkeit, mit Kopfhörern zu arbeiten, um sich gegen Lärm abzuschirmen
    • Wenn sie an einer Gruppenaktivität nicht mitmachen möchte, dann muss sie nicht und darf alleine arbeiten.
  • Individuelle Pausen und Ausgleich schaffen
    • Sie darf einfach den Raum verlassen und sich ein paar Minuten für sich nehmen, wenn es ihr zu viel wird.
    • Viel Bewegung
    • Viel Zeit für Kreativität
  • Auf unangenehme Situationen vorbereiten/Alternativen anbieten
    • An schwierige Situationen wird sie langsam herangeführt: Statt beim Referat vor der Klasse zu stehen, durfte sie im Morgenkreis reden.
    • Statt an einem Ausflug teilzunehmen, darf sie auch den Tag in der Nebenklasse verbringen.
    • Für die Klassenfahrt wurde mit ihr extra ein Gesprächstermin mit meiner Anwesenheit vereinbart und sie hat schon ganz genau erfahren, wie es dort aussieht, welche Aktivitäten geplant sind, was sie erwartet. So vorbereitet fuhr sie dann auch mit, während die anderen Kinder überrascht wurden.
  • Stärken unterstützen
    • Sie darf viel malen und zeichnen (und bekommt dafür Anerkennung).
    • In der Klasse wurde ihr die Rolle der Mentorin zugeteilt und sie unterstützt beim Streitschlichten.

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Tipps für den Alltag mit einem hochsensiblen Kind

Es sind aber nicht nur die Lehrer, die hochsensiblen Kinder helfen können, den Schulalltag zu meistern. Eltern können mit einem klar strukturierten Alltag und viel Raum für Erholung für mehr Ausgeglichenheit sorgen.

Meine Tipps für den Alltag mit einem hochsensiblen Kind:

  • Ein langsamer und strukturierter Lebensrhythmus hat sich bei uns bewährt.
    • Das Kind sollte morgens ausgeschlafen sein und ausgewogen frühstücken. ► 10 Tipps: Stress am Morgen vermeiden
    • Ruhige Farben: Sowohl an den Wänden, bei den Vorhängen, der Bettwäsche und der Kleidung
    • Rituale wie Phantasiereisen, Jahreszeitentische, kleine Gebete etc. tun gut und geben Struktur.
    • Eine ruhige und strukturierte (Lern-) Umgebung, die Platz für Kreativität und Detailgenauigkeit lässt – sowohl in der Schule, als auch zu Hause

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  • Freizeitstress am Nachmittag vermeiden
    • Nachmittags braucht das Kind genügend Zeit, um sich von der Schule zu erholen.
    • Vereinbaren Sie mit Ihrem Kind, dass es z.B. an zwei Nachmittagen in der Woche Freunde treffen kann – die anderen Nachmittage gehören der Familie!
    • Medienkonsum des Kindes reduzieren

                   ► Wieviel Medienzeit ist gesund?

  • Ausgleich schaffen
    • Finden Sie etwas, das Ihrem Kind Spaß macht und bei dem es glänzen kann – sein Alltag ist meist ohnehin von Kritik geprägt.
    • Malen: Früher besuchten wir eine Kreativwerkstatt, heute malt meine Tochter zu Hause. In ihren Bildern verarbeitet sie ihren Alltag, ihre Erlebnisse und kann ihre Kreativität ausleben.
    • Überreizung mit viel Bewegung in der Natur ausgleichen: „Ab in den Wald“ heißt es zum Beispiel bei uns mindestens einmal pro Woche und am Wochenende – im Wald kann sich mein Kind am besten erholen und Reize verarbeiten
    • Mein Kind schaukelt für sein Leben gerne – durchs Schaukeln kommt meine Tochter ins Gleichgewicht.
    • Ab ins Bällchenbad! Bei uns ist es eine Tonne mit Kirschkernen, in die sich meine Tochter gerne zurückzieht und es dann genießt, sich intensiv zu spüren.

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Meine Tochter, die mit diesem ganz besonderen Wesenszug angenommen und unterstützt wird, bekommt die Chance, ihr ganzes Potential zu entfalten: Kreativität, Empathie, Humor, Gerechtigkeitssinn – das alles steckt in ihr und mit der Hilfe von uns als Eltern und den Lehrern wird es ihr gelingen, ihren ganz eigenen Weg zu finden.

Über Sylvia Sima

Sylvia Sima ist Mutter von drei (fast erwachsenen) Kindern, Karrierefrau, Anpackerin und Betreiberin der Seite welovefamily.at. Sie lebt in Österreich und liebt das Reisen.

Website: welovefamily.at

Facebook: facebook.com/welovefamily.at

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