Das Kribbeln im Bauch: Wenn man Kinder das erste Mal allein zu Hause lässt

Ab wann kann man sein Kind eigentlich allein zu Hause lassen? Und für wie lange? Zwillingspapa Sven Trautwein hatte Schweißperlen auf der Stirn, als er das erste Mal ohne seine Jungs zum Einkaufen flitzen musste. Mittlerweile setzt er auf Vorbereitung, Vertrauen und ein bisschen Kribbeln.

Kolumne: Kinder allein zu Hause lassen - Sven TrautweinAls Eltern kennen wir unsere Kinder am besten und wissen, was wir ihnen zutrauen können

29.10.2015, Kolumne von Sven Trautwein

Oh, dieses Kribbeln in der Bauchgegend. Wenn man etwas zum ersten Mal macht – als Eltern oder Kinder. Man weiß nicht, wohin die Reise geht, welche Erfahrungen man machen wird und welche Eindrücke auf einen warten. Es ist gut, dass dieses Kribbeln da ist. Es umgibt einen mit einer Art "Schutzhülle". Man ist noch ein wenig vorsichtig, möchte lieber alles richtig machen. Man fühlt sich damit auf der richtigen Seite.

Es ist ein Gefühl des Loslassens, das einen in Atem hält, wenn man die Kinder das erste Mal alleine zu Hause lässt. Ich spreche hier nicht von einer Nacht oder x Stunden, sondern einer viertel oder halben Stunde, in der man noch schnell die vergessene Sahne aus dem Supermarkt holt oder einen wichtigen Brief zur Post bringt. Das Kribbeln übermannt einen, wenn man tschüs sagt und die Tür hinter sich schließt und es ist wieder da, wenn man vor der Haustür steht und den Schlüssel umdreht.

So ging es mir jedenfalls damit, als ich einmal die Jungs für knapp 20 Minuten das erste Mal zu Hause alleine ließ, weil ich noch unbedingt etwas zu Essen besorgen musste. Das war Ende des dritten Kindergartenjahres. Unaufgeregt war ich nicht.

An mein erstes Mal allein zu Haus habe ich keine Erinnerung mehr

Wann ich als Kind das erste Mal allein zu Hause blieb, kann ich gar nicht mehr sagen. Ich bin mir sicher, dass es zuerst ein kurzer Zeitrahmen war. Irgendwann war ich dann abends alleine. Und das war sehr ungewohnt. Aufregend und ein wenig angsteinflößend zugleich.

Da war es wieder, dieses Kribbeln, das ich heute auch noch immer kenne. Ich hatte mir im Fernsehen alleine einen Film angeschaut. Die Stille, die mich danach umgab, werde ich nicht vergessen. Irgendwo im Haus knarzte ein Balken. Ich machte schnell Licht überall an und habe so die Zeit überstanden.

Erste kleine Schritte

Wir dachten, dass ein paar Monate nach der Einschulung der richtige Zeitpunkt sei, mit den Kindern das Thema "allein zu Haus" zu besprechen. Es ging dabei um maximal eine halbe Stunde. Sie wussten, wie man uns telefonisch erreicht und konnten jederzeit bei den Nachbarn klingeln, wenn etwas sein sollte. Auch die Nachbarn setzten wir davon in Kenntnis, dass der Nachwuchs für eine halbe Stunde allein sein würde. Doch beim ersten Versuch machten wir die Rechnung ohne den Wirt, wie man so schön sagt. Beide Kinder wollten unbedingt mit zum Einkaufen.

Ob aus dem Grund, mehr Zeit mit mir zu verbringen oder aus Angst vor der Situation, allein zu Hause zu sein, weiß ich nicht genau. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass sie es ungewohnt fanden, dass niemand greifbar sein sollte. Das kannten sie bisher nicht. Immer war einer von uns Eltern in der Nähe.

Kevin allein zu Haus

Der Film, im Originaltitel "Home Alone", kam 1990 in die Kinos. Als ich über diesen Artikel nachdachte, kam mir sofort der Film in den Kopf. Kevin wird zum Weihnachtsfest zu Hause vergessen. Die ganze Familie und seine vier Geschwister sind nicht da. Nun ist er der Mann im Haus und muss es gegen zwei Einbrecher verteidigen. Auf humorvolle und taktierende Art gelingt es ihm, die beiden Ganoven zu vertreiben.

Obwohl der Film eine Komödie ist und ich damals mit Sicherheit sehr viel darüber gelacht habe, ändert sich der persönliche Blickwinkel doch sehr, wenn man selbst Kinder hat. Vieles sieht man mit anderen Augen. Unterschwellig sehe ich die zu Hause gelassenen Kinder nicht nur Party machen und die Wohnung komplett mit Popcorn fluten, sondern auch wie sie mit Bratpfanne und Nudelholz bewaffnet etwaige Eindringlinge abwehren. Aber das ist nur mein Gedankenkino. Viel wichtiger sind die Pflichten, die wir als Eltern tatsächlich haben.

Die Aufsichtspflicht

Die Aufsichtspflicht besagt ganz grob, dass Eltern dafür zu sorgen haben, dass Kinder nicht zu Schaden kommen und auch keinen Schaden anrichten können. Erinnert man sich jetzt an Kevin allein zu Haus, treten die einen oder anderen Schweißperlen auf die Stirn.

Doch zum Erwachsenwerden gehört nun mal auch, den persönlichen Radius zu erweitern. Und das beinhaltet, das Thema "Kind allein zu Haus lassen". Im Bürgerlichen Gesetzbuch heißt es sogar "Bei der Pflege und Erziehung berücksichtigen die Eltern die wachsende Fähigkeit und das wachsende Bedürfnis des Kindes zu selbstständigem verantwortungsbewusstem Handeln."

Eine klare Alterseinstufung gibt es hier nicht. Als Eltern kennen wir unsere Kinder am besten und wissen, was wir ihnen zutrauen können. Mögliche Gefahrenquellen wie die Herdplatte oder die leicht zu öffnende Haustür kennt der Nachwuchs irgendwann und weiß, dass er dort alleine nicht zu hantieren hat.

Wenn die Kinder also so weit sind, sollte man es ruhig einmal ausprobieren, sie allein zu Hause zu lassen. Und gleichzeitig die Bedenken der Kleinen ernst nehmen.

Vertrauen

Elternsein hat mit Vertrauen zu tun. Vertrauen, dass die Kinder wissen, wie sie handeln müssen, falls sie in eine gefährliche Situation kommen. Vertrauen, dass sie wissen, wie sie uns Eltern oder Nachbarn erreichen können. Dann kann eigentlich nichts schiefgehen und alle werden aus dieser Erfahrung gestärkt herausgehen. Ob alleine Brötchen holen oder den Schulweg meistern, Elternsein hat mit Loslassen zu tun.

Bereiten wir unseren Kindern den Weg, gibt es auch keinen Grund für Schweißperlen. Das Kribbeln wird auf beiden Seiten noch ein wenig bleiben. Und das ist auch gut so.

Ein Text von Sven Trautwein.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, als Sie das erste Mal Ihr Kind allein zu Hause gelassen haben? Wir freuen und über alle Meinungen und Anregungen unten in den Kommentaren. 

Über Sven Trautwein

Sven Trautwein, selbstständiger Unternehmer und Eltern-Blogger

Sven Trautwein, Unternehmer und Eltern-BloggerDas Informatikstudium konnte Sven Trautwein nicht begeistern, so machte er seinen Magister in Englischer und Deutscher Literaturwissenschaft. Neben der Universität baute er seine eigene Literaturplattform literature.de auf. Bis zur Geburt seiner Zwillinge konzentrierte er sich auf die Redaktionsarbeit und veröffentlichte mehrere Anthologien mit Kurzgeschichten von sich und anderen Autoren unter dem Titel "Netzgeschichten".

Heute widmet er sich Vollzeit seinem Blog Zwillingswelten und hält Vorträge zu kindgerechten Apps und sicherem Bloggen. Seine Jungs sind inzwischen eingeschult, sodass bei ihm auch schulische Themen in den Vordergrund rücken.

Er findet es wichtig, Kinder behutsam im Bereich Digitalisierung zu begleiten und schätzt scoyos Ansatz, nicht nur Kinder auf ihrem Bildungsweg zu unterstützen, sondern auch Eltern hilfreich zur Seite zu stehen: "Die Mischung macht’s. Weg von reinen Nachhilfeplattformen, die mit erhobenem Zeigefinger daherkommen".

Profile von Sven im Netz:

Webseiten/Blogs: www.zwillingswelten.dewww.appatizer.dewww.52buecher.de

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