Ich will keine Lernbeziehung zu meinem Kind!

"Ich bin kein Vater, sondern Hilfslehrer." In seiner Kolumne flüstert uns Christian Füller zu, wie er sich die perfekte Schule vorstellt und wie die Realität, in seinen Augen, aussieht.

09.02.2015

Kurz bevor ich heute Morgen aufwachte, hatte ich einen Traum. "I had a dream" – von einer idealen Schule. Sie entlässt ihre Kinder um 16 Uhr, und es ist alles fertig. Keine Hausaufgaben, kein schwerer Schulranzen, kein Schlüsselkind. Sie büffelt mit ihnen Mathe, Deutsch, Englisch, aber sie macht den Kindern auch Spaß. Große Exkursion in die Antikensammlung. Gemeinsam mit Kunsthistorikern forschen, was die roten und die schwarzen Scherben alt-griechischer Vasen bedeuten. Anschließend mailen sie den Eltern ein gemeinsam erstelltes E-Book mit Live-Videos, interaktiven Karten und Texten aller Schülergruppen zu. Als meine Kinder im Traum nach Hause kamen, waren sie zufriedener und klüger als morgens, als sie das Haus verlassen hatten.

Ein großartiger Traum – der mit meiner Schulrealität leider nichts zu tun hat. Denn ich bin kein Vater, sondern Hilfslehrer. Ein Handlanger des Staates, der die Schulpflicht eingeführt hat, aber sie selbst nicht mehr erfüllen kann.

Als Vater zurück auf die Schulbank

Jüngst war ich Geografielehrer. Ich erkundete mit meinem Filius die arabische Halbinsel. Er musste einen Test darüber ablegen: Länder, Hauptstädte, Kultur, Klima, Regierungsformen. Das war schön aktuell, und ich habe auch viel darüber gelernt, was es mit Euphrat und Tigris auf sich hat. Aber es war kein Spaß, denn er lernt nicht gern mit mir.

Ich konnte mich nur gar nicht weiter vertiefen in die assyrische Kultur, denn ich musste gleich ran, um quadratische Gleichungen mit Sohn 2 zu lösen. Konnte ich. Früher mal. Ich hatte Mathe-Leistungskurs. Aber das hat mir ehrlich gesagt weniger geholfen als eine Schulfreundin, die mit dem Burschen stundenlang paukte. Demnächst stehen zwei Klausuren und eine Hausarbeit an. Für meine Kinder. Aber eigentlich für mich.

Die Arbeit bleibt bei den Eltern hängen

Weil die Staatsschule es nicht auf die Reihe kriegt, müssen wir Eltern jetzt Schule machen: Wir üben mit ihnen Schönschrift, da die Grundschule das versäumt hat. Wir buchen einen Forscherkurs mit echten Spinnen und Schlangen, weil Biologie so entsetzlich langweilig ist. Wir ordern Schreibmaschine, denn die Schule hasst Tastaturen noch mehr als Bildschirme. Immerhin haben die Lehrer jetzt Mail-Adressen. Bis das E-Book in der Schule angekommen ist, schreiben wir wahrscheinlich 2020. Dann studieren die Kinder – vielleicht sind sie aber auch arbeitslos, weil sie zu wenig gelernt haben.

Eltern statt Lehrer sein

Ich möchte raus aus diesem Schulsystem und zurück in meinen Traum. Ich will kein Geografie- und schon gar kein Mathe-Lehrer sein. Ich will überhaupt keine Lernbeziehung zu meinen Kindern haben. Sondern Vater sein. Mit ihnen im Fußballkäfig doppelte Doppelpässe spielen, den Ersten Weltkrieg im Deutschen Historischen Museum 100-mal anschauen und endlich bei FIFA15 auch mal eine Chance haben. Ich will gerne lernen mit meinen Kindern. Nach meiner Fasson, in ihrem Tempo, mit den Interessen, die sie haben. Einem Regenwurm vor dem Spielplatz zwei Stunden zuschauen. Den gefährlichen Berg erklimmen und in den See hinausschwimmen, soweit sie das können. Lernen ohne Noten, ohne Vergleich, aber mit viel Zeit. 

Aber ich will nicht der Notnagel sein für eine Schule, die im 19. Jahrhundert stehengeblieben ist und meine Kinder ins 21. Jahrhundert entlassen wird.

Eine Kolumne von scoyo-Elternflüsterer Christian Füller

Der Autor

Christian Füller ist neben Béa Beste der Elternflüsterer - Kolumne scoyo© Christian FüllerChristian Füller ist Journalist (u.a. FAS, Spiegel Online und Freitag) und Autor diverser Bücher über gute Schule und neues Lernen. Er hat sich dabei auch mit Eltern auseinandergesetzt. In „Ausweg Privatschulen“ (2010) gibt er Hinweise, welche private Schule sich lohnen könnte. In „Die Gute Schule“ (2009) analysiert er, warum Eltern so wahnsinnig wichtig fürs Lernen sind. Füller hat mit Jesper Juul über Eltern gestritten, die ihre Kinder immerzu nach ihrem Befinden befragen. Er hat bei Spiegel Online als ihr wichtigstes Prinzip „my kind first“ ausgemacht. Füller hat selbst zwei Kinder und hassliebt es immer noch, Elternvertreter zu sein.

Twitter: @ciffi | twitter.com/ciffi

Die Kolumne "Die Elternflüsterer"

Im Wechsel flüstern der Journalist Christian Füller und Bildungsunternehmerin Béa Beste den Eltern Geschichten und Beispiele aus der wunderbar chaotischen Welt des Lernens und Lebens ins Ohr. 

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