Lernen mit Tablets: Hohe Wischkompetenz – aber keine positiven Effekte fürs Lernen

Große und kleine Dinos verdammen das (frühe) Lernen mit Tablets. Dazu flüstert heute Christian Füller: Liebe Eltern, Sie müssen jetzt ganz stark sein. Denn Sie stehen zwischen den Fronten.

06.04.2015, Kolumne "Die Elternflüsterer"

Viele Vorteile, aber auch einige Hindernisse

Der Schüler Max Engel sollte der Kronzeuge sein. Die Kamera der Tagesschau richtete sich auf ihn. Die Reporterin wollte wissen, wie es denn so sei, mit einem Tablet zu lernen, diesem scheinbar nur aus einem Bildschirm bestehenden Handcomputer. "Es ist angenehm", sagte Engel brav über das Tablet, mit dem der Siebtklässler in der Schule arbeitet. Und setzte seinen Satz ohne Unterbrechung fort: "Es hat aber Nachteile, weil man halt dadurch schneller abgelenkt ist." (Mehr dazu auf tagesschau.de.) 

Das Tablet hat Nachteile! So einen Satz in der wichtigsten deutschen Nachrichtensendung zu hören, hat in der Gemeinde der Netzversteher und Tabletlehrer großen Schmerz verursacht. Die ist seit geraumer Zeit damit befasst, die Vorteile des digitalen Lernens unters Volk zu bringen. Weil viele Leute – und gerade Eltern – oft gar nicht wissen, was ein Tablet genau ist, und schon gar nicht, was man damit alles anstellen kann. In der Schule. Und jetzt ist Max Engels Teilsatz mit dem Risiko auch noch länger geraten als der mit den Chancen.

Dabei liegt diese Erkenntnis doch auf dem flachen Tabletbildschirm: Dieses Gerät hat nicht nur einen Haufen toller Vorteile fürs Lernen – etwa den, dass es vielerlei Funktionen beinhaltet. "Schulbuch, Kamera, Taschenrechner und Heft in einem", zählt die Reporterin der Tagesschau artig die Lernfunktionen auf und vergisst zu sagen: Träger hunderter Apps, die für alles Mögliche gut sind – bloß nicht fürs Lernen. Eher sogar schlecht fürs Lernen. Zum Beispiel fürs Gamen, Zeitvertreiben, Chatten, Streamen und, das Wichtigste, Nachrichten Verschicken.

Sind Skeptiker gleich Dinosaurier?

Das ist doch ein Dinosaurier! So lautete die Verdammnis, die sich der Skeptiker des digitalen Lernens auf Twitter einfing. Die Rede ist jetzt nicht von dem kleinen Dino Max Engels, sondern von Gerald Lembke. Der ist ein Forscher, der sich mit dem Sinn von Tablets fürs Lernen befasst, und er wagt geradezu ungeheuerliche Sätze: "Digitale Hilfsmittel in der Bildung erbringen bis zum 12. Lebensjahr keine nennenswerten positiven Effekte", sagt er zum Beispiel. Oder: Ein Kind von acht Jahren habe am Tablet vielleicht "eine hohe Wischkompetenz, mit Medienkompetenz hat das aber nichts zu tun". Oder: "In der Bildung sind solche Geräte im jungen Alter kontraproduktiv, weil sie den Fokus von den eigentlich wichtigen Dingen ablenken."

Die Konsequenz von Lembke und seinem Mitforscher Ingo Leipner lautet daher: bitte keine Tablets in die deutschen Kindergärten und Grundschulen! Digitales Lernen darf erst mit 12 Jahren losgehen! Ist das jetzt eine gute oder eine schlechte Nachricht für Eltern? Jedenfalls ist es eine komplizierte. (Mehr dazu auf sueddeutsche.de.

Die kleinen und großen Dinos Engel und Lembke sind nämlich keine prähistorischen Urviecher. Sie sind in Wahrheit Vorreiter einer neuen Spezies, die es derzeit nicht leicht hat in diesem Land: die reflektierten, erfahrungsgeleiteten Kenner des digitalen Lernens – die sich zugleich erlauben, kritisch zu sein. Davon gibt es nicht viele.

Im Diskurs über das Digitale stehen sich zwei Bataillone unversöhnlich gegenüber: die Tablet-Ablehner und -verweigerer, die Digital-Skeptiker und Nicht-Haben-Woller auf der einen Seite. Und die Netzfans und -anhänger, die Gesundbeter und Schönredner auf der anderen Seite. Blöderweise kennen sich die einen exzellent aus, aber die anderen, die Neinsager, wissen so gut wie gar nicht mit dem Netz und seinen Gadgets umzugehen. Sie haben noch nicht mal Wischkompetenz, finden die digitalen Bildungswelten aber falsch, schlecht, verderblich. Mit denen kann man also weder reden noch surfen.

Das ist blöd. Vor allem für Eltern – denn sie stehen auf beiden Seiten. 

Eine Kolumne von scoyo-Elternflüsterer Christian Füller

Die Antwort von Béa Beste: Fresst das, ihr Dinos!

Béa Beste ist Die Elternflüsterin - Kolumne scoyo© Béa BesteBildungsunternehmerin und Elternflüsterin Béa Beste antwortete eine Woche später auf diese Kolumne und ist ganz anderer Meinung. Es ärgert sie, dass viele der Kritiker Kindern nicht zutrauen, dass sie auch bewusst und kompetent mit Medien umgehen können  hier Kolumne ansehen: "Fresst das, ihr Dinos!".

 

Über Christian Füller

Christian Füller ist neben Béa Beste der Elternflüsterer - Kolumne scoyo© Christian FüllerChristian Füller ist Journalist (u.a. FAS, Spiegel Online und Freitag) und Autor diverser Bücher über gute Schule und neues Lernen. Er hat sich dabei auch mit Eltern auseinandergesetzt. In „Ausweg Privatschulen“ (2010) gibt er Hinweise, welche private Schule sich lohnen könnte. In „Die Gute Schule“ (2009) analysiert er, warum Eltern so wahnsinnig wichtig fürs Lernen sind. Füller hat mit Jesper Juul über Eltern gestritten, die ihre Kinder immerzu nach ihrem Befinden befragen. Er hat bei Spiegel Online als ihr wichtigstes Prinzip „my kind first“ ausgemacht. Füller hat selbst zwei Kinder und hassliebt es immer noch, Elternvertreter zu sein.

Twitter: @ciffi | twitter.com/ciffi

Die Kolumne "Die Elternflüsterer"

Im Wechsel flüstern der Journalist Christian Füller und Bildungsunternehmerin Béa Beste den Eltern Geschichten und Beispiele aus der wunderbar chaotischen Welt des Lernens und Lebens ins Ohr. 

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Letzte Kolumne von Christian Füller: Eltern wollen Ganztagsschule -, aber am liebsten nur halbtags

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