Frau Müller muss weg oder Hier entlassen die Eltern selbst

Im Kino führt "Frau Müller muss weg" gerade den Kleinkrieg an Elternabenden vor. Der Krach hat seine Ursachen: in der Nervosität einer verunsicherten Mittelschicht. Eine Kolumne von scoyos Elternflüsterer Christian Füller

Kinofilm Frau Müller muss weg - Helikopter-Eltern
In Sönke Wortmanns Film "Frau Müller muss weg" gehen Eltern auf die Barrikaden | © 2014 Constantin Film Verleih GmbH

15.01.2015

Fünf Väter und Mütter haben sich in der Schule getroffen. Sie wollen jemanden rauswerfen. Es ist die Lehrerin. Die Eltern glauben, sie müssten "zuallererst an das Fortkommen unserer Kinder denken". Entlassung wollen sie das, was sie vorhaben, nicht nennen. "Wir feuern sie nicht. Sie soll nur die Klasse abgeben. Wie sie das der Schulleitung gegenüber begründet, ist ihre Sache."

Diese Sätze stammen vom Dramatiker Lutz Hübner, geschrieben für das Staatsschauspiel in Dresden, wo das Stück "Frau Müller muss weg" 2010 Premiere hatte. Es wurde seitdem auf vielen Bühnen gespielt. Wer aber glaubt, dass der Rauswurf nur Theater ist, der besuche einen der vielen Elternabende im Lande, auf denen der Mathelehrer abserviert wird, weil er das hintere Drittel der Klasse nicht mehr erreicht. Oder nehme an der Besprechung mit der Französischlehrerin teil, der Eltern diktieren, wie die nächsten Wochen abzulaufen haben. "Frau Müller muss weg" ist Realität. Auch wenn das erfolgreiche Theaterstück nun erst mal als satirische Fiktion in den deutschen Kinos anläuft.

Die Kampfzone hat sich ausgeweitet – bis ins Gymnasium

Es herrscht Kleinkrieg in deutschen Klassenzimmern. Ausgetragen wird er unter Lehrern und Eltern. Das Stück von Hübner, angesiedelt in einer Ostschule, ist inzwischen veraltet – die Situation ist härter geworden. 2009 musste Lutz Hübner den High Noon zwischen Eltern und Lehrerin ans Ende der vierten Klasse legen, dahin also, wo in 13 von 16 Bundesländern die Würfel für das Gymnasium fallen. Inzwischen hat sich die Kampfzone ausgeweitet – bis mitten ins Gymnasium hinein. Der Run auf das Abitur, das 60 Prozent eines Jahrgangs erreichen, hat die Lage verschärft. Frau Müller ist im Jahr 2015 keine Grundschullehrerin mehr, sondern eine Studienrätin. Sie sagt ihren Satz, dass nicht alle gleich gut sein können, mit mehr Nachdruck:"Es ist immer noch ein Gymnasium."

Denn sie verteidigt eine 180 Jahre alte Institution, die Maturitätsprüfung von Friedrich Wilhelm III., gegen den Ansturm sogenannter nicht-traditioneller Abiturienten. Es sind Kinder, deren Familien nicht das kulturelle Kapital haben, um ihren Söhnen und Töchtern zu helfen. Sie sind nicht dümmer, aber sie kennen den feinen Unterschied nicht, den eine Mutter markieren will, wenn ihr Kind Klavier- und Ballettunterricht absolviert. Sie pocht auf die Einhaltung der Formen in der höheren Anstalt – während Herr M. nicht genau weiß, was die Lehrer eigentlich meinen, wenn sie von binomischen Formeln, Bellum Gallicum oder dem Zitronensäurezyklus sprechen.

„Fokussierung aufs Abitur als alleinigem Bildungsmaßstab“

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat diesen Befund in einer Reihe von Milieustudien bestätigt. Die Ergebnisse: 1. Bildung und Erfolg der Kinder waren stets das zentrale Thema des Bürgertums. 2. Pisa hat diesen Trend erheblich verschärft, "er hat zu einer Fokussierung auf das Abitur als alleinigem Bildungsmaßstab geführt", steht in der Adenauer-Studie. 3. Die Bildungsvorstellungen der einzelnen Mittelschicht-Milieus variieren erheblich – aber die Verkürzung des Gymnasiums auf acht Jahre hat sie alle vereint. Sie wollen sich "ihre Schule" nicht kaputtmachen lassen. Beruhigend allerdings: Eine Umfrage im Auftrag von scoyo hat gerade gezeigt, dass Eltern auch konstruktiv mitarbeiten – vier von fünf Eltern geben an, dass sie bereit sind, zusätzliche Lernangebote bereitzustellen.

Freilich sind die Eltern durch mehr als nur durch die Schule angespornt. So groß die feinen stilistischen Unterschiede zwischen den bürgerlichen Milieus auch sein mögen, vereint sind sie in einer generellen Unsicherheit: der vor dem beruflichen Aussetzer, vor dem potenziellen Absturz. Von Bildung, Besitz und Leistung, dem also, was Bürgerlichkeit ausmacht, ist wenig geblieben. Den lebenslangen Job, der Gehalt und Status bot, gibt es (so gut wie) nicht mehr. Egal, wie die Väter und Mütter sich abrackern. Das Vertrauen in Rente, Haus, Anlagen – zerstoben in diversen Finanzkrisen und Immobiliencrashs. Jetzt wird sogar die Erbschaftssteuer verschärft.

Gespaltene Eltern: mehr Auslese oder mehr Hilfe?

Der Kampf ums Abitur findet zwischen den Milieus statt. Die Akademikereltern in spe fordern mehr Hilfe, die traditionellen Bildungseliten mehr Auslese. Unter Sönke Wortmanns Regie schlagen sich der arbeitslose und der Karrierevater beim Elternabend sogar die Nasen blutig. Aber das ist filmische Übertreibung. Im echten Leben sind sich die Eltern nur in einem einig – im Kampf gegen die Lehrer. Die wichtigsten Schauplätze sind der Elternabend, der E-Mail-Verteiler und die Geheimtreffen von Eltern, bei denen bestimmte Lehrer auf die Abschussliste gesetzt werden. Und manchmal auch bestimmte Kinder. Lachen kann man darüber nur im Kino.

Eine Kolumne von scoyo-Elternflüsterer Christian Füller

Der Autor

Christian Füller ist neben Béa Beste der Elternflüsterer - Kolumne scoyo© Christian FüllerChristian Füller ist Journalist (u.a. FAS, Spiegel Online und Freitag) und Autor diverser Bücher über gute Schule und neues Lernen. Er hat sich dabei auch mit Eltern auseinandergesetzt. In „Ausweg Privatschulen“ (2010) gibt er Hinweise, welche private Schule sich lohnen könnte. In „Die Gute Schule“ (2009) analysiert er, warum Eltern so wahnsinnig wichtig fürs Lernen sind. Füller hat mit Jesper Juul über Eltern gestritten, die ihre Kinder immerzu nach ihrem Befinden befragen. Er hat bei Spiegel Online als ihr wichtigstes Prinzip „my kind first“ ausgemacht. Füller hat selbst zwei Kinder und hassliebt es immer noch, Elternvertreter zu sein.

Twitter: @ciffi | twitter.com/ciffi

Die Kolumne "Die Elternflüsterer"

Im Wechsel flüstern der Journalist Christian Füller und Bildungsunternehmerin Béa Beste den Eltern Geschichten und Beispiele aus der wunderbar chaotischen Welt des Lernens und Lebens ins Ohr. 

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