Erziehen Väter anders? Eine kleine Typologie über das unbekannte Wesen

Vater ist nicht gleich Vater: Es gibt verschiedenste Typen und ebenso unterschiedliche Erziehungsvorstellungen. Eine kleine Vätertypologie über WM-Pokal-Träume und Horrorszenarien mit dem Nachwuchs als Gewerkschaftsführer.

Kolumne: Erziehen Väter anders? Eine kleine Typologie über das unbekannte Wesen
Vätergruppen haben ganz unterschiedliche Erziehungsvorstellungen | © pixabay.com

Eine Kolumne von Christian Hanne, Blog Familienbetrieb.

Als bloggender Vater werde ich häufig gefragt, ob Väter anders erziehen als Mütter. Eine Frage, die gar nicht so leicht zu beantworten ist. Glücklicherweise habe ich mit der Geburt meiner Tochter eine seit dreizehn Jahren andauernde Feldstudie in Kitas, Sportvereinen, Schulen und auf Spielplätzen gestartet, bei der ich Väter in ihrem natürlichen Lebensraum beobachte. Dabei ist es mir gelungen, basierend auf den neuesten Erkenntnissen der europäischen Ethnologie, der Geschlechtersoziologie und der Sozialpsychologie, verschiedene Vätertypen zu identifizieren, von denen ich Ihnen die interessantesten im Folgenden vorstellen möchte.

Der Macho-Daddy

Kolumne: Erziehen Väter anders? Eine kleine Typologie über das unbekannte WesenDie kumpelhafte "Autoritätsperson": Macho-Daddy | © pixabay.com

Vor der Geburt hat der Macho-Daddy seine Figur beim Crossfit gestählt, seine Grill-Künste durch ein "BEEF"-Abonnement perfektioniert und versucht, als Pick-up-Artist Frauen aufzureißen. Nach der Geburt treibt ihn die Angst um, seine Männlichkeit könnte unter der Vaterrolle leiden. Um zu zeigen, dass er kein Weichei ist, überkompensiert er ständig. Er kleidet das Baby in Iron-Maiden-Bodys, rüstet den Kinderwagen mit einem Raketenantrieb auf und lässt sich den Namen des Kindes auf die Fingerknöchel tätowieren.

Der Macho-Daddy nimmt zwei Monate Elternzeit und fährt mit der Familie nach Südostasien. Dort widmet er sich dem Scuba Diving und Jetski-Fahren, die Mutter kümmert sich derweil um das Kind. Nach der Rückkehr erzählt er seinen Kumpels, wie wichtig die Elternzeit für die Bindung zu seinem Kind war.

Der Erziehungsstil des Macho-Daddys ist kumpelhaft und kommt ohne Verbote aus. Wenn das Kind im Supermarkt brüllend vor dem Süßigkeitenregal liegt, kauft ihm der Macho-Daddy eine Tafel-Schokolade. Und den Millenium-Falken von Lego.

Der Macho-Daddy träumt davon, dass sein Sohn 2040 den WM-Pokal in die Höhe hebt. Dagegen ist es für ihn ein Albtraum, der Sohn könnte unsportlich sein. Oder Balletttänzer werden.

Der Karriere-Dad

Der Karriere-Dad bekommt nur Nachwuchs, weil seine persönliche Zielvereinbarung vorsieht, ein Haus zu bauen, einen Baum zu pflanzen und ein Kind zu zeugen. Der Care-Arbeit verweigert er sich mit evolutionären Argumenten. Da früher die Neandertaler-Männchen Mammuts jagten, sieht er sich außerstande, Windeln zu wechseln.

Elternzeit nimmt der Karriere-Dad nicht, da er Angst hat, die Kollegen stellen in seiner Abwesenheit fest, dass er entbehrlich ist und ein dressierter Schimpanse seine Aufgaben wesentlich effizienter erledigen könnte.

Mit seinem Kind verbringt der Karriere-Dad nur sehr wenig Zeit. Ab und an liest er ihm abends aus dem Handelsblatt vor.

Der Erziehungsstil des Karriere-Dads ist opportunistisch-kapitalistisch. Wenn das Kind im Supermarkt brüllend vor dem Süßigkeitenregal liegt, kauft der Karriere-Dad keine Schokolade, sondern erwirbt Aktien von Süßigkeiten produzierenden Konzernen, um aus der Naschsucht von Kindern Profit zu schlagen.

Es ist der Traum des Karriere-Dads, dass sein Sohn einmal CEO eines Dax-Unternehmens wird. Oder seine Tochter den CEO eines Dax-Unternehmens heiratet. Unerträglich ist für ihn die Vorstellung, sein Kind könnte Sozialpädagogik studieren. Oder Gewerkschaftsführer werden.

Der feministische Bio-Papa

Kolumne: Erziehen Väter anders? Eine kleine Typologie über das unbekannte WesenDer antiautoritäre Elternteil: Bio-Papa | © pixabay.com

Der feministische Bio-Papa strebt nach absoluter Gleichberechtigung in seiner Partnerschaft und der Kindererziehung. Dies führt zu Konflikten mit der Kindsmutter, weil er es ihr übelnimmt, dass sie das Baby ausgetragen hat und nicht er.

Der feministische Bio-Papa nimmt zwölf Monate Elternzeit und verachtet alle Väter, die es ihm nicht gleichtun, als reaktionäre Stützen des Patriarchats. Nach der Elternzeit kündigt der Bio-Papa seinen Job und wird Hausmann. Dabei perfektioniert er seine veganen Kochkünste. Die Mangelernährungserscheinungen des Kindes lässt er beim Schamanen homöopathisch behandeln.

Der Erziehungsstil des feministischen Bio-Papas ist antiautoritär. Alle Entscheidungen in der Familie werden basisdemokratisch getroffen. Dass dieses Modell seine Schwächen hat, bemerkt der feministische Bio-Papa erst nach dem dritten Kind, wenn er und seine Partnerin bei allen Entscheidungen von den Kindern überstimmt werden.

Der feministische Bio-Vater träumt davon, als Dadpreneur zum Haushaltseinkommen beizutragen. Dazu gründet er den Online-Shop "Filz-Laus", über den er selbstgefilzte Windeln vertreibt. Sein größter Albtraum ist die Vorstellung, dass seine Kinder mit Spielzeugwaffen aus Plastik spielen.

Der Trans-Papa

Der Typus des Trans-Papas ist zugegebenermaßen im Vergleich zu den anderen Väter-Typen nicht so weit verbreitet, aber umso wichtiger ist es, ihn hier vorzustellen. Trans Papas sind – grob vereinfacht ausgedrückt – Menschen, die sich nicht dem ihnen zugeordneten Geschlecht zugehörig fühlen. Somit können Trans-Papas Männer sein, die mit einem weiblichen Körper zur Welt kamen, aber auch Frauen, die mit männlichen Genitalien geboren wurden. Dies stellt andere Eltern mitunter vor die kommunikative Herausforderung, dass sie nicht wissen, wie sie Trans-Papas bezeichnen sollen. Als Mutter, Vater, Vutter oder Matter.

Der feministische Bio-Papa sucht gerne die Nähe zu Trans-Papas, um dadurch seine Weltoffenheit zu demonstrieren. Dies stößt nicht nur auf Gegenliebe, da Trans-Papas auch nicht uneingeschränkt leidensfähig sind.

Andere Mütter betrachten Trans-Papas, die als Frau leben, mit einer gewissen Missgunst, denn Trans-Papas sind meistens besser gekleidet. Außerdem können sie ihrem Kind beibringen, wie man einen Ball wirft, woran andere Mütter scheitern. (Ich freue mich schon sehr über die Zuschriften, die mich ob dieser progressiven Sichtweise beglückwünschen.)

Der Erziehungsstil der Trans-Papas ist gemeinhin verständnisvoll. Allerdings stößt dieses Verständnis an Grenzen, wenn das Kind im Supermarkt brüllend vor dem Süßigkeitenregal liegt. Von anderen Vätern ist hier leider keine Hilfe zu erwarten. (Von anderen Müttern übrigens auch nicht.)

Es ist der Traum von Trans-Papas, dass das Kind nicht gefragt wird, ob es schlimm ist, ohne ‚richtigen‘ Papa aufzuwachsen. Dagegen ist es ihr Albtraum, dass Kind könnte eines Tages CSU-Kreisvorsitzender werden.

Der intellektuelle Bildungsbürger-Vater

Kolumne: Erziehen Väter anders? Eine kleine Typologie über das unbekannte WesenDer allseits Diskussionsfreudige: Bildungsbürger-Vater | © kues1\fotolia.com

Dass der intellektuelle Bildungsbürger-Vater überhaupt Nachwuchs hat, grenzt an ein Wunder, denn als promovierter Geisteswissenschaftler zählt die Erledigung von Alltagsverrichtungen wie Einkaufen, Kochen oder Geschlechtsverkehr nicht zu seinen Stärken. Deswegen ist es auch unwahrscheinlich, dass er mehr als ein Kind haben wird. Prinzipiell würde er gerne Elternzeit nehmen, scheitert aber am Ausfüllen des 17-seitigen Elterngeld-Antrags in dreifacher Ausfertigung.

Der Erziehungsstil des intellektuellen Bildungsbürger-Vaters ist rational-diskursiv. Wenn sich das Kind im Supermarkt schreiend vor dem Süßigkeitenregal wälzt, diskutiert er mit ihm nach den Regeln der aristotelischen Diskursethik, warum er nicht gedenkt, eine Tafel Schokolade zu erwerben. Abends liest er dem Kind dann aus Sartres "Die Transzendenz des Ego" vor.

Der intellektuelle Bildungsbürger-Vater würde sich von seinem Kind gerne als ‚Herr Vater‘ anreden lassen. Dies scheitert an einer ausgeprägten T-K-Schwäche des Kindes, so dass die Anrede immer wie ‚Herr Facker‘ klingt.

Es ist der Traum des intellektuellen Bildungsbürger-Vaters, dass sein Kind einmal den Literaturnobelpreis verliehen bekommt. Dagegen ist es für ihn ein Horrorszenario, dass sein Sohn 2040 den WM-Pokal in die Höhe hebt.

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Ich hoffe, diese Ausführungen beantworten die Ausgangsfrage, ob Väter anders als Mütter erziehen. Ja, tun sie. Und Väter erziehen anders als Väter. Und Mütter anders als Mütter.

Vielen Dank an Nina von 'Frau Papa' für ihren hilfreichen Input.

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Über den Autor Christian Hanne

Christian Hanne vom Blog Familienbetrieb Christian Hanne, Jahrgang 1975, ist im Westerwald aufgewachsen und hat als Kind zu viel von Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Auf seinem Blog "Familienbetrieb", auf Twitter und Facebook schreibt er über den ganz normalen Alltagswahnsinn. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.

Im September ist sein Buch "Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith" im Seitenstraßenverlag erschienen. In zwölf gar nicht mal so kurzen Kurzgeschichten schreibt er darüber, wie Schwangerschaft, Marathongeburten und nachtaktive Babys eine moderne, gleichberechtigte Partnerschaft auf die Probe stellen.

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