Das Mobiltelefon als Erziehungs-Plage

Viele Eltern sind unzufrieden, wenn es um die Handynutzung ihrer Kinder geht. Wir sollten zugeben, dass wir bisher kein Rezept für den Umgang mit Smartphones haben. Eine Kolumne von Christian Füller

04.05.2015, Kolumne "Die Elternflüsterer"

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Der Elternabend war so vor sich hingeplätschert. Es ging um die Klassenfahrt, den schlechten Mathelehrer und nicht früh genug angekündigte Prüfungen. Routine, keiner Aufwallung wert. Plötzlich wurde es dann sehr aufregend, ich weiß gar nicht mehr, was der genaue Auslöser war. Jedenfalls: Es weinte eine Mutter.

„Ich weiß nicht mehr weiter“, sagte sie. „Ich habe den Kontakt zu Eric ganz verloren. Er guckt nur noch in dieses Ding rein. Wenn ich ihn ermahne, brummt er nur unverständlich zurück. Als ich letzthin einfach den Stecker des WLAN-Kastens aus der Wand zog, da schrie er mich an. Er war außer sich. Ich habe meinen Sohn noch nie so erlebt. Ich hatte einen Moment lang Angst.“

Dann begann die Mutter Tränen zu vergießen. Sie senkte den Kopf und schluchzte in sich hinein. Es war mucksmäuschenstill. Irgendwann hob sie den Kopf wieder und fragte: „Wie geht es euch mit diesen Teufelsdingern? Ist das bei euch auch so schrecklich?!“

Smartphones belasten das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern

Eigentlich war das gar nichts Neues. Immer wenn Eltern von Kindern, die irgendwo zwischen 9 und 16 Jahren alt sind, zusammensitzen, kommt die Sprache auf Smartphones. Und ihre exzessive, suchtartige Nutzung. Dann gibt es kein lustiges Reden mehr. Verzweifelte Eltern, wütende Eltern, weinende Eltern. Sie berichten, dass ihre Kinder nicht mehr mit ihnen sprechen. Nicht wegen der Pubertät. Wegen des Telefons. Sie erzählen von der Institution Kindergeburtstag, die sich in LAN- und Zocker-Partys verwandelt, die auch bei 11-Jährigen bis morgens um sieben dauern. Sie schildern Trainingseinheiten, in denen sie sich in Ego-Shootern, FIFA 15 oder Minecraft fit machen – um bei ihren Kindern wieder Anerkennung zu finden. Sie lachen sich tot über ahnungslose Bekannte, die träumen: „Wir schlagen sie in FIFA.“ Denn sie wissen: Sie brauchen Jahre, um so gut zu spielen wie ihre Kinder. Sie werden sie nie mehr einholen.

Ich kenne keinen Vater und keine Mutter, der oder die eine befriedigende Lösung für das Handyproblem hätte – außer Wegnehmen. Aber das ist ja nicht befriedigend. Man macht sich lächerlich, wenn man seinem Kind das Mobiltelefon wegnimmt. Es ist das Letzte. Aber: Es geht nicht anders. Es muss sein. Manchmal. Selten.

Familien ohne Smartphoneproblem – ein Mythos?

Was mich aber am allermeisten wundert: In den öffentlichen Smartphone-und-Jugendliche-Diskursen auf Twitter oder in Blogs, da hört sich das alles immer so wahnsinnig vernünftig an. Da tritt eine Elternspezies auf, die wie von einem anderen Stern ist. Aliens, die ihre Kinder auf Gefahren und Nebenwirkungen der Tablets vorbereiten – und sagen, dass es funktioniert! Mütter, die zu Protokoll geben, dass ihre Kinder sofort das Gadget weglegen, wenn sie sie darum bitten beim Kochen zu helfen oder den Tisch zu decken. Es sind Eltern, die sagen: „Es ist klar, dass es zu den Pflichten der Eltern gehört, das Ding nicht einfach als digitalen Babysitter einzusetzen.“ Und es klappt. Angeblich.

Diese Eltern sagen leider nie, was ihre Methode ist. Was sie genau tun, damit es mit dem Smartphone bei ihren Kids klappt. Ich habe „Jedes Kind kann schlafen lernen“ gelesen und Remo Largos „Babyjahre“. Da kann man sich Hilfe holen, wie man sein Kind besser versteht. Teilweise mit sehr praktischen Handlungsanweisungen, Marke: Auf A folgt B. Bei den coolen Alien-Eltern ist das anders. Es klappt immer. Nach einem mirakulösen Geheimrezept. Einfach so. Soll ich Ihnen etwas sagen? Ich glaube diesen Eltern nicht. Aliens sagen nicht die Wahrheit. Schon gar nicht auf Twitter. Oder in Blogs.

Kinder und Eltern sind überfordert

Smarte Mobiltelefone sind etwas Wunderbares. Sie heben unsere Fotos auf, zeigen, wo der Leihwagen steht, empfangen und versenden unsere Mails, verwalten unsere Freunde. Aber bei Kindern sind Mobiltelefone die reinste Plage. Kinder können damit, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht umgehen. Das zeigen alle kritischen Untersuchungen, die sich mit dem Thema befassen. Kinder sind überfordert. Und auch wir Eltern sind überfordert. Es wird Zeit, dass wir das zugeben. Wir haben kein Rezept, und wir sollten aufhören, uns gegenseitig vorzugaukeln, wir hätten eines. 

Spielerisch lernen mit scoyo:

Der Autor

Christian Füller ist neben Béa Beste der Elternflüsterer - Kolumne scoyo© Christian FüllerChristian Füller ist Journalist (u.a. FAS, Spiegel Online und Freitag) und Autor diverser Bücher über gute Schule und neues Lernen. Er hat sich dabei auch mit Eltern auseinandergesetzt. In „Ausweg Privatschulen“ (2010) gibt er Hinweise, welche private Schule sich lohnen könnte. In „Die Gute Schule“ (2009) analysiert er, warum Eltern so wahnsinnig wichtig fürs Lernen sind. Füller hat mit Jesper Juul über Eltern gestritten, die ihre Kinder immerzu nach ihrem Befinden befragen. Er hat bei Spiegel Online als ihr wichtigstes Prinzip „my kind first“ ausgemacht. Füller hat selbst zwei Kinder und hassliebt es immer noch, Elternvertreter zu sein.

Twitter: @ciffi | twitter.com/ciffi

Die Kolumne "Die Elternflüsterer"

Im Wechsel flüstern der Journalist Christian Füller und Bildungsunternehmerin Béa Beste den Eltern Geschichten und Beispiele aus der wunderbar chaotischen Welt des Lernens und Lebens ins Ohr. 

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