Ausstieg aus dem Helikopterdasein in 5 Schritten: mein Weg zur U-Boot-Mama

Ich habe das Zeug zur Helikopter-Mama, sagt Bildungsunternehmerin Béa Beste. Wie sie es geschafft hat, das Kontroll-Korsett abzulegen, und nur im Notfall aufzutauchen, flüstert sie uns in ihrer Kolumne zu.

Keine Helikopter-Mama, sondern U-Boot-Mama - Kolumne Die Elternflüsterer von Béa Beste
Die U-Boot-Mama taucht auf. Aber eben nur im Notfall! | © Béa Beste, tollabox.de

26.01.2015

Ich bin: Einzelkind, Abiturnote 1,5, Akademikerin, Akademikertochter, Akademiker-Großenkelin, Migrationshintergrund, Wohnort in Berlin-Prenzlauer Berg, 6 Jahre Topmanagement-Beratung, Einzelkind-Mama ... Ich habe das Zeug zur Helikopter-Mama. Aber sowas von!

Helimama, ich? Nö!

Wie bin ich also dazu gekommen, völlig gelassen zu meinem Kind, mitten in seiner Pubertät, die Worte zu sagen: "Mein Schatz, wenn du Bananenverkäuferin auf Sansibar oder Schafschererin in Neuseeland sein möchtest, ist das deine Sache! So lange es dich glücklich macht …"

Ich habe mich dazu gezwungen, das Kontroll-Korsett bewusst abzulegen. Das war so leicht wie eine Brigitte-Diät im Januar! Wie ein Halbmarathon mit nur zwei Wochen Training! Wie das Konzertgepäck von Jennifer Lopez! Unternehmerin Andera Gadeib pflichtet hier bei: "Mein Lieblingstipp: sich selbst intensiv in Gelassenheit üben. Ehrlich mit sich selbst sein und dann wie ein Mantra immer wieder sagen: 'Ich messe mich selbst nicht am Erfolg meines Kindes. Das Kind ist nicht Produkt meines Erfolgs'."

Ich habe mich entschieden, eine U-Boot-Mama zu sein. Für alle, die nun wissen wollen, wie das genau geht, sind hier die Regeln der U-Boot-Elternschaft:

In 5 Schritten zur U-Boot-Mama:

1. Alles auf dem Radar – aber Auftauchen nur im Notfall

Daher kommt eigentlich auch der Name meiner Methode. Es geht darum, maximale Informiertheit bei minimaler Präsenz zu erlangen. Erstmal ist es wichtig, in der Informationsbeschaffung nicht inquisitorisch rüberzukommen. Die Frage "Wie war’s in der Schule?" ist ein Graus für alle Kinder. Für die Jüngeren bis ca. 7 Jahre schon allein deswegen, weil sie sich aus ihrer Perspektive nur im echten Problemfall wirklich emotional getrennt fühlen von der Bezugsperson. Wenn Sie nicht wegen Bauchweh oder Hinfallen schmerzlich vermisst wurden, gehen Sie davon aus, dass das kindliche Gehirn ein wohliges Mama-ist-bei-mir-Gefühl produziert hat. Wozu soll man dann alles nochmal nacherzählen? Sie kommen viel besser an Infos, wenn Sie auch selbst von Ihrem Tag erzählen.

Aber vor allem: Stärken Sie Ihr Kind darin, seine Probleme selbst zu lösen. Machen Sie sich klar, dass nicht das Kind das Problem IST, sondern dass es vielleicht ein Problem HAT. Es braucht Ihre Unterstützung, um das Problem in den Griff zu bekommen. Sie müssen in den wenigsten Fällen etwas in den Griff bekommen – und am allerwenigsten müssen Sie Ihr Kind in den Griff bekommen. Ich habe jeden Impuls, gleich zu Lehrern, Mitschüler oder Miteltern zu rennen und direkt Sachen zu klären, reflektiert. Und oft mit meinem Kind besprochen, auch als es klein war. Meistens, in gefühlt 80 Prozent der Fälle, sind wir zu dem Schluss gekommen, dass meine Mitwirkung nicht nötig war. Und die restlichen 20 Prozent hatten es dann in sich.

2. Schwarmintelligenz: Mitschwimmer nutzen

Mein Kind ist ein Scheidungskind, dennoch war ich niemals, zu keinem Zeitpunkt, alleinerziehend. Ich habe immer durch mehr Personen als nur durch den Vater meines Kindes Unterstützung gehabt. Mir haben stets Freunde, Patenonkel, Nachbarn und Miteltern enorm geholfen und ich bin ihnen allen bis heute enorm dankbar dafür. So haben wir die Verantwortung für die Schule weitestgehend geteilt. Es ist erstaunlich, wie gut ein Lehrer akzeptiert, wenn sich auch andere kümmern: "Ich bin die Patentante und kümmere mich bei diesem Kind ums Fach Geografie" – das kann wunderbar funktionieren, beim Kind und in der Schule. Die Währung ist Hilfsbereitschaft, und nicht selten habe ich im Gegenzug die Probleme anderer Familien mit Schulfächern oder Lehrern gelöst oder eine Meute Kinder bei mir gehabt, zum Spielen oder Lernen. Alles in allem sind Zweckgemeinschaften eine wunderbare Sache!

3. Yellow-Submarine-Laune statt bedrohlichem Rattern

Immer wieder meine Rede: Man kann alles mit guter Laune tun oder mit schlechter Laune. Die Menge der Arbeit bleibt gleich. Warum sich nicht gleich für gute Laune entscheiden?

Wenn allerdings Angst vor dem Schulversagen des Kindes hochkommt, sind wir auch nur Menschen, und es kann sein, dass Negativszenarien überhandnehmen. Ich empfehle keineswegs zu schauspielern und so zu tun, als wäre nichts. Aber mir hat es viel gebracht, einfach zu überlegen, wie dynamisch unsere Welt sich verändert und dass Anforderungen von heute Morgen vielleicht schon jetzt nicht mehr gültig sind. Und mir klar vor Augen zu führen, dass mich zu entspannen für den Moment einfach das Beste ist, was ich tun kann, und habe stets dafür gesorgt, dass ich durchatmen und einen Witz machen kann. Wenn mir gar nicht nach Witzen zumute war, habe ich einfach einen meiner Lieblingssongs angemacht.

4. Wer braucht schon Übersicht? Tiefe reicht!

Sie müssen nicht alles im Blick haben, was in der Schule passiert, gelernt, gespielt und sonstwie gemacht wird. Wirklich nicht! Versuchen Sie von Anfang an, dem Kind klarzumachen, dass es selbst für die Vollständigkeit zuständig ist und nicht Sie. Machen Sie Stichproben und tauchen Sie mit dem Kind nur ganz gezielt und punktuell in die Tiefe des Schulstoffs ein. Zum Beispiel bei Hausaufgaben, da habe ich immer gefragt: "Was ist die leichteste Hausaufgabe, bei der du keine Hilfe brauchst?" Ich habe sie mir nicht einmal angeschaut, nur davon berichten lassen. Dann habe ich gefragt: "Und was ist die Schwierigste, bei der du gerne Hilfe hättest?" So hat mein Kind auch gelernt, die Schwierigkeit der verschiedenen Aufgabenstellungen einzuschätzen.

Tiefe bedeutet aber mehr als Schulstoff. Tauchen Sie bitte auch in den Gewässern ab, in denen Ihr Kind sich wohlfühlt. Bloggerin Auftragsmama schreibt: "Ich weiß aus Erfahrung, dass man da als Eltern ganz schnell in ein Schulleistungskarussell reingeraten kann ... Bis einer rausfliegt! Dann wird es Zeit, Gedanken und Vorstellungen neu zu sortieren – und man merkt, dass es sogar noch wichtigere Dinge gibt, als immer in allen Fächern die besten Zensuren vorweisen zu können. Wenn mein Kind in Mathe nur Vieren bekommt, sich aber schützend vor eine ausländische Mitschülerin stellt, ist mir das mehr wert!"

5. Andere Kapitäne, andere Sitten

Ich weiß, es gibt auch völlig unfähige Lehrer, genauso wie es überall Menschen gibt, die ihren Job nicht im Griff haben, ihn nicht mögen und da trotzdem nicht rauskommen. Das ist ein Thema für sich. Aber es gibt in staatlichen wie in privaten Schulen ein breites Spektrum an Lehrern, die okay bis richtig gut sind – die aber einfach anders sind als ich als Lernbegleiterin meines Kindes. Es hat mir immer geholfen, das mit meiner Tochter zu besprechen. Ihr klarzumachen, dass jeder Lehrer einen anderen Stil hat und dass es etwas Grips erfordert, zu durchblicken, was diesen Menschen bewegt oder verärgert.

Machen Sie Ihrem Kind klar, dass jeder Unterricht eine Art Seereise ist – und dass jeder Kapitän andere Sitten hat, die man einfach durchblicken sollte. Und wenn sich einer wirklich inkorrekt verhält, dann tritt Punkt 1 in Kraft: Die U-Boot-Mama taucht auf. Aber eben nur im Notfall!

Eine Kolumne von scoyo-Elternflüsterer Béa Beste

Über Béa Beste

Béa Beste ist Die Elternflüsterin - Kolumne scoyo© Béa Beste

Béa Beste ist Bildungsunternehmerin und Mutter einer großen Tochter, die sich schon im Studium befindet. Im Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin plädierte Béa Beste als Expertin im Bereich „Wie wollen wir lernen?“ für eine Lernkultur der Potenzialentfaltung und mehr Heiterkeit in der Bildung. Béa gründete 2006 die bilingualen Phorms Schulen. Nach sechs Jahren als CEO ging sie 2011 auf Bildungsexpedition durch Indien, Australien, Indonesien und die USA. Inspiriert von internationalen Bildungsinnovationen entwickelte sie das Playducation Konzept: Was wäre, wenn sich Lernen wie Spielen anfühlt? Leider setzte sich das Produkt, die monatliche Tollabox mit Materialien und Ideen für Familien mit Kindern ab drei Jahren, nicht am Markt durch, sodass Béa derzeit neue Ideen entwickelt, um das Konzept digital umzusetzen. Sie führt den Kreativ-Blog der Tollabox als "Tollabea" weiter

Webseite: www.tollabea.de

Facebook: facebook.com/tollabea

Twitter: @TOLLABEA | twitter.com/TOLLABEA

Die Kolumne "Die Elternflüsterer"

Im Wechsel flüstern der Journalist Christian Füller und Bildungsunternehmerin Béa Beste den Eltern Geschichten und Beispiele aus der wunderbar chaotischen Welt des Lernens und Lebens ins Ohr. 

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