Eltern sollten keine Schul-Coaches sein!

Wir haben bereits viele Expertenmeinungen zum Thema Helikopter-Eltern gehört. Nun wollen wir wissen, wie der Familienalltag aussieht. Ein Interview mit einem Vater, der für seinen Geschmack zu oft zum Ersatzlehrer wird.

Lernen: Nachhilfe - Förderung in und außerhalb der Schule: Eltern sollten keine Schul-Coaches sein!
Berufstätig, Familienvater und Schul-Coach - so sieht die Realität in vielen Familien aus | © Tatyana Gladskih - Fotolia.com

Lieber Herr K.*, Sie haben einen 11-jährigen Sohn. Welche Schulform besucht er?

Die 6. Klasse eines Gymnasiums.

Wie zufrieden sind Sie mit seinen Leistungen? Wie zufrieden ist er selbst?

Seine Leistungen liegen derzeit im durchschnittlichen Bereich, womit sowohl er als auch ich zufrieden sind. Allerdings habe ich ihm in den letzten Monaten mehr Verantwortung für seine Schularbeiten übertragen und mich um inhaltliche schulische Themen nicht mehr gekümmert. Ich vermute, dass seine Leistungen dadurch eher zurückgegangen sind.

"Die Eltern übernehmen die inhaltliche Verantwortung für die schulischen Leistungen ihrer Kinder." 

Vertrauen Sie darauf, dass die Schule Ihren Sohn ausreichend unterstützt und fördert?

Die Lehrer an unserer Schule sind überwiegend sehr engagiert und machen sich viele Gedanken über ihre Schüler. Allerdings ist es bei uns so wie bei den meisten Eltern aus unserem Bekannten- und Freundeskreis: Die Eltern übernehmen die inhaltliche Verantwortung für die schulischen Leistungen ihrer Kinder. Sie kontrollieren und verbessern die Hausaufgaben, halten die Kinder zum Lernen an und arbeiten sich in fachliche Themen ein, um die Kinder beim Lernen unterstützen zu können.

"Um beim „Run“ auf gute Leistungen der Kinder nicht ins Hintertreffen zu geraten (...), unternehmen viele Eltern alles, um ihnen und den Kindern unangenehme Erfahrungen zu ersparen."

Warum tun die Eltern das Ihrer Meinung nach?

Zwei Lehrer unserer Kinder sagten uns offen, dass sie erwarten, dass die Eltern für die ordnungsgemäße Erledigung der Hausaufgaben sorgen. Die Eltern werden damit zum verlängerten Arm der Schule. Auch das mittlerweile weit verbreitete Engagement anderer Eltern trägt hierzu bei: Um beim „Run“ auf gute Leistungen der Kinder nicht ins Hintertreffen zu geraten und den Anschluss an das Niveau der Klasse nicht zu verlieren, unternehmen viele Eltern alles, um ihnen und den Kindern unangenehme Erfahrungen zu ersparen.

"Insbesondere berufstätige Eltern haben weder die Zeit noch die inhaltlich-pädagogischen Kenntnisse für ein „Schul-Coaching“ ihrer Kinder (...)."

Was nervt Sie daran? Was war früher anders?

Insbesondere berufstätige Eltern haben weder die Zeit noch die inhaltlich-pädagogischen Kenntnisse für ein „Schul-Coaching“ ihrer Kinder und sind damit letztendlich überfordert. Zu meiner Schulzeit habe ich mich um alle schulischen Angelegenheiten selbst gekümmert. Meine Eltern haben mir hierbei vollkommen freie Hand gelassen. Dies war aus meiner Sicht – unabhängig von der jeweiligen Schulart – damals die Regel. Auch ehemalige Klassenkameraden können sich nicht daran erinnern, dass die Eltern damals in diesem Bereich so engagiert waren, wie es heute häufig anzutreffen ist und in einschlägigen Veröffentlichungen immer wieder thematisiert wird.

Was wünschen Sie sich von der Schule, den Lehrern, der Politik? Was muss sich ändern?

Schulen sollten den Unterricht und die Schularbeiten (Hausaufgaben, Lernen) mit Fokus auf die Selbstständigkeit der Kinder neu ausrichten. Bedarfsgerechte Ganztagsschulangebote können hierzu beitragen, sofern auch Schularbeiten im Rahmen der Schulzeit erledigt werden können und Fördermöglichkeiten angeboten werden.

Greifen Sie auch zu externen Angeboten, wenn es um die Lernförderung geht?

Wir suchen nach Möglichkeiten, wie unser Sohn eigenverantwortlich handeln und sich bei Bedarf mittels moderner Medien selbst behelfen kann. Daher sind wir sehr froh, dass wir für unseren Sohn scoyo gefunden haben. Was uns allerdings noch fehlt, ist ein „Rundum-Service“, der alle Belange des Lernens abdeckt.

Würden Sie von sich sagen, dass Sie ein Helikopter-Papa sind?

Auch ich habe mich an dem Trend orientiert, dass Eltern für die Erledigung der Schularbeiten durch ihre Kinder zuständig sind. Der Betriff „Helikopter-Eltern“ beschreibt diesen Sachverhalt plakativ, aber treffend.

"Den Schulen die Schuld zuzuweisen, greift meiner Ansicht nach zu kurz."

Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, ruft dazu auf, sich als Eltern zu solidarisieren, aktiv an Schulen und Lehrer heranzutreten und sich nicht alles gefallen zu lassen. 

Ich denke, dass Eltern- und Lehrerverbände gemeinsam nach Lösungen für Probleme suchen sollten. Den Schulen die Schuld zuzuweisen, greift meiner Ansicht nach zu kurz, da diese Entwicklung auch auf andere gesellschaftliche und politische Einflüsse wie beispielsweise zunehmende Leistungsorientierung und vermehrtes Konkurrenz-Denken zurückzuführen ist. Bildung sollte hierbei als individueller Prozess betrachtet werden.

Die Fragen stellte Sina Wendt.

*Auf Wunsch des Interviewpartners ist der Name gekürzt.

Herr K. steht nicht allein da!

Neuste Studienergebnisse zeigen: Ein Viertel der Eltern ist unzufrieden mit der individuellen Förderung in der Schule.

Auch andere Eltern haben das Gefühl, das Heft selbst in die Hand nehmen zu müssen, wenn´s um die individuelle Förderung ihrer Kinder geht. Das zeigt unsere aktuelle forsa-Umfrage. Auch Eltern von Kindern mit guten bis sehr guten Noten würden auf zusätzliche Lernangebote zurückgreifen. Die Gründe sind vielschichtig (siehe auch spiegel-online.de):

  • Schreibt der Nachwuchs sehr gute Noten, wollen die Eltern mit zusätzlichen Angeboten wie Lernspielen, bezahlter Nachhilfe oder weiterführenden Aufgaben vor allem Fähigkeiten fördern, die in der Schule nicht ausreichend gefördert werden (64 Prozent).

  • Bei Kindern mit guten Noten (66 Prozent) und "nicht so guten" Noten (63 Prozent) möchten Eltern vor allem das Mitkommen in der Schule sichern.

  • Um die Noten zu verbessern, würden 59 Prozent der Eltern auf zusätzliche Lernangebote zurückgreifen. Gegen zusätzliche Lernangebote würde sich nur etwa jeder achte Elternteil (12 Prozent) entscheiden. 

Weitere Umfrageergebnisse und was Experten dazu sagen,

finden Sie in unserem Booklet zur Studie Lernbegleitung.

Lernen - Nachhilfe: Studie Lernbegleitung: Eltern sind unzufrieden mit individueller Förderung in der SchuleIndividuelle Förderung: Nach Schulschluss helfen Eltern nach | © scoyo

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