Warum Kinder mehr in und von der Natur lernen sollten

Der WWF regt dazu an, wieder mehr draußen zu sein und in der Natur zu lernen. Das hilft Kindern, ihre Kreativität zu entfalten und nachhaltig zu lernen. Ein Gastbeitrag von Astrid Paschkowski und Bastian Barucker. Plus: Spiel- und Lernideen von der scoyo-Redaktion.

In und von der Natur lernen
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1. Die Natur als Inspirationsquelle für Groß und Klein

Stellen Sie sich vor, wie es sich anfühlt, durch einen Frühlingswald zu schlendern, und während dem Auge vom Erwachen der Bäume und Sträucher geschmeichelt wird, empfängt das Ohr die Gesänge der gerade wieder zurückgekehrten Singvögel. Gleichzeitig spüren Sie den Wind auf der Haut, und Ihre Nase ist überwältigt von all den Düften der Wildkräuter, die sich aus dem schützenden Boden wagen. Das Leben in der Natur beginnt wieder neu, und die Insekten, Vögel und Säugetiere werden aktiv. Es gibt an jedem Baum und Strauch etwas zu entdecken, alle Sinne sind auf Empfang.

Wie geht es Ihnen bei dieser Vorstellung? Sind Sie entspannt und auf Genuss eingestellt? Das ist normal, weil wir Menschen ein Teil der Natur sind und im Grunde eine tiefe Verbundenheit zu ihr haben.

Kinder können in der Natur selbstbestimmt lernen

Besonders Kinder blühen in der Natur meist auf. Sie sind in Bewegung, all ihre Sinne werden subtil angesprochen und sie dürfen der eigenen Neugier folgend entdecken. Stück für Stück zieht die Natur sie in ihren Bann. Die Kinder lernen selbstbestimmt und machen existenzielle Erfahrungen. Fantasie und Kreativität werden angeregt und Gestaltungskompetenzen geschult.

„Je mehr Sinne beim Lernen beteiligt sind, desto besser prägt sich einem Kind die neue Erkenntnis ein. Das beste Spielmaterial bietet dabei die Natur. Wenn Kinder zum Beispiel mit Blättern spielen, tun sie das mit mehreren Sinnen gleichzeitig. Sie nehmen den harzigen Geruch wahr, fühlen die Blattadern, unterscheiden verschiedene Farbtöne, verändern die Form des Blattes durch Zerrupfen oder Falten. Kinder lernen also durch unmittelbares Erleben.“ Prof. Dr. Gerald Hüther

Der frühe und persönliche Kontakt zur Natur kann wichtige Weichen für das Leben eines Kindes stellen: Eine tief empfundene Verbundenheit mit der Natur ist die Basis für ein positives Grundvertrauen in das Leben und weckt den Wunsch, die Erde zu schützen und als Erwachsener nachhaltig zu leben.

Status quo – es wird zu wenig in der Natur gelernt

Die Realität sieht oft anders aus. Das vom Autor Richard Louv im Jahr 2008 so betitelte „nature deficit-disorder“ (Natur-Defizit-Syndrom) ist keine klinische Diagnose, aber ein Trend, der auch hier in Deutschland voranschreitet: die Entkopplung des Lebens von den natürlichen Rhythmen.

Unser hochstrukturierter und digitalisierter Alltag erschafft eine künstlich getaktete Welt. Der Wunsch nach gemeinsamen Erlebnissen in der Natur ist zwar oft da, gerät jedoch bei all den Terminen und Lernzielen in der Prioritätenliste vieler Eltern und Bildungseinrichtungen eher an eine hintere Stelle. Immer mehr Kinder verbringen viel Zeit mit digitalen Medien, oft ohne sich dabei Wissen und Kompetenzen anzueignen. Außerdem hat sich der Bewegungsradius von Kindern in den letzten Jahren verkleinert, sodass sie weniger die Möglichkeit haben, ohne elterliche Aufsicht draußen zu spielen.

„Die Alten wussten, dass das Herz eines Menschen, der sich der Natur entfremdet, hart wird. Sie wussten, dass mangelnde Ehrfurcht, Wertschätzung von allem Lebendigem und allem, was da wächst, bald auch die Ehrfurcht und Wertschätzung vor den Menschen absterben lässt. Deshalb war der Einfluss der Natur, der die jungen Menschen feinfühlig machte, ein wichtiger Bestandteil ihrer Erziehung.“ Luther Standing Bear

2. Warum es für Kinder wichtig ist, sich draußen frei zu bewegen - die große Bedeutung des Spielens

Spielen ist für Kinder ein existenzielles Bedürfnis. Im Spiel und besonders im freien Spiel bereiten sie sich auf ihr Leben vor und erproben alles, was sie im Leben brauchen werden. Eltern wollen für ihre Kinder das Beste. Sie sind um ihr Wohl, ihren Erfolg und ihre Zufriedenheit besorgt. Und das ist auch gut so. Aus dieser Fürsorge resultiert oft das Bestreben der Eltern, dass ihre Kinder ganz viel lernen sollen. 

Aber die Anhäufung von Wissen allein reicht für eine vielseitige Persönlichkeitsentwicklung der Kinder nicht aus. Sehr unterschiedliche Herausforderungen im persönlichen und beruflichen Leben stehen ihnen bevor. Sie müssen kreative Lösungen für ganz verschiedene Fragestellungen und Probleme finden, sich den raschen Veränderungen in der Welt anpassen und ihren Platz darin finden. Dafür bedarf es Grundvertrauen, Kreativität und vielfältiger persönlicher Erfahrungen. Dennoch steht in den meisten Bildungseinrichtungen die Wissensvermittlung noch immer im Vordergrund. Der Spiele-Experte Fred O. Donaldson hat das so ausgedrückt: „Kleine Kinder spielen aus dem gleichen Grund, wie Wasser fließt und Vögel fliegen. Für den Erwachsenen heißt ursprüngliches Spiel, mit sich selbst, miteinander und mit der Welt in Berührung zu kommen.“

Es braucht Mut, wieder mehr von und mit der Natur zu lernen

In einer Zeit, wo alle von messbaren Leistungen, Effizienzsteigerung und Frühförderung sprechen, erfordert es eine Menge Mut, unseren Kindern neben dem kognitiven Lernen auch den Freiraum zurückzugeben, sich mit der Natur und sich selber zu verbinden. Nur so können wir ihnen ermöglichen, ihre Sinne und damit ihr Potenzial richtig kennenzulernen.

Selbstbestimmtes, nachhaltiges Lernen basiert auf Neugier, involviert die Sinne und stellt sinnvolle Bezüge zum eigenen Leben her. Damit geht es deutlich über das Auswendiglernen von Informationen und deren Wiederholen auf Abfrage hinaus.

3. Fokus auf das Lernen in und von der Natur: Wildnispädagogik

Wildnispädagogik möchte Menschen wieder mehr mit sich selbst, der Natur und der Gemeinschaft verbinden. Insbesondere Kindern ermöglichen die Spiele, Aktivitäten und Übungen sehr rasch eine intensive Beziehung zur Natur. Das muss nicht gelernt werden, sondern genährt, denn Kinder kommen mit einer natürlichen Neugier auf die Natur in diese Welt. Evolutionär betrachtet war der Mensch die meiste Zeit seiner Existenz (über 90 Prozent) ein Jäger und Sammler. Das bedeutet, er war darauf angewiesen, die Phänomene und Rhythmen der Natur zu kennen. Das bedeutet nicht, dass wir zurück in die Vergangenheit müssen, sondern dass wir ursprünglich ein sehr erdverbundenes Leben geführt haben. Mittels dieser ursprünglichen Lebensweise und der dazugehörigen Fertigkeiten lassen sich Kinder leicht für die Natur begeistern.

Diesem Grundanliegen haben sich beispielsweise Waldkindergärten und Naturschulen verschrieben. Auch im Freizeitbereich gibt es zahlreiche Angebote. Das WWF-Kinder- und Jugendprogramm z. B. führt jedes Jahr Natur-Camps für unterschiedliche Altersgruppen durch. Mehr Informationen www.young-panda.de/camps und www.wwf-jugend.de/camps

Tolle Naturerfahrungen – auch für Familien – organisieren aber auch die zahlreichen Wildnisschulen. Vielleicht machen Sie ja mal einen Urlaub ganz anderer Art? www.wildnisschulenportal-europa.de

Wer will nicht lernen, Feuer ohne Streichhölzer zu machen oder eine Hütte aus Stöcken und Laub zu bauen? Wie viele Kinder freuen sich auf Lagerfeuergeschichten oder Versteckspiele im Wald? Es gibt eine lange Liste von spannenden Aktivitäten wie z. B. essbare Pflanzen sammeln, Schleichen, Bogenbau, Korbflechten und das Erlernen der Vogelsprache.

WWF-Handbuch: Natur verbindet!

Natur verbindet! Das WWf Handbuch gibt Aufschluss © WWF

Solche und andere Anregungen für das Lernen im Freien mit Ihren Kindern finden Sie in unserem neuen Handbuch „Natur verbindet!“ Sie können es kostenlos bestellen unter: www.wwf.de/natur-verbindet

In Anbetracht der fortschreitenden Ausbeutung der Erde, die das Wohlergehen unserer Kinder und Enkel aufs Spiel setzt, braucht es dringlicher denn je Menschen, die sich selbst als Teil der Natur wahrnehmen.„Was nützen diese Fertigkeiten in der heutigen Zeit schon?“, könnte man anmerken. Sehr viel, denn sie helfen dabei, das dicht verwobene Netz der Natur erfahrbar zu machen und Begeisterung für die Natur und ihre Wunder zu wecken.

4 Tipps von der scoyo-Redaktion: Lernen in und von der Natur

Natur-Tipp 1: Pflanzen-Memory

Probieren Sie bei Ihren nächsten Familienausflug ins Grüne doch mal dieses kleine Natur-Lernspiel aus: Sie sammeln verschiedene Blätter und geben Ihrem Kind dann die Aufgabe, die dazugehörigen Pflanzen zu finden. Blätter unterscheiden sich in Farbe, Form, Beschaffenheit und vielem mehr. Ihr Kind muss sich diese also ganz genau angucken und wird viele neue Erkenntnisse über die Pflanzenwelt gewinnen.

Natur-Tipp 2: Die Natur spüren

Schuhe ausziehen und mit verbundenen Augen verschiedene Untergründe ertasten – dieses Spiel bringt Ihrem Kind nicht nur die Natur nah. Auch Gleichgewichts- und Tastsinn werden gefördert. Führen Sie sich gegenseitig doch einmal (vorsichtig!) barfuß durch den Wald. Über Steine, Laub, Moos, bei warmem Wetter vielleicht durch einen kleinen Bach … Es ist etwas ganz Besonderes, die Natur auf diese Weise zu erkunden.

Auch drinnen können Sie dieses Spiel spielen. Zum Beispiel bei einem Kindergeburtstag: Füllen Sie dazu flache, stabile Gefäße mit unterschiedlichen Naturmaterialien und bilden daraus einen Parcours, auf den die Kinder geführt werden. Mit etwas Matsch oder Wackelpudding wird das besonders lustig. Achtung: Schmutzfüße! Lieber eine Folie auslegen.

Natur-Tipp 3: ein eigener Garten

Eigenes Gemüse zu ernten und zu essen, zu sehen wie aus einem kleinen Samen eine große, starke Pflanze wird und zu beobachten, dass diese Pflanze Pflege braucht, um gut zu gedeihen – das sind tolle Erfahrungen, bei denen Ihr Sprössling viel lernt.

Natur-Tipp 4: ein kleines Umweltschutzprojekt

Renaturieren und Entkusseln sind für Sie Fremdworte? Hier geht es um den Erhalt der natürlichen Tier- und Pflanzenwelt. Der NABU bietet regelmäßig Mitmachaktionen für Groß und Klein an. Die Projekte helfen der Umwelt und sind ein aufregendes Erlebnis, das man nicht so leicht vergisst. Der Verein freut sich immer über tatkräftige Unterstützung. Etwas Gutes tun inklusive Lerneffekt – was will man mehr?

Die Autoren

Astrid Paschkowski

Astrid Paschkowski© Astrid PaschkowskiAstrid Paschkowski ist seit mehr als 20 Jahren beim WWF Deutschland als Bildungsreferentin tätig. 

Ihrer Arbeit liegen die Grundprinzipien einer Bildung für nachhaltige Entwicklung zugrunde. Seit zwei Jahren qualifiziert sie sich zur Wildnispädagogin.

www.wwf.de/bildung

astrid.paschkowski@wwf.de

 

Bastian Barucker

Bastian Barucker© Bastian BaruckerBastian Barucker ist Wildnispädagoge und begleitet seit über 10 Jahren Menschen in Seminaren und Weiterbildungen im Bereich Naturverbindung. Er lebte selber ein Jahr permanent in der Wildnis und interessiert sich für nachhaltige Bildungsansätze. Er arbeitete u. a. in Schulen, Waldkindergärten und Stiftungen.

www.bastian-barucker.de

barucker@posteo.de

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