Nein! Ich meine Jein. – Leichter Internet-Regeln für Kinder aufstellen

Minecraft, Snapchat und Instagram – Kinder sind Profis, was Medien angeht. Viele Eltern kommen da nicht mehr mit. Experten geben Tipps, die ihnen helfen, sinnvolle Regeln für Internet, Handy, Computer & Co. festzulegen.

Kinder und Medien: So setzten Eltern sinnvoll Regeln für die Nutzung von Internet, Handy und ComputerAuch wenn sie es nicht hören wollen, Kinder brauchen Regeln. Aber bitte auf Augenhöhe kommuniziert.

Medienpädagogen, Medienmacher, Schüler und Eltern disktutierten beim 5. Digitalen scoyo-Elternabend über den wohl größten Streitpunkt im Familienalltag: Die Mediennutzung. Kinder möchten mehr Zeit mit Handy, Computer & Co. verbringen, als sie dürfen. Das war schon immer so und wird wohl auch so bleiben. 

Doch Eltern fühlen sich immer öfter überfordert. Sie trauen sich nicht, zu diskutieren, weil die Kinder über WhatsApp, Let´s Plays und Vlog besser Bescheid wissen, als sie selbst. Der ständige Streit macht sie unglücklich, die Unsicherheit erschwert es, klare Regeln festzulegen. (Besonders dann wenn das Smartphone für die Erwachsenen selbst so wichtig geworden ist.)

Auch wir im scoyo-Team haben uns ertappt und angesprochen gefühlt. Solche Situationen kennt jeder von uns. Dabei haben wir täglich mit den neusten Angeboten auf dem digitalen Markt zu tun und kennen uns gut aus. Doch Kids nutzen Medien oft anders als Erwachsene. Das macht es schwerer, sinnvolle Regeln aufzustellen.

Deshalb haben wir die besten Tipps vom scoyo-Elternabend herauszugegriffen, die Eltern helfen können, wieder mehr auf Augenhöhe mit ihrem Nachwuchs zu kommunizieren. Denn nur so können gute Regeln für die Nutzung von Handy und Computer festgesetzt werden.

Regeln für die Nutzung von Internet, Handy und Computer aufstellen - so geht´s:

Die Experten

  • Tobias Albers-Heinemann, Referent für Medienbildung und Blogger bei medienpädagogik-praxis.de
  • Kristin Langer, Mediencoach und Medienpädagogin bei SCHAU HIN!
  • Nico Lumma, COO von Next Media Accelerator, Kolumnist bei bild.de und Blogger auf lumma.de
  • Leon Langner und Leopold Banach, Schüler und MedienScouts
  • Moderator: Daniel Bialecki, Geschäftsführer von scoyo

Welche konkreten Regeln für Handy-Einsteiger machen wirklich Sinn?

  • Reden Sie über Konfliktpunkte, die auftauchen könnte, am besten schon vorab. Hier kann es um Nutzungszeiten gehen, aber auch darum, wer die Kosten trägt, was passiert, wenn Regeln nicht eingehalten werden etc. Wichtig: Nehmen Sie Ihr Kind ernst, fragen Sie es nach den eigenen Wünschen, Anregungen und Gedanken. Wenn es die Regeln auch mitgestalten darf, wird es sich garantiert viel eher auch daran halten. Dabei könnte unser Eltern-Kind-Vertrag für Smartphone-Einsteiger eine große Hilfe für Sie sein, um die besprochenen Punkte festzuhalten.
  • Legen Sie unbedingt medienfreie Zeiten oder sogar medienfreie Tage fest. Das tut der ganzen Familie gut, besonders wenn Sie diese Zeit gemeinsam verbringen. Das hat unsere Redakteurin Kali übrigens auch schon ausprobiert: Digital Detox: Ein Wochenende Smartphone-Fasten
  • Handys sind Privatsache - das gilt auch für das Smartphone der Kinder. Eltern sollten hier Respekt zeigen. 
  • Stellen Sie die Regel auf, dass jedes Familienmitglied die anderen ermahnen darf, wenn jemand zu viel Zeit am Bildschirm verbringt - ohne, dass es in Streit ausartet. So werden sich alle bewusster über ihren Medienkonsum.

In dem Artikel "Smartphone-Einsteiger - worüber Sie jetzt sprechen sollten" haben wir weitere Vorschläge für Sie und Ihre Familie zusammengefasst.

15 Tipps, die die Kommunikation auf Augenhöhe fördern: 

1. (Digitale) Medien nicht tabuisieren, sondern von Anfang an ein festes Regelwerk und Rahmenbedingungen festlegen

„Unsere Kinder dürfen Computer spielen, fernsehen etc., aber eben nur zu bestimmten Zeiten und wenn bestimmte andere Aufgaben erfüllt sind, z. B. alles für die Schule gemacht ist. (…) Dadurch, dass wir das von Anfang so gehandhabt haben, sind diese Regeln auch Teil der normalen Mediennutzung und keine Sanktion.“ Tobias Albers-Heinemann

2. Medien nicht als Strafe oder Belohnung einsetzen

„Das kann eine böse Falle sein, denn so nimmt man die Geräte viel zu wichtig. Dadurch geraten andere Dinge des Lebens in den Hintergrund.“ Kristin Langer

3. In den Dialog treten

„Eltern sollten mehr auf die Kinder zugehen und fragen: Was machst du da am Computer? Auf welchen Internetseiten bist du unterwegs? Was machst du gern?“ rät Leon. Und auch Kristin Langer bestätigt das: „Eltern sind oft ahnungslos, wissen nicht, was ihre Kinder online machen. Wenn ich aber als Elternteil weiß, worum es geht und mir das erklären lasse, habe ich damit persönlich gute Erfahrungen gemacht. Im Grunde freue ich mich doch, wenn mein Kind Spaß hat und die Welt neu entdeckt, auch die digitale Welt.“

4. Nicht aus Unkenntnis heraus die Diskussion scheuen

„Eltern haben immer noch einen Erziehungsauftrag und müssen sich bis zu einem gewissen Punkt auch damit auseinandersetzen. Es ist gut, Regeln festzulegen und den Kindern auch zu erklären, warum man das so entschieden hat. Aber das letzte Wort bleibt einfach noch bei den Eltern. Dieses Privileg müssen wir wieder mehr in Anspruch nehmen.“ Tobias Albers-Heinemann

5. Eltern sollten mehr Position beziehen

„Oft haben Eltern Angst, dass sie ihr Kind ausgrenzen, wenn sie bestimmte Dinge nicht erlauben. Sie sollten dabei mutiger sein, auch mal zu sagen: Ich habe diese Vorstellung und ich möchte, dass das so läuft.“ Kristin Langer

6. Damit beschäftigen, was Kinder im Internet machen

„Eltern können sich nur an der Diskussion beteiligen, wenn sie auch Ahnung von der Materie haben. Das ist momentan noch ein riesiges Problem oder Riesenproblem, da Schüler einfach viel schneller im Umgang mit Handy, Computer und so sind und deshalb auch Schranken leicht umgehen können.“ Leon

7. Im Grundschulalter eng begleiten. Dann immer mehr locker lassen und sich trotzdem interessieren

„Man muss nicht unbedingt die komplette Kontrolle über die Kinder haben, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben, und immer wissen, was sie im Internet machen. Aber man tut gut daran, sich ab und zu mal zeigen zu lassen, wo die Interessen der Kinder bzw. der heranwachsenden Jugendlichen liegen. Man kann z. B. gemeinsame Abende machen und sich von seinen Kindern Lieblingsvideos, berühmte YouTuber oder besondere Kanäle auf YouTube zeigen lassen. Und darüber ins Gespräch kommen.“ Tobias Albers-Heinemann

8. Gemeinsam digitale Angebote ausprobieren

„Einfach mal FIFA gegeneinander spielen, klappt super“, sagen Leon und Leopold. Und die anderen stimmen zu.

9. Vertrauen haben

„Es kommen immer neue Trends, die Kommunikation verändert sich. Vieles ist da aus meiner Sicht total absurd. Allein der Unsinn, dass Kids eine Voicemail aufnehmen und sich die dann über Whatsapp zuschicken. Aber denen macht das nun mal Spaß. Noch wissen wir ungefähr, was sie tun, aber wir müssen den Kids auch vertrauen können. Und das kann ich nur, weil wir eben immer wieder darüber reden, was sie da machen, wie sie es machen und warum sie es machen.“ Nico Lumma

10. Unsicherheiten ablegen

„Eltern sind sonst immer in der Rolle, dass sie vorher schon wissen, worum es geht. Besonders in der Medienwelt ist das oft eben genau umgekehrt. Das macht vielen Eltern Schwierigkeiten. Wir sollten aber keine Angst haben, uns von unseren Kindern etwas erklären zu lassen.“ Kristin Langer

11. Regeln für Handy, Computer & Co., die für Eltern und Kinder gelten, aber auch Sonderregeln für Erwachsene

„Ich halte nicht sehr viel davon, Regeln zu erlassen, die für beide gelten. Meine Mediennutzung ist eine andere, die ist auch beruflich begründet und ich sehe es nicht ein, dass ich eine Stundenanzahl einhalten müsste, die auch für Kinder zählt. Aber es gibt schon Regeln, an die sich alle halten müssen, wie kein iPhone beim Abendessen“, so Nico Lumma.

Auch Tobias Albers Heinemann sagt: „100 Prozent gleiche Regeln für alle sind nicht machbar, weil wir einfach andere Grundvoraussetzungen haben, andere Nutzungsmotive. Trotzdem achte ich auf meine Mediennutzung zu Hause. Es muss klar sein, dass wenn ich Zeit mit meinen Kindern verbringe, der Fokus auf meinen Kindern liegt und nicht auf dem Smartphone. Ich suche mir deshalb einen Rückzugsraum, wo ich arbeite und versuche es zu vermeiden, mit dem Tablet im Wohnzimmer zu arbeiten, wenn die Kinder drumherum sind. Ich denke, die meisten Eltern sind sich ihrer Mediennutzung nicht bewusst, gerade was das Smartphone angeht.“

Kristin Langer rät dazu: Schau hin, was du selber machst mit den Medien! Wenn ich jeden Abend drei Stunden vor dem Fernseher sitze und mein Acht- oder Neunjähriger weiß davon, muss ich mich nicht wundern, dass er dann auch ein großes Interesse für das Fensehschauen hat und das in Anspruch nehmen möchte. Ich rate Eltern immer, überlegt euch, ob ihr was ändern möchtet und ob durch die Mediennutzung in anderen Bereichen vielleicht etwas verloren geht. Kocht ihr noch gemeinsam? Geht ihr auch oft raus?“ 

Wir haben einige Hilfmittel für Sie, die Ihnen das Überprüfen leichter machen: 

  • In unserem Medienkompetenz-Test können Sie testen, wie Ihr Kind Medien nutzt und wie gut es sich schon damit auskennt. Im Anschluss erhalten Sie wertvolle Tipps zur Medienerziehung.
  • Hier finden Sie eine kostenlose Vorlage zum Download, mit der Sie als Familie gemeinsam Ihr Medienverhalten und auch Ihre Kenntnisse überpüfen können.
  • Und in diesem Elterntest von SCHAU HIN! können Sie sich als Eltern in Sachen Mediennutzung genauer unter die Lupe nehmen.

12. Thema Facebook bzw. soziale Netzwerke: Eltern müssen auch Spielregeln einhalten und sollten Vorbild sein

Es ist wichtig, dass Eltern selbst schauen, wie sie sich auf Facebook verhalten, z.B. welche Bilder poste ich? Denn das hat möglicherweise auch für die heranwachsenden Kinder Konsequenzen.“ Kristin Langer

13. Bei Konflikten die Situation versachlichen

„Eltern sagen, dass das Kind zu viel spielt. Die Kinder sagen, das würde nicht stimmen. Diese Situation kann man versachlichen, indem man eine Zeitmessung macht und Schwarz auf Weiß festhält, wer denn nun Recht hat. Dann haben Familien eine Grundlage, auf der sie sich sachlich unterhalten können“, so Kristin Langer. Sie rät Eltern dem Kind gegenüber zu betonen, dass „das gemessen an den Punkten, die auch noch wichtig sind für dich, zu viel ist. Und ich erlaube mir diese Einschätzung, weil ich für dich sorgen und gucken muss, dass du gesund mit und ohne Medien aufwächst.“ (Dabei könnte Ihnen unser Familien-Test zur Mediennutzung helfen.)

14. Immer wieder überprüfen, ob die Regeln auch noch passen und unterscheiden zwischen „sinnvollen und dusseligen Aktivitäten am Smartphone“. Nico Lumma

​Fazit von Daniel Bialecki zum Thema Internet-Regeln für Kinder setzen:

Sich mehr trauen, ruhig mal mitspielen, von den Kindern aufklären und begeistern lassen! Und immer wieder das eigene Medienverhalten überprüfen.

Weitere Tipps von den scoyo-Elternabend-Experten, 

die nicht direkt etwas mit Regeln für Internet, Handy, Computer & Co. zu tun haben – aber trotzdem helfen können:

  • Kindersicherungen funktionieren nur bei kleineren Kindern, nicht mehr bei heranwachsenden Jugendlichen. Da sind sich die Teilnehmer des scoyo-Elternabends einig: Das Internet zu sperren funktioniert überhaupt nicht, sagt Leon. Auch Tobias Albers-Heinemann und Nico Lumma stimmen ein und erklären, dass der Quengelfaktor irgendwann so hoch und der Ideenreichtum der Jugendlichen so groß sei, dass Sperren nichts mehr bringen würde. Besser: Bestimmte Zeiten festlegen – Familienzeiten und medienfreie Zeiten.
  • Generell rät Kristin Langer, dass wir Eltern unsere Kinder mehr auffordern sollten, die Dinge auf den Bildschirmen auch zu lesen: Keine Wegklick- oder Wegwischkultur fördern, sondern das Internet ernst nehmen – mit allen Möglichkeiten und Fallen.

Den 5. Digitalen scoyo-Elternabend als Video ansehen oder als Podcast hören:

Zur Übersicht: Alle scoyo-Elternabende

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