Interview: Digitale Medien ab der Grundschule? Unbedingt!

Die Bundesregierung will die Digitalisierung in Schulen vorantreiben und hat dafür unlängst einen Gesetzesentwurf ausgearbeitet. Gegner schieben Panik. scoyo-Geschäftsführer Daniel Bialecki hält das für Unsinn.

Digitale Medien in der Grundschule: Spaß am Lernen
Neue Medien bringen neue Impulse und Möglichkeiten | © contrastwerkstatt - Fotolia.com

"Die Bundesregierung fordert Computer für den Unterricht", heißt es auf Spiegel Online. Regeln soll das ein Länderstaatsvertrag. Breitband-Internet für alle Schulen, Informatik ab der Grundschule und Algorithmen als Pflichtkurs wären die Folge. Was halten Sie davon?

Daniel Bialecki: Ich finde das prinzipiell gut, weil sich etwas bewegt. Auch finde ich gut, dass der Bund sich einschaltet, denn der Föderalismus ist schlichtweg ein Problem in unserem Bildungssystem. Gleichzeitig mache ich mir aber ein wenig Sorgen um die Umsetzung: Bis ein Staatsvertrag durch ist, kann es noch eine ganze Weile dauern. 

Interessant finde ich dabei aber vor allem, was das im Umkehrschluss bedeutet: "Von allein geht’s nicht!" Das heißt, der Staat muss eingreifen, um uns aus dem Mittelfeld im internationalen Vergleich herauszubringen. Allein aus den Schulen heraus funktioniert das nicht. Das hat sicherlich viel mit den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln zu tun. Ohne eine gute Lehrerausbildung wird das Ganze jedoch ebenso wenig funktionieren. Vor allem hieran sollte gearbeitet werden. Und schneller sollte, nein, muss es gehen.

Warum ist es Ihrer Meinung nach so wichtig, die Digitalisierung in Schulen voranzutreiben?

Daniel Bialecki: Das Internet und die digitalen Medien generell sind aus der zukünftigen Entwicklung nicht mehr wegzudenken. Sie sind das größte Kulturgut unserer Zeit, und sie bergen enorm viele Vorteile. Wir können mit digitalen Medien unter anderem besser Zusammenhänge verdeutlichen, als es ein Buch je können wird. Aber natürlich werden auch Neue Medien allein nicht funktionieren. Der Mix macht’s. Und wenn wir irgendwann den besten Nutzen aus diesem Kulturgut ziehen wollen, müssen wir die jüngeren Generationen an die Neuen Medien heranführen.

Nun gibt es auch einige, die gegen digitalen Medien in Grundschulen sind. Ganz vorn dabei sind die Autoren Gerald Lemke und Ingo Leipner („Die Lüge der digitalen Bildung – Warum unsere Kinder das Lernen verlernen“). Sie behaupten, dass digitale Hilfsmittel bis zum 12. Lebensjahr keine nennenswerten positiven Effekte haben – Kinder würden sich nur "Wischkompetenzen" aneignen, aber kein Wissen.

Daniel Bialecki: Das ist totaler Quatsch. Zum einen glaube ich das schlichtweg nicht. Echte Beweise bleiben die Autoren nämlich schuldig. Zum anderen halte ich generell nichts von Regeln à la "ab zehn Jahren das machen, ab zwölf Jahren ist das erlaubt". Entwicklungspsychologisch macht das keinen Sinn, denn jedes Kind ist anders und nimmt Dinge unterschiedlich schnell und gut auf. Letztendlich sind wir Eltern, Schulen und Bildungsanbieter dafür zuständig, Kinder an digitale Medien heranzuführen und sowohl Möglichkeiten als auch Risiken aufzuzeigen. 

Nehmen wir mal das Beispiel des Autofahrens: Jugendliche dürfen erst mit 18 Jahren ihren Führerschein machen. Das ist natürlich gut so. Trotzdem kommen sie vorher schon ihr ganzes Leben mit Verkehrsmitteln in Berührung und lernen so nach und nach, was es mit Regeln auf sich hat, wie man reagieren sollte, welche Gefahren es gibt und so weiter. Das heißt, wir lassen unsere Kinder schon früh am Straßenverkehr (passiv) teilnehmen, besprechen Erlebtes mit ihnen und zeigen auch Risiken auf.

Genau das könnte man auch auf den Bereich der digitalen Medien übertragen. Im Übrigen wäre es sehr sinnvoll, eine Art Prüfung für Medienkompetenz in der Schule einzuführen

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Auch der Journalist Christian Füller schreibt in einer Kolumne für das scoyo-ELTERN! Magazin, dass vor allem das Lernen mit Tablets viele Nachteile birgt, weil die Chat-Funktion oder das Online-Spiel nur einen Finger breit entfernt sind.

Daniel Bialecki: Die Kritik setzt an einer falschen Stelle an. Es geht hier gar nicht darum, aufgrund von Gefahren alles zu verbieten, sondern sich dieser Nachteile bewusst zu sein und die eigenen Kinder darauf vorzubereiten. Natürlich sind alle Medien faszinierend, besonders die digitalen.

In Sichtweite steht doch auch immer der Fernseher, womöglich ein Smart-TV, mit dem Kinder ebenso problemlos ins Internet gehen können und die Wahl zwischen hunderten von Sendern haben. Da gehen wir als Eltern ja aber auch nicht davon aus, dass das Kind gleich wahllos alles konsumiert und nur noch vor dem Fernseher hängt. Bzw. setzen wir dann bestimmte Regeln fest, an die sich unsere Kinder halten müssen.

Was raten Sie also Eltern und Schulen?

Daniel Bialecki: Gezielte Begleitung ist hier mein Tipp, und zwar schon dann, wenn sich das Kind für digitale Medien zu interessieren beginnt. Dafür haben wir zum Beispiel einen Smartphonevertrag erstellt. Den können Eltern ihrem Kind mit dem ersten Handy überreichen und so das Gespräch über die Risiken fördern und Bewusstsein für Gefahren schaffen. 

Um dem Nachwuchs nicht völlig freie Bahn zu lassen (was man im Übrigen niemals tun sollte), gibt es allerhand Instrumente, die Schulen wie auch Eltern nutzen können: von Filtern und Kinder-Suchmaschinen über spezielle Sperrfunktionen von Tablets oder Kinderzugänge mit CodesDie Möglichkeiten sind vielfältig und dienen als Schutz wie der Helm beim Fahrradfahren. Wir müssen sie nur nutzen und uns informieren. 

Ich denke, dass viele von uns Eltern auch Angst vor den Möglichkeiten haben, die das Internet bietet. Es sind ja wirklich unzählige. Und dann kommen immer wieder neue Negativschlagzeilen hinzu, und zwar mehr als positive Meldungen. Da ist viel Stimmungsmache dabei, gerade von Seiten der Medien. Klar, dass das verunsichert.

Über Daniel Bialecki

Moderator beim scoyo-Elternabend zu Medienkompetenz: Daniel Bialecki, scoyo-GeschäftsführerDaniel Bialecki | © scoyoDer gelernte Diplom-Ingenieur ist Geschäftsführer von scoyo, der Online-Lernplattform für Kinder, und seit über 13 Jahren im Bereich der digitalen Wissensvermittlung tätig. Gemeinsam mit Pädagogen und renommierten Geschichtenentwicklern baute er die virtuelle Lernumgebung von scoyo maßgeblich mit auf. Den dreifachen Vater beschäftigt vor allem, mit welchen Methoden bzw. Mitteln man Kindern den Spaß am Lernen erhalten kann. 

Sie möchten Ihren Kindern digitale Medien näherbringen? Diese Artikel könnten Ihnen weiterhelfen:

  1. Medienkompetenz von Kindern beurteilen und individuelle Tipps erhalten: Der große Medienkompetenz-Test!

  2. Digitaler scoyo-Elternabend im Netz (Video): Experten diskutieren über Medienerziehung: Hier das komplette Video anschauen (ca. 50 Minuten) oder die Zusammenfassung inklusive der besten Tipps für die Medienerziehung für Eltern (Schritt für Schritt)

  3. Schritt für Schritt Internet kindersicher machen: So geht´s!

  4. Online lernen mit den richtigen Angeboten: Daran erkennen Sie gute Online-Lernangebote (inklusive Checkliste zum Ausdrucken)

  5. Kinder & Neue Medien – was Eltern alles beachten sollten und woran sie sich orientieren können: Expertentipps von Mediencoach Kristin Langer

Kolumnen zum Thema "digitale Medien in der Grundschule"

Auch Bildungsunternehmerin Béa Beste und Journalist Christian Füller haben sich in der Kolumne "Die Elternflüsterer" mit dem Thema digitale Medien im Unterricht auseinandergesetzt. Hier können Sie die Texte nachlesen:

Christian Füller: Hohe Wischkompetenz, aber keine positiven Effekte fürs Lernen

Béa Beste: Fresst das, ihr Dinos! 

Blog-Parade digitaler Fortschritt: Fluch oder Segen für unser(e) Bildung(ssystem)?

Auf dem Blog von Flexperto läuft eine Blogparade unter dem Titel "Digitaler Fortschritt – Fluch oder Segen für unser(e) Bildung(ssysteme)?". Verschiedene Autoren schreiben zum Thema ihre Meinung und verlinken ihren Text unter dem Aufruf. Sehr spannend zu sehen, welch unterschiedliche Blickrichtungen es gibt. 

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