Kind und Karriere – geht das? 5 Fragen an Isabel von Little Years #worklifefamily

Die Diskussion um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf reißt nicht ab. Doch wie sehen das Mütter und Väter, die Kinder und Karriere schon längst unter einen Hut bringen? Was geht nicht, was eben doch? Eine Interviewreihe

01.05.2015

Ein Grundproblem gibt es leider nicht, sondern viele, viele kleine und große Baustellen.

Isabel von Little Years

Familie: Isabel von Little Years im Interview zum Thema Kind und Karriere - geht das?Isabel von Little Years beantwortet für uns die Frage: Kind und Karriere – geht das? | © Little YearsIch bin Isabel, 33 Jahre alt, mein Sohn Xaver ist zwei. Ich schreibe das Blogzine Little Years, das wir (meine Partnerin Marie und ich) damals ins Leben gerufen haben, als wir schwanger waren, weil wir eine positive Anlaufstelle für Mütter schaffen und irgendwie Lifestyle und Kinderhaben miteinander verbinden wollten. Wir porträtieren interessante Mamas und Papas, schreiben viel über Mode und Interieur, aber auch über unsere täglichen Konflikte mit dem Eltern-Dasein und allem, was dazu gehört. Zusätzlich dazu habe ich eine Teilzeit-Stelle in der Pressestelle eines Wissenschafts-Projekts.

 

1. Isabel, du hast einen zweijährigen Sohn und arbeitest nebenbei etwa 30 Stunden. Dein Mann arbeitet frei, manchmal 60, manchmal nur 10 Stunden. Wie sieht euer Alltag aus? Wie lockert ihr den Spagat zwischen Kind und Karriere?

Also, erstmal finde ich es lustig, dass du sagst, ich habe einen Sohn und nebenbei arbeite ich noch. Beim Mann fragst du das nicht so. Wir haben beide Jobs und nebenbei sind wir noch Eltern, so würde ich das sagen! Mein Freund und ich sind sehr gleichberechtigt, was unsere Eltern-Pflichten angeht, versuchen aber auch, uns immer beruflich den Rücken freizuhalten.

Eine normale Woche sieht so aus, dass der Papa Xaver am Montag, Dienstag und Mittwoch gegen 9:30 Uhr in die Kita bringt, ich hole ihn am Dienstag und am Mittwoch gegen 16 Uhr ab. Montags arbeite ich immer länger, und Donnerstag und Freitag sind meine Little-Years-Tage – je nachdem, wie viel Arbeit anfällt, bringe und hole ich Xaver, oder der Mann muss wieder ran. Es gibt aber auch Wochen, da hat einer einen großen Job und kaum Zeit, dann übernimmt nach Möglichkeit der andere. Die Nachmittage verbringen wir möglichst intensiv mit Xaver, genauso die Wochenenden, und abends darf einer von beiden oft raus und der andere übernimmt.

Und wir haben das große Glück, eine sehr engagierte Oma in der Stadt zu haben, die gerne mal abends das Bett-Ritual übernimmt und bei der Xaver auch regelmäßig (oft zusammen mit seinen Cousins) übernachtet. Dann gibt’s auch mal wieder Zeit als Paar!

Du merkst: Es ist ein kompliziertes Geflecht aus Aufgabenverteilung und Plänen, bei dem jeder versucht, nicht zu kurz zu kommen. Der Spagat gelingt uns aber dank dieses Geflechts ziemlich gut. Es gibt Zeiten, in denen sind wir völlig überarbeitet und angestrengt, aber meistens schaffen wir es, unsere Arbeit zu bewältigen und unseren Sohn nebenbei noch ganz doll genießen zu können!

2. Hand aufs Herz: Wovon muss man sich als berufstätige Eltern wirklich verabschieden?

Von Freiheit, denke ich. Spontane Besäufnisse gibt es nicht mehr, für viel „Selbstverwirklichung“ bleibt keine Zeit. Da ist es aber egal, ob man arbeitet oder nicht, das bringt das Elternsein so mit sich. Die fehlende Freiheit ist das, was mich persönlich am meisten belastet … Und ich finde auch, dass krasse 60-Stunden-Jobs, am besten noch mit vielen Geschäftsreisen, sich nicht mit einem kleinen Kind vereinbaren lassen. Es würde allen Eltern guttun, sich einfach einzugestehen, dass man Abstriche machen muss. Und dass das vielleicht auch ganz gut so ist!

4. digitaler scoyo-Elternabend: Beruf und Familie vereinbaren4 Experten diskutierten live im Netz zum Thema Vereinbarkeit - hier Video anschauen | © scoyoWir arbeiten alle noch sehr lange, warum nicht in den ersten Jahren, in denen das Kind klein ist, ein bisschen kürzertreten? Und irgendwann ist man vielleicht auch genug ausgegangen, hat genug erlebt, die Welt gesehen, und es macht Spaß, Wurzeln zu schlagen und den Fokus einfach mal ein bisschen zu verrücken. Von sich selbst zu diesem kleinen Wesen, das jetzt einfach wichtiger ist.

3. Gab es Situationen mit Arbeitgebern, Kita o. Ä., die dich richtig auf die Palme gebracht haben?

Nein, eigentlich nie! Ich habe einen wundervollen Chef, der damals selbst den Großteil der Kindererziehung gestemmt hat, während seine Frau Vollzeit gearbeitet hat. Weil es für sie beruflich so schwer war, haben die beiden am Ende kein zweites Kind bekommen. Das hängt ihm immer noch nach, deshalb motiviert er mich sogar, bald „nachzulegen“. Auch unsere Kita ist sehr open-minded, die meisten Mütter arbeiten, niemand wird verurteilt …

Ich habe wirklich großes Glück, ein so offenes Umfeld zu haben, glaube ich. Ich denke gerade wirklich stark nach, aber nein, es gab nie eine Situation, in der mir das „Arbeitende-Mutter-Sein“ schwer gemacht wurde. Jeder hat immer Verständnis, wenn das Kind krank ist oder wenn mein Freund und ich z. B. so lange arbeiten müssen, dass wir Xaver mal später holen. Ich weiß aber, dass ich damit leider die Ausnahme bin!

4. Was, denkst du, ist das Grundproblem beim Thema Vereinbarkeit? Was müsste sich ändern, damit Kind und Karriere ohne Wenn und Aber möglich wären?

Ein Grundproblem gibt es leider nicht, sondern viele, viele kleine und große Baustellen. Ich habe darüber gerade einen langen Artikel geschrieben, der alles zusammenfasst. Kurz gesagt:

  • Wir müssen alle weniger arbeiten,
  • Teilzeitarbeit muss besser angesehen sein,
  • die Kinderbetreuung muss besser und günstiger werden.
  • Und wir Eltern selbst müssen auch aufhören, Kinder und Arbeit rigide voneinander zu trennen. Wir sind Eltern, und das schlägt sich auch im Arbeitsleben nieder. Schlimm ist das nicht, es gehört einfach dazu! Wenn wir nicht verleugnen würden, dass wir Kinder haben (und deshalb manchmal müde sind, früher gehen müssen, krank sind, das Nachmittags-Meeting verpassen …), würde die Arbeitswelt vielleicht auch etwas kinderfreundlicher.
  • Ach ja, und Mütter machen sich immer noch viel zu viel Stress, weil sie vom Prinzip „arbeitende Mutter“ selbst nicht ganz überzeugt sind …

Es hilft auch immer, sich mal umzusehen, wie das so in anderen Ländern läuft. In Schweden, Dänemark, Norwegen … müsstest du mir diese Frage nicht stellen, Vereinbarkeit ist einfach selbstverständlich dort, fast ein Grundrecht!

5. Was sind deine persönlichen Tipps für Mütter und Väter, die versuchen, Beruf und Familie besser zu vereinbaren?

Hm, schwierig. Ich glaube, jeder muss seinen Weg finden und seine Bedürfnisse klar einfordern, beim Partner und auch beim Arbeitgeber. Ich will aber niemandem vorschreiben, wie er leben soll! Ich habe viele Freundinnen, die sich gegen den Beruf entschieden haben, als die Kinder kamen – das sehe ich total kritisch, weil ich finde, man sollte immer unabhängig sein. Das Hausfrauen-Dasein führt nun einmal oft in die Altersarmut, und das kann einfach jedem passieren. Aber ich würde diesen Freundinnen trotzdem ihren Lebensentwurf nicht absprechen wollen. Sie sind alt und schlau genug, um das selbst zu entscheiden.

Prinzipiell glaube ich aber, Gleichberechtigung in der Beziehung ist oft ein Thema. Die meisten Frauen drehen irgendwann durch, wenn sie neben ihrem Job auch noch den Haushalt alleine schmeißen müssen.

Auch glaube ich, wenn mehr Eltern ihren Chefs gegenüber mutiger wären und ganz selbstverständlich Zeit für die Familie einfordern würden, wäre das ein großer und wichtiger Schritt. Hier sind vor allem die Männer gefragt: Mehr Männer in Elternzeit wären schon mal ein Anfang. Und zwar nicht nur in den zwei Monaten, sondern viel länger! Mein Freund und ich haben uns die Elternzeit damals geteilt, und es war für uns alle eine sehr wichtige Erfahrung.

Danke Isabel für deine Antworten. 

Interviewreihe #worklifefamily - wie vereinbart man Beruf und Familie?

Familie: Andreas von Papa-Online im Interview zum Thema Kind und Karriere - geht das?2. Interview mit Andreas Lorenz von papa-online.de: "Bei den Diskussionen über die Gleichberechtigung und das neueFamilienbild wird der Vater übersehen."

© papa-online.com

 

Mehr zum Thema Kind & Karriere bald bei unserem 4. Digitalen Elternabend:

Am 19. Mai, 21 Uhr, diskutieren vier Experten live im Netz zum Thema Vereinbarkeit auf dem 4. Digitalen Elternabend von scoyoWas sind Ihre Erfahrungen? Sie können Ihre Fragen stellen oder uns Ihre Geschichte erzählen, um anderen Eltern Stolperstellen aufzuzeigen und/oder Mut zu machen: elternabend@scoyo.de. Hier können Sie die Online-Übertragung verfolgen:

4. scoyo-Elternabend: Beruf und Familie vereinbaren

Bewertung

Bewerten Sie diesen Artikel:
4,8 von 5 Sternen (4 Bewertungen)
Sie haben diesen Artikel bewertet. Vielen Dank für Ihr Feedback.

Kommentare