Stilles Ertrinken: Welche Anzeichen muss man kennen?

Die Anzahl ertrunkener Personen in deutschen Bädern ist jedes Jahr erschreckend hoch. Aber woran erkennt man Ertrinkende eigentlich? Die wichtigsten Anzeichen finden Sie hier. Rufen ist übrigens nicht dabei!

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Ein Sprung ins kühle Nass ist im Sommer ein riesiger Spaß | © pexels.com/Marc Richards

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Sommer, Sonne, Sonnenschein. Die Sommerhitze hat Deutschland 2018 fest im Griff und Rekordtemperaturen locken ins Freie. Und was macht man bei strahlendem Sonnenschein am liebsten? Na klar, ab ins Schwimmbad, in den eigenen Pool oder zum Strand. Aber auch im Winter, planschen macht fast allen Kindern großen Spaß und alle, die bereits das Seepferdchen gemacht haben, können sich für eine Weile gut über Wasser halten. Und im Notfall erkennt man Ertrinkende doch von weitem, oder nicht? Die Antwort heißt: Nicht unbedingt. Denn das sogenannte „Stille Ertrinken“ ist eine Gefahr, die von vielen unterschätzt oder schlicht gar nicht erkannt wird. Die meisten von uns haben ein ganz bestimmtes Bild von Ertrinkenden vor Augen, welches häufig durch dramatische Filmproduktionen oder Cartoons geprägt wird.

Ertrinkende wedeln in unserer Vorstellung mit ihren Armen über dem Kopf und machen durch laute Hilferufe auf sich aufmerksam. Es scheint also gar nicht so schwer zu sein, eine ertrinkende Person auszumachen und zur Rettung zu eilen.
Die Realität sieht allerdings anders aus! Zur Veranschaulichung des stillen Ertrinkens wird gerne eine Geschichte herangezogen:

Eine Familie schwamm im Meer, Eltern und Kinder waren gute Schwimmer. Plötzlich sprang ein Kapitän von seinem kleinen Boot und schwamm so schnell er konnte auf die Familie zu. Die Eltern wunderten sich, ihnen ging es doch gut, es drohte keine Gefahr. Der Kapitän schwamm an ihnen vorbei und zog ihre achtjährige Tochter aus dem Wasser, wo sie drei Meter hinter ihren Eltern dabei war zu ertrinken. Diese hatten nichts gemerkt, denn es war nichts zu hören oder zu sehen gewesen. Der Kapitän aber war ausgebildeter Rettungsschwimmer und wusste, dass Ertrinken meist völlig still abläuft.

2017 sind rund 400 Kinder in Deutschland ertrunken, 2018 bis August bereits 279 Personen. Viele von ihnen in belebten Badegewässern, in Pools und sogar in Anwesenheit ihrer Familie. Gerade weil es so schwierig ist und ständige Aufmerksamkeit von Eltern erfordert, haben wir für Sie die typischen bzw. „untypischen“ Anzeichen fürs Ertrinken einmal aufgeführt.  

So erkennen Sie Anzeichen für Ertrinken:

Familie: Freizeit: Stilles Ertrinken: Welche Anzeichen muss man kennen?Unbeschwertes Planschen oder echte Gefahrensituation? Oft nicht einfach zu erkennen! | © pexels.com/davidhiebRufen: Menschen, die sich in einer akuten Notsituation befinden, reagieren nicht mehr rational. Der Körper schaltet automatisch in den Überlebensmodus und die Reaktionen werden nicht mehr willkürlich kontrolliert, sondern laufen reflexartig ab. Beim Ertrinken ringt der Körper um jedes bisschen Sauerstoff. Sobald sich Mund und Nase der Person über der Wasseroberfläche befinden, wird nach Luft geschnappt solange es möglich ist. Fast nie ist der Kopf dabei lang genug über Wasser, um einzuatmen, laut nach Hilfe zu schreien und noch einmal einzuatmen, bevor die Person wieder unter die Oberfläche sinkt. Deshalb werden Menschen, die gerade wirklich am Ertrinken sind, nicht rufen, da Sauerstoffaufnahme die oberste Priorität hat. Zudem können in solchen Situationen kaum noch bewusste Entscheidungen getroffen werden, der Mensch ist in Panik und hat nur noch das Bedürfnis nach Luft zu schnappen, denn der Atemreflex ist allem anderen übergeordnet.

Winken: Jemand rudert wild mit den Armen und macht so erkenntlich, dass er sich in einer Notsituation befindet? Auch das ist meistens nicht der Fall. Menschen, die dabei sind zu ertrinken, pressen mit aller Kraft die Arme seitlich ins Wasser, um möglichst viel Auftrieb zu haben. Dies ist ein natürlicher Instinkt und nicht willentlich kontrollierbar. Sie werden also kein wildes Winken und Rudern mit den Armen erleben, da der Person schlicht die Kraft fehlt sich dann noch irgendwie über Wasser zu halten.

Augen: Ertrinkende haben entweder die Augen geschlossen, während die ums Überleben kämpfen, oder sie starren mit glasigem Blick ins Leere. Auch dies ist der Reaktion des Körpers geschuldet, der alle Macht darauf verwendet, zu atmen. Meist ist hängen auch die Haare im Gesicht, die sich im Wasser über die Augen gelegt haben und nicht zurückgestrichen werden können.

Körperhaltung: Wenn Sie eine Person beobachten, die mit dem Gesicht nach unten an der Wasseroberfläche treibt, sollten sie nach fünf Sekunden sofort die Rettungsschwimmer benachrichtigen oder selber die Person aus dem Wasser holen. Ertrinkende treiben häufig mit dem Gesicht nach unten an der Oberfläche, weil sie keine Kraft mehr haben, den Kopf aus dem Wasser zu strecken. Ein weiteres Zeichen ist das panische Paddeln gepaart mit Schwimmversuchen, die nirgendwohin führen. Die Beine werden meist nicht mehr zum Schwimmen benutzt, der Fokus liegt ganz auf den Armen.

Familie: Freizeit: Stilles Ertrinken: Welche Anzeichen muss man kennen?Auch, wenn es friedlich aussieht: Wasser kann schnell gefährlich werden | © pixabay.com/free-fotosAber woher kommt jetzt das Bild von Ertrinkenden, welches wir aus Filmen kennen? Auch diese Art von Notfällen gibt es. Rettungskräfte sprechen dabei allerdings nicht von Ertrinken, sondern von Wassernotsituationen. In diesen Fällen sind die Personen noch in der Lage, ihre Bewegungen zu kontrollieren und aktiv auf Hilfe zu reagieren. Sie können auf zugeworfene Rettungsleinen reagieren und sich festhalten, außerdem können sie durch lautes Rufen auf sich aufmerksam machen. In einer solchen Notsituation gilt es, zuerst den Menschen zu helfen, die nicht mehr rufen. Denn diese befinden sich in einer akuten Notsituation und sind bereits am Ertrinken.

Dieses Video macht deutlich, wie schnell sich eine gefährliche Situation ergeben kann und wie schwer es ist, eine Notlage wirklich zu erkennen. Selbst die Menschen, die sich direkt neben dem Kind befinden, greifen nicht ein, weil sie schlicht die Gefahr nicht erkennen. Können Sie erkennen, welche Person im Wasser in Not gerät?

Sekundäres Ertrinken

Ein weiteres Phänomen, welches weitestgehend unbekannt ist, ist das sogenannte sekundäre oder trockene Ertrinken, dass in der Regel nur Kinder betrifft. Dies bedeutet, dass ein Kind nicht direkt im Wasser ertrinkt, sondern erst einige Stunden oder Tage nachdem es im Wasser zu einer Notsituation kam.
Meistens wurde dabei nur ein wenig Wasser eingeatmet, entweder beim Toben im Wasser oder beim Eintauchen ins Rutschbecken. Einige Stunden später treten dann die ersten Symptome auf: Husten, Fieber, Übelkeit und Erbrechen quälen die Kinder und werden meist für einen harmlosen Infekt gehalten.

Die Symptome werden allerdings nicht besser, sondern verschlimmern sich meist noch. Wenn das Kind zudem noch teilnahmslos wirkt und sich die Lippen bläulich verfärben, ist unbedingt sofort ein Arzt aufzusuchen.

Beim sekundären Ertrinken gelangen winzige Wassermengen in die Lunge und verursachen dort Entzündungen und Schwellungen. Dies behindert den Gasaustausch in der Lunge massiv und führt dazu, dass die Kinder ersticken. Das Erkennen dieser Symptome ist schwierig, weil meistens ein größerer zeitlicher Abstand zwischen dem Einatmen von Wasser und den Symptomen liegt. Zum Glück kommt sekundäres Ertrinken selten vor, nur ein bis zwei Prozent aller Todesfälle durch Ertrinken werden damit in Verbindung gebracht. Trotzdem sollten Eltern darüber Bescheid wissen, um im Falle eines Falles angemessen reagieren zu können.

Vorsichtsmaßnahmen beim Schwimmen

Familie: Freizeit: Stilles Ertrinken: Welche Anzeichen muss man kennen?Unbeaufsichtigt in die Wellen? Keine gute Idee! | © pexels.com/Porapak ApicholidokDie wichtigste Regel: Lassen Sie Ihre Kinder nicht unbeaufsichtigt im Wasser! Kurz mal aufs Handy blicken, eine Pommes beim Schwimmbadkiosk holen oder einige Seiten im Buch lesen: All diese Sachen dauern nur ein paar wenige Minuten. Doch das sind die Minuten, die zählen. Lassen Sie ihre Kinder nicht aus den Augen, auch nicht, wenn ein Bademeister oder ein Rettungsschwimmer zugegen ist, schließlich können auch diese nicht alle Personen auf einmal im Auge behalten. Und Kinder können sich durchschnittlich nur 30-60 Sekunden an der Oberfläche halten, bis sie untergehen. Bleiben Sie also aufmerksam.

Außerdem ist ein Schwimmkurs unbedingt zu empfehlen. Ab ca. fünf Jahren können Kinder schwimmen lernen und das Seepferdchen ablegen. Nicht nur ein tolles Erfolgserlebnis für die Kleinen, sondern gibt ihnen auch immer mehr Sicherheit bei Kontakt mit Wasser.
Aber Achtung: Das Seepferdchen ist keine ausreichende Maßnahme, um aus Kindern sichere Schwimmer zu machen! Dieses Abzeichen dient lediglich der ersten Gewöhnung an Wasser und des Erlernens der Schwimmbewegungen. Der Erwerb des Jugend-Schwimmabzeichens in Bronze (Freischwimmer) ist unbedingt zu empfehlen! 

Haben Sie noch Tipps, wie Kinder sichere Schwimmer werden? Schreiben Sie uns einen Kommentar oder eine Mail an redaktion@scoyo.de

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