Achtung Wutanfall – was tun?

Sie werfen sich auf den Boden, schmollen, brechen in Tränen aus. Wenn Kinder wütend sind, steht scheinbar die ganze Welt Kopf. Was hinter diesem Gefühl steckt und was Eltern tun können, wenn ein Wutanfall naht.

Von Susanne Egert.

Familie - Entwicklung: Wutanfall - was tun?Kinder sind oft wütend, weil sie das Gefühl haben, nicht verstanden zu werden. | © Pixabay

Woher kommt das Gefühl "Wut"?

Wut entsteht häufig, wenn wir in einer Erwartung enttäuscht werden. „Ich hatte mich schon so darauf gefreut …" „Ich hatte mir das schon so schön ausgemalt …" Solche Situationen kennen Erwachsene auch – und nicht alle haben im Laufe ihres Lebens gelernt, damit umzugehen.

Eigentlich immer ist bei einem wütenden Kind das Gefühl, nicht verstanden zu werden, im Spiel. Zusätzlich fühlen sich Kinder oft benachteiligt, zurückgesetzt, ungerecht behandelt. Insbesondere wenn sie keine Möglichkeit sehen, diese Gefühle zu äußern, entsteht ein Gefühl von Ohnmacht, das dann zu der buchstäblich 'ohnmächtigen Wut' führen kann. 

Was Eltern tun sollten, wenn sich ein Wutanfall ankündigt

Vergessen Sie Boxsäcke – es sei denn Sie wollen, dass Ihr Kind boxen lernt. Und vergessen Sie Sätze wie „Du musst die Wut rauslassen". Dieser Rat ist ungefähr genauso sinnvoll, wie an einem Freitag, den 13., vorsichtshalber im Bett zu bleiben, damit keine Katastrophe passiert.

Studien haben klar gezeigt, dass es keinerlei Vorteil bietet, einen Wutanfall laufen zu lassen. Es geht niemandem besser dadurch. Im Gegenteil. Aggressionen nehmen eher zu.

Früher hieß es z. B., dass Jugendliche (und nicht nur die) sich im Fußballstadion "abreagieren" sollten, damit sie anschließend im Alltag wieder friedlich sind. Die Realität sieht genau entgegengesetzt aus: Brennende bengalische Lichter, Feuerwerkskörper, Schlägereien ... Das sind keine Zeichen von Ausgeglichenheit, oder? 

Wutanfall - was tun? In 3 Schritten zur Beruhigung:

Man sollte einen Wutanfall so früh wie möglich stoppen. Bei den ersten Warnzeichen einschreiten, sodass das Kind gar nicht erst richtig hochfährt. Wie Eltern das schaffen können? Das lässt sich in 3 Schritten erreichen:

  1. Dem Kind wirklich zuhören und es ernst nehmen, insbesondere seine Gefühle.
  2. Ggf. mit dem Kind Ideen oder Schritte entwickeln, wie sein Problem gelöst werden kann, damit es ihm besser geht.  
  3. Dem Kind Möglichkeiten zum Schaukeln anbieten.           

(Falls der Wutanfall schon begonnen hat, weil Sie die Warnzeichen vielleicht nicht bemerkt haben oder alles sehr schnell ging, drehen Sie die Reihenfolge bitte um.)

Schaukeln tut gut gegen Wut

Falls Sie bei Punkt 3 gedacht haben, Sie hätten einen Druckfehler entdeckt – nö, alles gut! Sie haben gerade einen Weg kennen gelernt, der ebenso einfach wie wirksam ist bei Wut, Unaufmerksamkeit und Unausgeglichenheit.

Durch Schaukeln und ähnliche Aktivitäten wird das Gleichgewichtsorgan angeregt, das im Innenohr sitzt. Es ist übrigens auch das Organ, das uns Reiseübelkeit beschert. Die Anregung des Gleichgewichtsorgans hat zwei segensreiche Auswirkungen: seelisch ausgleichend und aufmerksamkeitssteigernd.

Das ist der Grund, warum wir Babies seit Jahrhunderten wiegen. Kleine Kinder drehen sich um sich selbst und finden das toll. Manchen kann sogar die Achterbahn nicht schnell genug sein. Es ist immer derselbe Effekt. Und diesen sollten Eltern sich zunutze machen.

Es gibt viele geeignete Geräte, die klein genug sind, sodass man sie auch bequem in der Wohnung benutzen kann (Minitrampolin, Wackelhocker, Hängesessel, Wackelbrett, Schaukelstuhl usw.). Auch ein Bürodrehstuhl ist geeignet oder eine Hängematte.

Kommt das Kind also bereits 'geladen' aus der Schule, schicken sie es erst einmal 10 Minuten auf die Schaukel. Erst dann macht es Sinn, über alles zu reden, was anliegt.  

Klappt nicht? 3 speziellere Ursachen von Wutanfällen:

Es gibt noch drei Situationen, die nicht so ganz ins Schema passen:

Die erste Situation ist typisch für die 2-Jährigen: Sie wollen alles 'alleine' machen, können es aber in Wirklichkeit noch nicht und werden dann wütend (und zwar auf sich selbst), wenn etwas nicht gelingt oder sie etwas noch nicht schaffen. Hier ist eindeutig Geduld und Ermutigung, evtl. auch Trost, angesagt.

Die zweite Situation betrifft die Pubertierenden, deren Hormone genauso Achterbahn fahren wie ihre Gefühle. Stimmungsschwankungen und Reizbarkeit sind in dieser Zeit normal. Mit Gelassenheit zu reagieren, ist auf Elternseite das Klügste, was sie tun können - in der Gewissheit, dass diese Zeit vorbeigehen wird und die Kinder nicht ewig in diesem Durcheinander der Gefühle bleiben (bis dann irgendwann die Wechseljahre einsetzen).         

Der dritte Fall betrifft traumatisierte und auch depressive Kinder. Eine ständige Gereiztheit gehört hier zum Störungsbild. Zusätzlich haben viele traumatisierte Menschen keinen Zugang zu ihren Gefühlen. Ihr Verhalten ist für Außenstehende manchmal unverständlich und scheinbar zusammenhanglos, es ist nur vor dem Hintergrund der Traumatisierung erklärbar und erfordert fachkundige Unterstützung.

Gefühle sind ein unerschöpfliches und zentrales Thema zwischen Eltern und Kindern, denn letztlich bestimmen die Gefühle das Verhalten. Deshalb werden wir das Thema fortsetzen.

→ Lesen Sie hier: Emotionale Entwicklung bei Kindern fördern - vom Wirrwar der Gefühle

Ihre Susanne Egert

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Über Susanne Egert

Susanne Egert Psychologin© Susanne EgertSusanne Egert ist Psychologische Psychotherapeutin, Verhaltenstherapeutin und EMDR-Therapeutin. Sie arbeitet seit vielen Jahren in einer großen Jugendhilfeeinrichtung, ist Autorin des Rendsburger Elterntrainings sowie des Rendsburger Lehrertrainings und hat unter anderem das Buch „Erfolgreich erziehen helfen. Elternarbeit in Jugendhilfe, KiTa und Schule. Ein Praxisleitfaden“ geschrieben. Außerdem bildet sie bundesweit Fachkräfte im Rendsburger Elterntraining, Rendsburger Lehrertraining und zu anderen Themen fort.

Durch ihre langjährige berufliche Tätigkeit weiß sie, dass viele Konflikte zwischen Eltern, Kindern und Lehrern auf mangelndem Verständnis für den anderen beruhen. „Ich möchte dazu beitragen, dass Eltern und Kinder sich besser verstehen und ihnen dadurch das Leben ein bisschen erleichtern“, sagt die Psychotherapeutin.

Seit 2015 ist Susanne Egert Mitglied im Beirat von scoyo.

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