7 Tipps: Selbstbewusstsein bei Kindern aufbauen

Manche Menschen trauen sich mutig an Herausforderungen heran, andere scheuen diese. Der Grund liegt in der Basis: Selbstvertrauen. Mit diesen 7 Tipps unterstützen Eltern ihre Kinder darin, Selbstbewusstsein aufzubauen.

Erziehung und Entwicklung: Selbstbewusstsein bei Kindern aufbauen – aber wie?
Selbstbewusstsein aufbauen? Hier gilt: Der gerade Weg ist nicht immer der kürzeste.

Von Susanne Egert.

Leon zerreißt wütend sein Matheheft mit den Worten: "Die blöde Arbeit schreib' ich gar nicht erst mit, die schaff' ich sowieso nicht!" Marcel sagt: "Das muss doch zu schaffen sein, ich frag' meine Schwester, ob sie mir das noch mal erklärt."

Nathalie klettert wie ein Eichhörnchen auf die höchsten Klettergerüste und ist mit ihren 8 Jahren im Schwimmbad schon mal vom 5-Meter-Brett gesprungen. Sarah bleibt unten stehen und sagt: "Ich mach sowieso nur Bauchklatscher!"

Nico soll für seine Mutter im Supermarkt Milch kaufen. In der Kühlung steht keine Milch mehr. Ratlos und mit hängenden Schultern bleibt er stehen. Sein Freund Daniel sagt: "Ich geh' mal fragen, ob sie noch Milch haben."

Diese auf den ersten Blick ganz unterschiedlichen Situationen haben dennoch einiges gemeinsam: Es geht um Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen als Voraussetzung für eine Handlung. Man hat es oder nicht. Und das entscheidet darüber, ob das Kind sich an etwas herantraut und sich etwas zutraut. Mal geht es um Leistung, mal um Mut und mal um Durchsetzungsfähigkeit. Aber was lässt das eine Kind selbstbewusst werden und das andere resignieren?

Selbstbewusstsein bei Kindern aufbauen – 7 Tipps für Eltern:

Eigentlich ist es ganz einfach (und das gilt für die Kleinen wie für die Großen):

1. Eigene Erfahrungen machen

Lassen Sie die Kinder so viel wie möglich unmittelbare, eigene (sinnliche) Erfahrungen machen. Es ist ein Riesenunterschied, ob das kleine Kind beobachtet, wie im Fernsehen irgendwelche Figuren einen Ball rollen oder ob es das selber tut. (→mehr: Warum Spielen für (Schul-)Kinder so wichtig ist und schlau macht)

2. In der Natur spielen und entdecken

Erfahrungen in der Natur bieten Anregungen für alle Sinne, ohne dass man dafür etwas künstlich herstellen muss. Über einen Baumstamm, der am Boden liegt, zu balancieren, ist viel interessanter und fordert das Kind mehr als ein ebenmäßiges, dadurch auch weniger spannendes Spielplatzgerät. 

3. Sport, Sport, Sport

Bewegung und Denken hängen eng zusammen und zwar bis ins hohe Alter. Es wäre also ein Fehlschluss, dem Kind einseitig nur intellektuelle Angebote zu machen und draußen toben für Zeitverschwendung zu halten! (Und dabei haben wir noch nicht die sonstigen vorbeugenden und gesundheitsfördernden Effekte von Sport berücksichtigt.) (→mehr: 11 Tipps für erfolgreiches Lernen)

4. Ausprobieren, Fehler zulassen, weitermachen

Ermutigen Sie Ihr Kind sich an Neues heranzuwagen. Zeigen Sie, dass Sie es ihm zutrauen, damit zurecht zu kommen und machen Sie Mut, es wieder zu probieren, wenn es nicht auf Anhieb klappt. Dadurch zeigen Sie dem Kind auch, dass es normal ist, dass man nicht alles beim ersten Mal hinbekommt.

5. Übung macht den Meister

Um es auf den Punkt zu bringen: "Übung macht den Meister!" (für die Kleinen) und: "Erfolg scheint hauptsächlich eine Frage zu sein von Weitermachen, wo andere aufhören." William Feather (für die Großen).

6. Loben, aber richtig!

Loben Sie Ihr Kind für das, was es gut macht, aber auch für das Ausprobieren und für das Nicht-Aufgeben!

7. Yes, you (I) did it!

Betonen Sie, dass das Kind etwas geschafft hat und dass der Erfolg weder Zufall war noch am Wetter oder am Wochentag lag …

scoyo-Tipp: Ferien nutzen, um Selbstbewusstsein aufzubauen

Übrigens eigenen sich die Ferien sehr gut dafür, Selbstbewusstsein bei Kindern aufzubauen. Da ist es auch nicht schlimm, wenn Ihr Kind mal eine Lernpause einlegt. Das, was es nebenbei lernt und für sich mitnimmt, hat nämlich immer auch Auswirkungen auf den Schulerfolg. Ein paar Tipps haben wir hier für Sie zusammengestellt:

Soweit die Grundlagen. Jetzt zu den Details: Selbstbewusstsein bei Kindern aufbauen

Was ist eigentlich "das Beste"?

Die meisten Eltern wollen "das Beste" für ihr Kind – und das ist ja auch gut so! Es fragt sich natürlich: Was ist das Beste für ein Kind?! Viele Eltern würden antworten: "Mein Kind soll eine gute Ausbildung bekommen und einen guten Beruf erlernen." Und was ​ist ein guter Beruf? Einer, in dem man möglichst viel verdient oder der einem Freude macht, der sozial angesehen ist, der günstige Arbeitszeiten hat … oder wie definiert man einen "guten Beruf"?

Es wird deutlich, dass die Ziele, die Eltern für ihr Kind haben, durchaus stark variieren können. Entsprechend werden die Eltern unterschiedliche Maßnahmen ergreifen, Methoden einsetzen, die sie zum Erreichen dieser Ziele für erfolgreich halten.

Die einen werden versuchen, ihrem Kind sämtliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen, damit es das Kind möglichst leicht hat. Die anderen werden vielleicht Druck aufbauen, möglichst schnell und viel Wissen anzusammeln. Das Kind hat vielleicht jeden Nachmittag Kurse und seine Zeit ist völlig verplant. Aber Druck wirkt sich gar nicht gut auf das Denkvermögen aus.

Beide Strategien sind gleichermaßen untauglich, um reife, selbstbewusste, eigenständige Persönlichkeiten zu entwickeln. Denn wenn ein Kind wirklich erfolgreich sein Leben meistern soll, braucht es Durchhaltevermögen, das Zutrauen, dass es Dinge erreichen kann, die es sich vornimmt, die tiefe Gewissheit, dass es als Mensch in Ordnung ist, so wie es ist und die Sicherheit, dass die Eltern hinter ihm stehen und es lieben, egal was passiert.

Durch eigene Erfahrungen Selbstbewusstsein aufbauen

Natürlich sollen Eltern ihre Kinder vor Katastrophen schützen und nicht etwa ins offene Messer laufen lassen, aber das Kind muss auch eigene Erfahrungen machen – die sind nicht zu ersetzen. Z. B. die Erfahrung "Es lohnt sich, sich anzustrengen, nicht aufzugeben.", um dann die Befriedigung und das Glücksgefühl zu erleben, etwas geschafft zu haben – und zwar aus eigener Kraft. Das gibt jede Menge Selbstvertrauen!

Vielleicht erinnern Sie sich noch daran, welche Überwindung es gekostet hat, für das Schwimmabzeichen weiter zu schwimmen, als man eigentlich nur noch raus wollte aus dem Wasser. Und dann zu erleben, dass es irgendwie doch noch weiter ging. Und schließlich der Stolz, es geschafft zu haben. Diese Erfahrung gibt einem das Gefühl von Freiheit, weil man erlebt hat, da ist noch Reserve!

Diese Erfahrung zu machen, ist für Kinder und auch Jugendliche heute nicht mehr unbedingt selbstverständlich. Doch es lohnt sich, Kindern oder spätestens Jugendlichen dafür Gelegenheit zu geben (natürlich altersangemessen). Z. B. zum Unterricht zu erscheinen, auch wenn es mal irgendwo zwickt und man sich nicht topfit fühlt – oder wenn die Nacht kürzer wurde als gedacht.

Wer einmal die Erfahrung gemacht hat, dass man den nächsten Tag auch mit wenig Schlaf schaffen kann – es wird halt nur etwas anstrengender – kann in einer schlaflosen Nacht gelassen bleiben und erspart sich so eine Menge Stress. Denn dieser wirkt ja bekanntlich auch nicht schlaffördernd … Die Freiheit, die man dadurch gewinnt, kommt einem in vielen Situationen zugute.

So entwickeln Kinder Urvertrauen

Eltern sollten dem Kind Rückendeckung geben, eine grundlegende Sicherheit. Auf dieser Basis kann das Kind sich trauen, die Welt zu entdecken und zu erforschen – und Selbstbewusstsein aufbauen.

Was die Beziehung zwischen Eltern und Kind so besonders macht, ist ja bedingungslose Liebe. Liebe, die man sich nicht erst verdienen muss. Auch nicht durch gute Noten! Eine solche sichere Bindung ist ein wesentlicher Schutzfaktor und der größte Schatz, den Eltern ihrem Kind mitgeben können.

Um die Ecke denken 

Das mit Extra-Kursen "geförderte" Kind wird nicht unbedingt die steilste Karriere in Richtung Top-Management machen, weil dort ganz andere Fähigkeiten gebraucht werden: Die Regeln der Geometrie lassen sich nicht so einfach aufs Leben übertragen. Ein scheinbarer Umweg kann durchaus schneller zum Ziel führen.

Häufig geht es im Beruf doch um die Lösung komplexer Probleme, meist mit weitreichenden Folgen. Da nutzt angesammeltes Wissen nur sehr begrenzt etwas. Viel wichtiger ist die Fähigkeit, ungewöhnliche Lösungen zu finden, gerade nicht das Naheliegende zu denken, den Mainstream. Divergentes Denken führt zu Lösungen, auf die nur kommt, wer die "ausgetretenen Wege" verlässt. Oder, um es mit G.B.Shaw zu sagen:

"Some men see things as they are and ask 'why'? I dare to dream of things that never were and ask 'why not'?"

Das Kind, das gelernt hat, sich immer mal wieder zu fragen: "Könnte alles auch ganz anders sein?", kann durch einen Perspektivwechsel ein komplexes Problem von mehreren Seiten betrachten. Menschen neigen ja dazu, wie selbstverständlich davon auszugehen, dass alle anderen die Welt genauso sehen wie sie selbst. Wer kurzsichtig ist oder im Dunkeln schlecht sieht, kennt diese Neigung. Erinnern Sie sich, wann und wie Sie diese Schwäche bemerkt haben? Vermutlich weil Ihnen beim Zusammensein mit anderen auffiel, dass die es gar nicht so dunkel oder den Kinofilm unscharf fanden …

Diesen Perspektivwechsel kann man trainieren. Entwickeln Sie doch mal mit Ihren Kindern gemeinsam verrückte Erklärungen von Technik- oder Naturphänomenen. So in der Art "Wie funktioniert eigentlich eine Uhr?" Na klar, da sind kleine Männchen drin, die die Zeiger schieben. Das kann sehr viel Spaß machen und auch mal langweilige Wartezeit überbrücken. Und nein, es wäre nicht sinnvoller, dem Kind in derselben Zeit die Physik einer Funkuhr zu erklären (es sei denn, das ist Thema der Klassenarbeit am nächsten Tag). Die Fakten lassen sich schnell aneignen, divergentes Denken als Denkstil geht weit darüber hinaus. Es geht ja auch nicht darum, nur solche Denkspiele zu machen. Hier sind Eltern auch wichtige Vorbilder für ihre Kinder in Bezug auf die Frage "Wie löse ich ein Problem?" (→mehr: Gemeinsam auf Entdeckungsreise: 9 Tipps – Philosophieren mit Kindern)

Ziel: Das Flow-Gefühl 

Eine weitere wichtige Erfahrung, die Kindern zu wünschen ist zum Thema Lernen und Arbeit, wäre das Erleben in den "Flow" zu kommen, das ist ein Zustand voller Glücksgefühle. Man ist so gefesselt von einer Tätigkeit, dass man alles um sich herum vergisst und erst ganz allmählich wieder "auftaucht".

Wenn man sich für etwas begeistern kann, einen etwas brennend interessiert, merkt man weder Anstrengung noch Konzentration oder Zeit. Die Erfahrung, dass Arbeit nicht nur Spaß machen kann, sondern möglichst Freude machen sollte, kann dazu beitragen, eine grundlegend positive Haltung zu Arbeit und Anstrengungsbereitschaft zu entwickeln.

Die Chancen für so eine Erfahrung steigen, wenn das Kind etwas findet, das seinen Interessen und Fähigkeiten entspricht, für das es sich begeistern kann. Dazu braucht es Gelegenheit, alles Mögliche auszuprobieren und sich zu bewähren, natürlich seinem Alter entsprechend.

Als günstig hat sich ein mittleres Anforderungsniveau erwiesen, also etwas mehr als es "mit Links" schaffen würde, ohne aber überfordert zu werden. Freuen Sie sich, wenn Ihr Kind seine Neugier bewahrt und die Welt entdecken will.

Ermutigen Sie es, seinen Weg zu finden. Zeigen Sie, dass Sie stolz auf Ihr Kind sind und lassen Sie es spüren, dass Sie immer für es da sind, wenn es Sie braucht. Aber drängen Sie Ihren Rat nicht auf. Der wird mit der Zeit natürlich immer seltener gebraucht, wenn alles gut läuft. Dann können Sie mit Freude und Stolz erleben, was aus den Kindern geworden ist – Erntezeit.  

Ihre Susanne Egert

Mehr von Susanne Egert hier im scoyo ELTERN!-Magazin:

Über Susanne Egert

Susanne Egert Psychologin© Susanne EgertSusanne Egert ist Psychologische Psychotherapeutin, Verhaltenstherapeutin und EMDR-Therapeutin. Sie arbeitet seit vielen Jahren in einer großen Jugendhilfeeinrichtung, ist Autorin des Rendsburger Elterntrainings sowie des Rendsburger Lehrertrainings und hat unter anderem das Buch „Erfolgreich erziehen helfen. Elternarbeit in Jugendhilfe, KiTa und Schule. Ein Praxisleitfaden“ geschrieben. Außerdem bildet sie bundesweit Fachkräfte im Rendsburger Elterntraining, Rendsburger Lehrertraining und zu anderen Themen fort.

Durch ihre langjährige berufliche Tätigkeit weiß sie, dass viele Konflikte zwischen Eltern, Kindern und Lehrern auf mangelndem Verständnis für den anderen beruhen. „Ich möchte dazu beitragen, dass Eltern und Kinder sich besser verstehen und ihnen dadurch das Leben ein bisschen erleichtern“, sagt die Psychotherapeutin.

Seit 2015 ist Susanne Egert Mitglied im Beirat von scoyo.

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