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Tipps und Hilfe für Eltern

Kinder und Computer – Wie viel ist gesund?

Kinder Computernutzung

Kinder und Computer – Ein Thema mit Konfliktpotenzial. Wie lange ist genug und wie klärt man Konflikte wenn die Kids am liebsten den ganzen Nachmittag vor dem PC sitzen würden?

scoyo hat Eltern gefragt, wie ihre Kinder Medien nutzen dürfen. Das Ergebnis: Eltern geraten unter Druck, wenn es um die Mediennutzung geht. In jedem dritten Haushalt (30 Prozent) belasten Konflikte über den Umgang mit dem Computer das Familienleben. Das untermauert eine aktuelle Studie* von scoyo, die vom forsa-Institut durchgeführt wurde.

Außerdem wollten wir wissen, wie Eltern die Mediennutzung handhaben. Geben sie Regeln vor?
Die Studie zeigt, dass 95 Prozent der Befragten* „voll und ganz“ (85 Prozent) der Meinung sind, dass die Computerzeit begrenzt sein sollte. Unsicherheit dagegen herrscht bei der Frage, wie eng Eltern ihre Kinder beim Umgang mit Computer und Laptop begleiten sollten: 71 Prozent der Befragten meinen, Kinder zwischen 6 und 12 Jahren sollten den Computer nur im Beisein ihrer Elter nutzen. Immerhin 41 Prozent sind jedoch auch der Ansicht, dass Kinder auch alleine Zeit vor dem Computer verbringen sollten, um eigene Erfahrungen zu sammeln.

Aber worauf sollten Eltern denn nun achten, wenn es um Kinder und Computer geht? Wir haben den Medienpädagogen und Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Norbert Neuss um Rat gefragt. Prof. Neuss leitet den Studiengang „Bildung und Förderung in der Kindheit“ der Universität Gießen und ist Gründungsmitglied und Beisitzer im Vorstand des Blickwechsel e.V.. Er hat zahlreiche medienpädagogische Forschungsprojekte und Publikationen veröffentlicht und ist selbst Vater von zwei Kindern, die in die vierte und fünfte Klasse gehen.

In dem Interview haben sich vor allem fünf Tipps des Medienexperten als wertvoll und wichtig herauskristallisiert:

  1. Zeiten festlegen. Je nach Alter ein bestimmtes Budget
  2. Auf eine geschützte Umgebung achten. Mit Filtersoftware und einem Familiencomputer
  3. Regeln aufstellen, auf Gefahren hinweisen und die Elternrolle wahrnehmen
  4. Medien sinnvoll nutzen. Lernmedien sollten kindgerecht sein und an Vorwissen anschließen
  5. Selbst ein gutes Vorbild sein. Kinder wollen erleben, was Eltern vorleben

Tipp 1: Zeiten festlegen. Je nach Alter ein bestimmtes Budget

Prof. Dr. Norbert Neuss empfiehlt Eltern,mit ihren Kindern feste Zeiten zu vereinbaren, in denen Medien wie Fernsehen, Computer und Internet genutzt werden können. „Am wirksamsten sind solche Regeln, wenn sie gemeinsam ausgehandelt werden“, sagt der Pädagoge. Folgende Mediennutzungszeiten geben einen Orientierungswert für verschiedene Altersklassen:

  • 4 – 6 Jahre: ca. 20-30 Minuten pro Tag
  • 7 – 10 Jahre: ca. 30-45 Minuten pro Tag
  • 11 – 13 Jahre: ca. 60 Minuten pro Tag

„Bei Heranwachsenden ab 14 Jahren kann das Bewusstsein für die medialen Aktivitäten durch ein gemeinsam verabredetes Medienbudget pro Woche geschärft werden“, sagt Prof. Neuss. Dabei bringe es aber nichts, Medien einfach zu verbieten, ohne die Freizeit anders zu füllen. „Man muss die Computernutzung im Zusammenhang mit anderen Bedingungen des Aufwachsens von Kindern betrachten. In einer erlebnisarmen, autodominierten Lebenswelt erzeugen Medien einen großen Reiz“, fasst der Experte die Faszination, die von Medien ausgeht, zusammen. „Zeitliche Einschränkungen sind richtig, wenn Kindern dann auch ansprechende Handlungsalternativen angeboten werden“, so Neuss.

Tipp 2: Auf eine geschützte Umgebung achten. Mit Filtersoftware und einem Familiencomputer

In der Umfrage zur Computernutzung von forsa und scoyo zeigte sich, dass viele Eltern sehr verunsichert sind, wenn es um die Computernutzung ihrer Kinder geht. So sind 71 Prozent der Eltern dafür, dass Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren nur im Beisein der Eltern den Computer nutzen sollten. 44 Prozent sagen allerdings auch, dass die Kinder auch alleine Zeit vor dem Computer verbringen sollten. „Es kommt auch darauf an, ob der Computer online oder offline genutzt wird“, findet Prof. Neuss. Bei der Offline-Nutzung sei es den Eltern in der Regel bekannt, welche Spiele oder Anwendungen das Kind nutzt. „Daher ist eine selbstständige Nutzung durch das Kind leichter verantwortbar“, findet der Erziehungswissenschaftler. Sobald das Internet ins Spiel kommt, wird es komplizierter. „Wird der Rechner zum Surfen im Internet genutzt, kann es leicht passieren, dass Kinder auf entwicklungsbeeinträchtigende Seiten gelangen. Um das zu verhindern, können Eltern eine Filtersoftware installieren“, empfiehlt Prof. Neuss. Das Programm lässt dann nur bestimmte Aufrufe auf diesem Computer zu. Er nennt zwei Beispiele für geeignete Filter:

  1. Die kostenlose Filtersoftware JuSProg, die über www.jugendschutzprogramm.de kostenlos als Download bereitsteht
  2. Die Software des Anbieters t-online, www.t-online.de/kinderschutz, die das Festlegen eines Kinderprofils und das Einrichten eines Surfzeit-Budgets ermöglicht.

„Beide Filterprogramme wurden von der Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten (KJM) 2012 als Jugendschutzprogramm gemäß § 11 Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) anerkannt“, so der Experte. Sie gelten also als sicher und können die Einhaltung des Jugendschutzes gewährleisten. Des Weiteren rät Neuss, der selbst Vater ist, zu einem gemeinsamen Familiencomputer. „Kinder sollten möglichst lange keinen eigenen Computer besitzen“, rät der Professor. Die Erfahrung zeige, dass beispielsweise ein eigener Fernseher im Kinderzimmer eher schade. „Ein eigener Fernseher ist mit drei fragwürdigen Konsequenzen verbunden: die Nutzungszeiten verlängern sich erheblich, die Kinder nutzen das Gerät zu späteren Tageszeiten und sie nutzen ihn unkontrolliert“, fasst Prof. Neuss zusammen. Sein Fazit: „Dies ist auch beim Computer zu erwarten und sollte vermieden werden.“

Tipp 3: Regeln aufstellen, auf Gefahren hinweisen und die Elternrolle wahrnehmen

„Den meisten Eltern ist ihre Verantwortung, Kinder bei der Computernutzung zu begleiten, sehr bewusst“, fasst Prof. Neuss zusammen. Neben den zeitlichen Nutzungsgrenzen und der gemeinsamen Nutzung des Computers sieht er zwei wichtige Aufgaben in der familiären Medienerziehung: „Es kommt darauf an, dass Eltern ihren Kindern gerade bei der Internetnutzung verschiedene Regeln und Gefahren verdeutlichen, wie etwa beim Chatten oder in sozialen Netzwerken“, findet Prof. Neuss. „Ich würde Eltern empfehlen, mit ihrem Kind gemeinsam die Profileinstellungen in Sozialen Netzwerken durchzugehen. Mein Rat: Das persönliche Profil nur dem engsten Freundeskreis zugänglich machen und möglichst wenig persönliche Daten und Fotos im Profil ablegen!“, sagt Prof. Neuss. „Auf keinen Fall sollten Nachname, Adresse, E-Mail oder Handynummer angegeben werden“, warnt der Medienexperte.

Tipp 4: Medien sinnvoll nutzen. Lernmedien sollten kindgerecht sein und an Vorwissen anschließen

Die Welt der Medien ist heutzutage fast unbegrenzt. Informationen sind immer verfügbar. Umso wichtiger wird die eigene Medienkompetenz und dass Kinder lernen, mit dem üppigen Angebot umzugehen. „Unsere Aufgabe in dieser mediendurch¬setzten Informationswelt ist es, Information als Rohmaterial zu begreifen“, sagt Prof. Neuss. „Wir Erwachsenen selbst, aber auch Heranwachsende müssen lernen, diese Informationen eigensinnig und eigenständig zu verarbeiten. Bei Kindern geschieht das beispielsweise durch Sprechen, Zeichnen, Nachlesen, Ausdrucken, Beschriften und so weiter.“ Dabei sind nicht alle Medieninhalte gleich wertvoll. „Wenn Kinder Spaß mit Wissens- oder Lerninhaltenhaben, ist das großartig“, findet Professor Neuss. „Damit Lerninhalte für Kinder möglichst viel zur Entwicklung beitragen, ist es wichtig, dass sie an vorhandenes Vorwissen anschließen und als Informationen verarbeitet werden können“, so der Pädagoge. „Egal, ob es um digitale oder analoge Lerninhalte geht. Kinder müssen in der Lage sein, die Information zu verarbeiten!“

Tipp 5: Selbst ein gutes Vorbild sein. Kinder wollen, was Eltern vorleben

In Zeiten von Facebook und Internet sorgt das Thema Medienzeit zu Hause zunehmend für Streit. Was rät also ein Experte wie Professor Neuss Eltern von heute? „Wie eine Studie vor Kurzem gezeigt hat, besteht ein gewisses Medien-Suchtpotenzial“, berichtet der Medienexperte. „Das Suchtpotenzial vergrößert sich, wenn Kinder aus sozial schwächeren Schichten kommen, in den ein negatives Familienklima herrscht und wenn Kinder ohne Regeln früh eigene Laptops, Spielkonsolen und Smartphones besitzen.“ Dabei ist der Umgang mit Medien heutzutage ein wichtiger Bestandteil der Erziehung: „Wie in anderen Erziehungsfragen auch, geht es darum auf der Basis einer vertrauensvollen Beziehung gemeinsame Verabredungen zu treffen und klare Regeln einzuhalten“, sagt Prof. Neuss. „Dies kann aber nur gelingen, wenn die Eltern selbst auch einen kontrollierten Medienumgang pflegen“, hebt er hervor. „Frei nach dem Motto: „Wenn die Eltern glotzen bis in Puppen, wollen das die Kinder auch“, fasst der Professor zusammen. Der beste Weg zu einer gesunden und förderlichen Mediennutzung liegt also in der Hand der gesamten Familie.

Weitere Tipps. Hier bekommen Eltern Hilfe und können sich informieren:

Prof. Dr. Norbert Neuss empfiehlt folgende Informationsangebote für Eltern und Familien:

Prof. Dr. Norbert Neuss (Foto: F. Tilemann)

Professor Neuss persönlicher Tipp für Eltern und Lehrer: „Vielleicht ist es sinnvoll, im Kindergarten oder in der Grundschule mal einen Informationsabend zu diesem Thema zu organisieren. Hierzu empfehle ich einen Referenten unseres medienpädagogischen Vereins Blickwechsel (www.blickwechsel.org).“

 

*Die Zahlen sind das Ergebnis repräsentativer Umfragen, die forsa im Auftrag von scoyo durchführte. Befragt wurden jeweils 1001 Personen im Alter von 25 bis 59 Jahren mit Kindern unter 18 Jahren im Haushalt.

5 Kommentare

  1. Mit Verlaub, aber die Empfehlung von Prof. Dr. Norbert Neuss, Kindern im Alter von 4 bis 6 Jahren eine tägliche Mediennutzung von 20 bis 30 Minuten zu ermöglichen, halte ich für bedenklich hoch gegriffen. Schauen wir uns doch mal die schieren Zahlen an: Bei täglich 30 Minuten Medienkonsum würde ein Kind dreieinhalb Stunden pro Woche, 182 Stunden pro Jahr oder, auf die drei Jahre von 4 bis 6 hochgerechnet, insgesamt 546 Stunden vor einem Bildschirm sitzend verbringen.

    Zum einen wissen wir heute noch ziemlich wenig über die langfristigen Auswirkungen einer solchen Mediennutzung in den ersten Lebensjahren. In einem Alter, in dem Kinder natürlicherweise unablässig in Bewegung sind. Es handelt sich also um ein Experiment mit sehr ungewissem Ausgang. Zum anderen stellt sich durchaus die Frage nach der Qualität des Dargebotenen. Sicher ist, dass der Nachwuchs vor dem Monitor den kommerziellen Interessen der Marktkräfte weitgehend ungeschützt ausgesetzt ist.

    Als Vater suche ich unter den vielen digitalen Angeboten lange nach einem solchen Angebot, das allein zum Nutzen und Wohle der Kinder erstellt wurde. Das eben nicht den Gesetzen des Marktes verpflichtet ist, sondern der Entwicklung des Kindes.

    Im Übrigen könnte sich ein Kind während all der Stunden durchaus hervorragende Fertigkeiten in einem Lebensbereich aneignen, von dem es später intellektuell, motorisch, sozial oder künstlerisch erkennbar profitiert. Anstatt seine Zeit passiv konsumierend (fernsehend) oder in dem eigenartigen Mischzustand aus weitgehender Unbeweglichkeit sowie höchster innerer Anspannung (computerspielend) zu verbringen.

    Wohlgemerkt, wir reden hier von kleinen Kindern. In denen befinden sich altersbedingt die von mir schon erwähnten intellektuellen, motorischen und sozialen Strukturen noch im Aufbau und sind entsprechend filigran. Um ein physikalisches Bild zu verwenden: In diesem Alter werden im Kind die Sinne, die inneren Repräsentanzen der äußeren Welt kalibriert. Sie lernen differenziert wahrzunehmen und ihre Motorik fein auf das Ergebnis dieser Wahrnehmung abzustimmen.

    Deshalb ist enorm wichtig für Kinder im Alter von 4 bis 6 Jahren, sich viel in der Natur aufzuhalten und sich so umfangreich wie möglich mit lebendigen Menschen anstatt mit Maschinen im erlebbaren, im direkt spürbaren Kontakt zu befinden. Ich hätte mir gewünscht, dass dieser Aspekt im obigen Artikel deutlicher zur Sprache kommt.

  2. Hallo Herr Kerbs,
    Sie haben mit vielem Recht, was Sie schreiben. Kinder benötigen ein möglichst vielfältiges und vielseitiges Erfahrungsangebot, damit ihre Kompetenzen vielseitig ausgebildet werden. Dazu gehören Musik, Naturerfahrung, Bewegung, soziale Kontakte und vieles mehr.

    Wie wir nun aber aus der Rezeptionsforschung wissen, nutzen Kinder auch Medienangebote nicht ausschließlich passiv und destruktiv, sondern Kinder sind aktive Rezipienten, die mit Medienangeboten aktiv eigene Themen bearbeiten, sich Informationen aneignen und vieles mehr.

    Da es durchaus mittlerweile eine Erwachsenengeneration gibt, die mit ähnlicher Fernsehnutzung in ihrer Kindheit aufgewachsen ist, können wir schon sagen, dass die immer wieder vermuteten Medienwirkungskatastrophen (Spracharmut, Phantasielosigkeit, usw.) ausgeblieben sind.

    Ich motivieren zu einen verantwortbaren Medienumgang, den jeder für seine Kinder etwas anders “justiert”.
    Weitere Informationen zu meiner Position finden Sie demnächst in meinem Buch “Kinder und Medien” (siehe http://www.dr-neuss.de).
    Grüße Norbert Neuss

  3. [...] Kids denn nun konkret Zeit im Netz erlauben sollen. In einem Interview mit dem E-Learning-Portal scoyo hat Prof. Neuss, Professor für Pädagogik der Kindheit/ Elementarbildung an der Uni Gießen, [...]

  4. Urselma sagt:

    Hallo!

    Vielen Dank für den Beitrag. Mir fehlt immer noch die perfekte Lösung für dieses Problem… Hab hier auch noch einen interessanten Beitrag gelesen: http://www.myheimat.de/guenzburg/ratgeber/schule-aus-computer-an-gemeinsame-regeln-fuer-die-internetnutzung-zwischen-eltern-und-kindern-sind-das-a-und-o-d2068196.html – vielleicht interessiert er Dich ja auch.

    Schöne Grüße,
    Martin

  5. Cenzig sagt:

    Jaja und bald wird auch noch das leben begrenzt

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