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Jugendschutz

„Selbstdarstellung von Kindern und Jugendlichen im Web 2.0“

Wie kann eine effektive Regulierung aussehen?

Im deutschen Filmmuseum in Berlin ging’s am Dienstag d. 20. Juni 2009 bei einer Podiumsdiskussion mit Vorträgen um die Frage: „Selbstdarstellung von Kindern und Jugendlichen im Web 2.0 – Wie kann eine effektive Regulierung aussehen?“.

Bei diesem Thema fragen sich viele als erstes: Warum sollte die Selbstdarstellung denn überhaupt reguliert werden? Konkret würde dies ja bedeuten: Mein Plattform-Betreiber macht mir Vorschriften, welche Bilder, Videos und Sprüche ich über mich veröffentliche – in seiner Community. Für Erwachsene ist das ein Eingriff in die Privatsphäre – für Kinder und Jugendliche auch.

Kinder und Jugendliche haben jedoch keine Erfahrung mit der Veröffentlichung von privaten Daten. Und sie können die Tragweite ihrer Selbstoffenbarung nicht immer korrekt einschätzen. Das letzte Partybild zahlt vielleicht aufs Coolness-Konto ein, spätestens bei der Bewerbung auf die Lehrstelle kann es aber zum Daten-Kontrollverlust führen: Wenn der Personalchef im Web dieselben Bilder entdeckt und die Akte des Bewerbers aussortiert.

Zudem bleiben die Inhalte im Netz gespeichert und können vom Veröffentlicher nicht immer selbst gelöscht werden. Deshalb müssen Anbieter ihre Jugendschutzverpflichtungen wahrnehmen. Denn Jugendliche sind in einer Findungsphase. Positive und negative Erfahrungen mit der Verbreitung persönlicher Daten stehen noch aus. Und die Wertekontexte der Erwachsenen werden (spätestens in der Pubertät) angezweifelt. Aber: „Das Netz vergisst nicht!“

Daher spielen jugendliche User eine Sonderrolle in den Communities. Und daher stammt auch die „Medienkompetenz“-Debatte, in der Jugendschützer, Politiker und Plattform-Anbieter seit Jahren immer wieder fordern, die Teens fitter fürs Netz zu machen. So dass sie selbst entscheiden können, welche Bilder sie ins Netz stellen und was sie über ihr Privatleben veröffentlichen möchten – ohne dass diese wie ein Bumerang zurückgeschossen kommen.

Dass diese Medienkompetenz weiterhin stark ausbaubar ist, veranschaulichte Leonhard Reinecke von der Hamburg Media School in seinem Vortrag „Das Ende der Privatheit? Zum Stellenwert von Privatsphäre und Selbstoffenbarung im Social Web“ sehr deutlich:

Was lockt die Kids eigentlich in die Communities?
In einer Community ist Selbstoffenbarung alltäglich, denn man ist umgeben von „Freunden“ desselben Status (also Schüler oder andere „Peers“), die sympathisch sind. Alle User gestalten ihr Profil so attraktiv wie möglich, denn so generieren sie „Soziales Kapital“, dass die Wertschätzung in der Gruppe steigern kann. Zudem kommen „Soziale Zwänge“ hinzu: Fragen wie „Warum hast du immer noch kein Profilfoto?“ oder „Warum hast du mich nicht als „Freund“ bestätigt und mir erlaubt, dein Profil anzusehen, gehören in diese Kategorie. Die Selbstoffenbarung wird zur Eintrittskarte in den virtuellen Freundeskreis. Und: das Profil ist Werbung für die eigene Person. Doch während PR-Profis das Web 2.0 schon lange zur viralen Kommunikation nutzen, entgleist das Selbst-Marketing in Communities schnell in den Super-Gau. Ein paar Zahlen zur Selbstoffenbarung aus o.g. Vortrag:
82 Prozent der User (Erwachsene und Jugendliche) geben ihren Vornamen, in ihrem Profil an, 29 Prozent den Nachnamen (teilweise von Betreibern zur Verifizierung gefordert). 79 Prozent der Community-User laden ein Profilbild hoch, 66 Prozent uploaden Fotos der Freunde, 49 Prozent geben Namen der Schule/ Uni an, 2 Prozent nennen sogar öffentlich ihre Handynummer. 5,4 Prozent der User haben schon mal ein Bild von sich in leichter Bekleidung oder Unterwäsche veröffentlicht, aber 15,5 Prozent (!) publizierten Bilder von Freunden in Bikini, Wäsche und Co.
Bild- und Persönlichkeitsrechte werden nicht immer berücksichtigt – was können Community-Anbieter dagegen tun?

Regulierung bedeutet, dass sich die Plattformbetreiber in die Selbstoffenbarung der User einmischen und beispielsweise (wie in der freiwilligen Selbstverpflichtung „Verhaltenskodex für Betreiber von Social Communities“ der FSM festgelegt) bei jedem Bild-Upload darauf hinweisen, dass Urheberrechte gewahrt bleiben müssen, „Melde-Buttons“ und „Gespräch beenden“-Knöpfe jederzeit den Ausstieg und das Melden beleidigender und gefährdender Gespräche gewährleisten.
Die Regulierung bietet hier also Hilfen und Sicherheitsnetze, um Jugendliche vor virtueller Belästigung und akuter (auch nicht-virtueller) Gefährdung zu schützen.

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